Bayer

04.09.19
CFO

CFO des Monats: Wolfgang Nickl

Während im Umfeld von Bayer alle gebannt auf die nächsten Glyphosat-Prozesse warten, hat CFO Wolfgang Nickl seine Hausaufgaben gemacht. Jetzt muss aber auch er in die Warteschleife.

Bayer-CFO Wolfgang Nickl hat seine erste Bewährungsprobe bestanden: Mit dem Verkauf der Tierarzneisparte für 7,6 Milliarden Euro an den US-Wettbewerber Elanco hat er das Verkaufspaket, das er und Bayer-Chef Werner Baumann dem Kapitalmarkt Ende November 2018 vorgestellt hatten, schneller geliefert als versprochen. Die Bayer-Führung hatte in Aussicht gestellt, erst bis Jahresende damit durch zu sein.

Und die Schnelligkeit ging offensichtlich auch nicht auf Kosten der Qualität. Mit einem kumulierten Verkaufserlös von rund 9 Milliarden Euro für die Tierarzneisparte, den Chemieparkbetreiber Currenta und beiden OTC-Marken Coppertone und Dr. Scholl’s hat Bayer auch in Sachen Bewertung geliefert. Die gleiche Summe war dem Dax-Konzern in mehreren Tranchen auch schon durch die Abspaltung der Chemietochter Covestro zugeflossen. Der Markt hatte für die vier aktuellen Verkaufskandidaten mit Erlösen von etwa 8 Milliarden Euro gerechnet, die größten Optimisten mit 10 Milliarden Euro. 

Bayer hat sein A-Rating verloren

Mit diesem Resultat dürfte Nickl unter den Investoren (und auch innerhalb des Unternehmens) deutlich an Statur gewonnen haben – zumal er unbelastet ist von der Causa Monsanto. Den Rekordzukauf, der Bayer fast die Hälfte seines Börsenwerts gekostet hat, hat Nickl nicht mit eingefädelt. Der 50-jährige Finanzmanager kam erst Anfang Juni vergangenen Jahres zu Bayer, als der Deal gerade die finalen Genehmigungen erhalten hatte.

Die Milliardenerlöse aus den M&A-Projekten kann Bayer gut gebrauchen, denn nicht nur die bitteren Niederlagen in den Glyphosat-Prozessen zeigen, dass die Chemie-Ikone in einer schwierigen Lage ist. Auch der Verlust des A-Ratings durch Fitch vor wenigen Wochen ist ein Einschnitt.

Bayer-Aktie im Tal der Tränen (3-Jahres-Chart)

Verkaufserlös dürfte an Glyphosat-Kläger gehen

Ob Bayer damit jetzt das Schlimmste hinter sich hat, muss sich erst noch zeigen. In den Augen des Marktes ein Durchbruch wäre es, wenn Bayer in den nächsten Monaten in der Causa Glyphosat einen Vergleich mit einem Volumen von unter 10 Milliarden Euro abschließen und das Großrisiko so aus der Welt schaffen könnte.

Bitter ist, dass die Erlöse aus dem Verkauf des Viererpakets inklusive der Perle Tierarzneien dann nicht den Bayer-Aktionären, sondern den Glyphosat-Klägern zukämen. Der eigentlich eingeplante Entschuldungseffekt aus den Desinvestments käme nicht zustande. Aber der Dax-Konzern könnte nach einem Glyphosat-Vergleich wenigstens wieder nach vorne schauen, weil die riesige Gefahr für die Konzernbilanz nicht mehr länger vage, sondern kalkulierbar wäre.

FINANCE-Köpfe

Wolfgang Nickl, Bayer AG

Wolfgang Nickl startet seine Laufbahn 1992 als Berater und Controller bei dem deutschen IT-Dienstleister Sercon, bevor er 1995 zur Western Digital Corporation wechselt. Für den US-Festplattenhersteller ist er zunächst als Geschäftsplaner in den Niederlanden tätig, im Anschluss als Director Business Solutions in San José im Silicon Valley.

Im Jahr 2000 wechselt Nickl als Finanzvorstand zum US-amerikanischen IT-Unternehmen Converge, kehrt jedoch wenig später zu Western Digital zurück. Acht Jahre lang durchläuft Nickl dort mehrere Positionen im Finanz- und Strategiebereich. Währenddessen erwirbt Nickl 2005 einen MBA-Abschluss von der University of Southern California’s Marshall School of Business. 2010 wird er zum Finanzchef von Western Digital befördert.

Im Dezember 2013 kehrt Nickl nach Europa zurück und wird CFO des niederländischen Chipherstellers ASML. Im September 2017 beruft der Chemie- und Pharmakonzern Bayer, der seinerzeit inmitten der 63 Milliarden Dollar schweren Übernahme des Saatgutspezialisten Monsanto steckt, den damals 48-Jährigen zum CFO. Nickl tritt seine neue Position im Juni 2018 an.

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Nickl kann nicht einfach nur entschulden

Bis es soweit ist, wird sich der gebürtige Schwabe aber nicht mehr weiter beweisen können. Weitere Verkäufe stehen nicht an, und für größere Zukäufe ist sowohl die Bilanz zu angespannt als auch die Lage zu unübersichtlich. Bayer muss bis auf weiteres auf Halten spielen und Nickl im Tagesgeschäft liefern – die versprochenen Einsparungen bei den laufenden Kostenkürzungsrunden sowie die Synergien aus der Integration von Monsanto.

Erst wenn diese Programme und das Glyphosat-Drama final abgeschlossen sind, wartet auf Nickl die nächste Bewährungsprobe: die Ausarbeitung der Bayer-Strategie für die Jahre danach. An Komplexität gewinnt diese Aufgabe dadurch, dass Nickl keinen sturen Entschuldungskurs fahren kann. Vielmehr verlangt das Auslaufen entscheidender Pharmapatente Mitte des nächsten Jahrzehnts („Xarelto“, „Eylea“) nach Forschungs- und M&A-Initiativen, um den Nachschub an neuen Top-Medikamenten sicherzustellen. Derzeit beschreiben Analysten Bayers Pharma-Pipeline als eher dünn.

Zudem schwächelt das Produktportfolio an rezeptfreien Medikamenten. Diese Bayer-Sparte wächst kaum noch, wurde aber zu sehr teuren Preisen am M&A-Markt zusammengekauft. Auch hier sind stärkere Investitionen erforderlich, insbesondere ins Marketing.

Hat Nickl noch etwas für die Aktionäre in petto?

Und last but not least wollen auch die Aktionäre nach der langen Talfahrt der Aktie bei Laune gehalten werden. Das Management hat beim Kapitalmarkttag im vergangenen Dezember für den Fall erfolgreicher Desinvestments auch Aktienrückkäufe dezent in Aussicht gestellt. Falls die Glyphosat-Rechnung für Bayer aber teurer als 10 Milliarden Euro ausfallen sollte, könnte es stattdessen sogar eine Dividendenkürzung geben. Das könnte die Stimmung rund um den Dax-Konzern noch explosiver werden lassen. 

Dass Bayer-Chef Baumann diese Neuausrichtung noch gestalten wird, ist zweifelhaft – zu sehr haben die Glyphosat-Risiken und der Monsanto-Kauf seine Position geschwächt. Auf Nickl wird in den nächsten Jahren daher noch zu achten sein. Seine Sichtbarkeit als Finanzchef dürfte zunehmen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehr Infos zur Vita des Bayer-CFOs bietet das FINANCE-Köpfe-Profil von Wolfgang Nickl.

Eine Übersicht über alle bisherigen CFOs des Monats gibt es auf der dazu gehörigen FINANCE-Themenseite CFO des Monats.