Das Milliardengrab in Amerika zugeschüttet: ThyssenKrupp-CFO Guido Kerkhoff.

ThyssenKrupp

02.03.17
CFO

CFO des Monats: Guido Kerkhoff

Mit dem Verkauf des Milliardengrabs in Brasilien kann ThyssenKrupp-CFO Guido Kerkhoff endlich einen Schlussstrich unter die größte Fehlinvestition der Konzerngeschichte ziehen. Trotzdem steht eine einschneidende Transaktion noch aus.

Aufatmen bei ThyssenKrupp: Das existenzgefährdende Engagement im nord- und südamerikanischen Stahlgeschäft ist beendet. Für 1,5 Milliarden Euro verkauft der Dax-Konzern sein brasilianisches Stahlwerk an den Konkurrenten Ternium. Schon 2014 hatte sich ThyssenKrupp von seinem erst wenige Jahre zuvor errichteten Stahlwerk in den USA getrennt. Mit beiden Projekten zusammen hat der Konzern gut 8 Milliarden Euro verloren.

Die Bilanz ist bitter, doch CFO Guido Kerkhoff, der noch nicht an Bord war, als die verheerenden Investitionsentscheidungen getroffen wurden, biegt damit auf die Zielgerade des Restrukturierungsmarathons ein. Diesen absolviert der 49-jährige seit seiner Berufung zum Finanzchef von ThyssenKrupp im April 2011. Seitdem kämpften Kerkhoff und der fast zeitgleich berufene CEO Heinrich Hiesinger darum, die laufenden Milliardenverluste in Amerika zu reduzieren, die deutschen Stahlwerke effizienter zu machen und den hoch verschuldeten Konzern liquide zu halten.

Nun zeichnet sich ab, dass ThyssenKrupp die schwere Schieflage überstehen wird, ohne ein einziges Mal in ernstere Liquiditäts- oder Finanzierungsprobleme gekommen zu sein. Viele Investoren machen auch Kerkhoffs besonnene Art dafür mit verantwortlich: Der CFO hat es immer wieder vermocht, trotz beunruhigend schwacher Bilanzrelationen nachzuweisen, dass die Liquidität des Konzerns stets auf Jahre hinaus gesichert sei.     

ThyssenKrupp ächzt unter 8,8 Milliarden Euro Pensionslast

Kommt es zu keinem Konjunktureinbruch, kann Kerkhoff nun darauf bauen, dass sich in den nächsten Jahren auch die schwache Bilanz mit einer Eigenkapitalquote von derzeit gerade einmal 7 Prozent nach und nach wieder entspannen wird. Die Cash-Zuflüsse aus dem Brasilien-Deal werden ebenso zur Entschuldung beitragen wie die stabilen Cashflows des gut laufenden Industriegeschäfts mit Aufzügen und Autobauteilen, das künftig den größten Teil der Konzernumsätze erwirtschaften wird.

Eine Bilanzverbesserung ist allerdings auch nötig, denn die aktuelle Nettoverschuldung liegt bei 3,5 Milliarden Euro. Das scheint auf den ersten Blick nicht übermäßig viel zu sein, beläuft sich der bereinigte Gewinns vor Zinsen und Steuern (Ebit) doch auf knapp 1,5 Milliarden Euro. Allerdings kommen zur Verschuldung noch offene Pensionsverbindlichkeiten von 8,8 Milliarden Euro hinzu.

Fusionsgespräche mit Tata Steel stecken fest

Und es gibt noch eine weitere Flanke, die Kerkhoff und Hiesinger noch schließen müssen: das zwar profitable, aber bei weitem nicht die Kapitalkosten verdienende europäische Stahlgeschäft. Es ist bekannt, dass die beiden ThyssenKrupp-Chefs das alte Stammgeschäft am liebsten in ein Joint Venture mit den europäischen Stahlwerken des indischen Tata-Konzerns einbringen würden, um gemeinsam Kosten- und Skaleneffekte zu heben. Doch dafür gilt es zunächst den Widerstand der deutschen Stahlbelegschaft zu überwinden, die einen umfangreichen Stellenabbau fürchtet.

Außerdem müssen die Inder noch die Verteilung der Folgekosten für die Schließung  ihres schwer defizitären Stahlwerks in Port Talbot (Wales) klären, sonst gibt es keinen Deal – so lautet die Bedingung von ThyssenKrupp. Nach wie vor ist offen, wer am Ende für die milliardenschweren Pensionszusagen für die britischen Stahlarbeiter aufkommen muss. Kerkhoff und Hiesinger haben deutlich gemacht, dass ThyssenKrupp das nicht sein wird.   

ThyssenKrupp unterlag im Pensionsstreit mit Betriebsrentnern

Da die europäischen Stahlwerke von ThyssenKrupp in guter Verfassung und profitabel sind, wiegt dieses Problem aber bei weitem nicht so schwer wie das jetzt geschlossene amerikanische Milliardengrab. Außerdem ziehen die Stahlpreise seit Monaten an, was die Situation noch ein wenig weiter entschärft. Kerkhoff, dessen Vertrag noch bis 2021 läuft, dürfte genügend Zeit haben, eine gute Lösung zu finden.

Langfristig schwieriger dürfte der Umgang mit den Pensionsrisiken sein. Die 8,8 Milliarden Euro Pensionslasten des Industrieriesen sind zwar vom Niedrigzinsumfeld überzeichnet, wiegen aber trotzdem schwer – zumal Kerkhoff auf genau diesem Feld seine vielleicht größte Niederlage als Finanzchef von ThyssenKrupp erlitten hat.

Im Jahr 2015 verlor der Konzern vor Gericht den Streit mit seinen Betriebsrentnern um eine Neustrukturierung der Pensionszusagen. Das kostete den Konzern einen dreistelligen Millionenbetrag und verhinderte einen Durchbruch in der Pensionsfrage, wie ihn andere angeschlagene Industriekonzerne – zum Beispiel Heidelberger Druck – erreichen konnten. Dort haben sich Management und Arbeitnehmervertreter auf deutlich reduzierte Pensionszuschüsse des Unternehmens geeinigt, um die bestehenden Arbeitsplätze durch eine finanzielle Überlastung des Konzerns nicht zu gefährden. Bei ThyssenKrupp steht ein solcher Schulterschluss noch aus.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Für herausragende Leistungen, besonderen Spürsinn oder mutige Entscheidungen zeichnet FINANCE jeden Monat einen Finanzvorstand aus. Welche Finanzchefs die Auszeichnung bislang erhalten haben, lesen Sie auf unserer Themenseite CFO des Monats.

Mehr über Vita und Karriere-Highlights des ThyssenKrupp-CFOs bietet das FINANCE-Köpfe-Profil von Guido Kerkhoff.