CFO Albert Christmann wird der erste familienfremde Chef des Oetker-Konzerns. Die Aufgabe ist diffizil.

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30.12.16
CFO

CFO des Monats: Albert Christmann

Die Grandseigneurs des Oetker-Clans akzeptieren sogar eine Familienfehde, um Finanzchef Albert Christmann auf den CEO-Posten zu heben. Christmann wird Fingerspitzengefühl brauchen, um diesen Vertrauensvorschuss zu rechtfertigen.

Der aktuelle CFO Albert Christmann wird erster familienfremder Chef des Oetker-Konzerns. Das ist nicht nur historisch bemerkenswert, sondern auch vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen zwei Familienstämmen des Oetker-Clans, der Christmanns Berufung vorausgegangen ist. Mit seiner Ernennung haben sich die älteren Oetkers (vorerst) gegen die Jüngeren durchgesetzt, die lieber einen der Ihren auf dem Chefsessel gesehen hätten.

Christmann ist also kein Kompromisskandidat, sondern ein offensichtlich hochgeschätzter Manager, der sich beim Durchlaufen der Oetker-Gruppe viele Meriten erworben hat – sei es als Junior-Controller in der Zentrale, als Manager bei der Sektkellerei Henkell und in der Brauereigruppe Radeberger oder schließlich in seinen drei Jahren als Konzern-CFO.

Hamburg Süd: Albert Christmann stößt Verlustbringer ab

Von außen erkennbare große Bewährungsproben gab es in seiner CFO-Zeit aber nur wenige: Den teuren, aber wichtigen Kauf des Tortenherstellers Coppenrath & Wiese wickelte er professionell ab, während er bei der internen Aufarbeitung vermeintlicher Preisabsprachen bei Radeberger außen vor geblieben sein dürfte, da ihn die Behörden selbst zu den Beschuldigten zählen.

Dafür darf man aber annehmen, dass der Ex-Controller Christmann eine treibende Kraft hinter dem Ausstieg aus dem Reedereigeschäft gewesen ist, das Oetker vor wenigen Wochen auf den Weg gebracht hat: Die Tochter Hamburg Süd wird für einen Milliardenbetrag an den dänischen Weltmarktführer Maersk verkauft. Damit stopft Oetker eine Verlustquelle, die das Familienunternehmen zuletzt dem Vernehmen nach mehrere hundert Millionen Euro pro Jahr gekostet haben soll.

Schafft es Christmann, sich frei zu schwimmen?

Die Bewährungsproben an der Konzernspitze dürften nun aber andere werden als im CFO-Amt. Zuvorderst  muss Christmann aufpassen, im Streit der beiden Familienstämme nicht zerrieben zu werden. Er muss ein eigenes Profil entwickeln und sich Unabhängigkeit erarbeiten. Dies wird nur über eine gute Performance und reibungsloses Management gehen.

Christmann wird aber auch eine aktive Vermittlerrolle spielen und bei seinen strategischen Weichenstellungen Konsens herstellen müssen. Zahllose Beispiele aus der Konzernpraxis sowie diverse Forschungsprojekte zeigen: Familieninterne Konflikte führen häufig dazu, dass Fremdmanager an der Konzernspitze scheitern. Allerdings ist Christmann kein klassischer Fremdmanager, der von außen kommt und nach ein paar Jahren Einarbeitungszeit die Chefrolle übernimmt. Christmann ist zwar kein geborener Oetker, aber seit seinem Berufseinstieg Oetkerianer. Die Usancen und persönlichen Verhältnisse im Familienclan werden ihm vertraut sein.

Wie investiert Oetker die vielen Milliarden am M&A-Markt?

Trotzdem könnte ihn die schwelende Machtfrage bei seiner künftigen Arbeit beeinträchtigen. Dies gilt vor allem bei der Allokation der prall gefüllten Kriegskasse, in der sich nach dem Closing des Hamburg-Süd-Verkaufs wohl ein mittlerer bis hoher einstelliger Milliardenbetrag auftürmen wird – netto. Findet Oetker keine bezahlbaren M&A-Targets im Lebensmittelgeschäft, könnte mittelfristig auch der Einstieg in ein völlig neues Geschäftsfeld auf die Agenda kommen. Das wäre eine Weichenstellung für viele, viele Jahre. Ob Christmann auch dafür grünes Licht bekäme, ist höchst ungewiss.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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