Pierre Kemula leitet seit 2016 die Finanzen des Biotech-Unternehmen Curevac. Er ist unser CFO des Monats September.

CureVac

03.09.20
CFO

Curevac-Finanzchef Pierre Kemula überholt Dax-CFOs

Pierre Kemula sammelte innerhalb kürzester Zeit mehr Geld ein, als es so mancher Dax-100-CFO geschafft hätte. Was kann er tun, damit sich die Erfolgswelle nicht als Seifenblase entpuppt? Unser CFO des Monats.

Es gibt nicht viele CFOs, die in vergangenen acht Wochen so viel Eigenkapital eingesammelt haben wie Curevac-Finanzleiter Pierre Kemula. Dabei führt der CFO mit Curevac ein Biotech-Unternehmen, das im vergangenen Jahr gerade einmal 17,4 Millionen Euro umsetzte, 480 Mitarbeiter beschäftigt und tiefrote Zahlen schreibt.

Insgesamt füllten sich die Curevac-Kassen über den Sommer durch Kapitalspritzen vom Bund, von dem Pharmakonzern GSK und dem Staatsfonds von Katar um 640 Millionen US-Dollar. Dem folgte Mitte August ein fulminantes Börsendebüt. Mit dem IPO an der Nasdaq flossen weitere 213 Millionen US-Dollar auf die Curevac-Konten, und Hauptaktionär Dietmar Hopp schoss auch gleich nochmal 100 Millionen US-Dollar nach.

Direkt am ersten Handelstag konnte sich der Ausgabepreis mehr als vervierfachen. Der kleine Impfstoffentwickler aus Tübingen genießt jetzt höchste Aufmerksamkeit an der Nasdaq, die Marktkapitalisierung erreicht über 7 Milliarden Euro.

Curevac-Hype: Diesen Anteil hat CFO Kemula

Pierre Kemula, unser CFO des Monats September, und seine Vorstandskollegen haben konsequent die Gunst der Stunde genutzt. Corona brachte den Tübingern einen enormen Schub. Ihre experimentelle Impfstofftechnologie mit mRNA-Botenstoffen galt noch im Winter als experimentell, ihre Aussichten ungewiss. Inzwischen sind mRNA-Impfstoffe der große Hoffnungsträger im Kampf gegen Corona, lassen sich solche Impfstoffe doch viel schneller in größeren Mengen produzieren als klassische Lebend- und Totimpfstoffe. Und Curevac ist einer der Pioniere dieser Technologie, die Curevac eigentlich als erstes im Kampf gegen Krebs in Stellung bringen wollte. 

Doch nicht nur die Forscher waren agil, als sie direkt nach Ausbruch des Coronavirus in China schon intensiv damit begannen, ihre Technologie für die Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs einzusetzen. Auch Kemula setze seine Maschinerie in Gang und bereitete gleich auf mehreren Kanälen Kapitalaufnahmen vor, schließlich war klar: Die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs bis zur Marktreife und der Aufbau eines großen Produktionsnetzwerks würde viele hundert Millionen Euro kosten.

„Wir werden uns immer nach zusätzlichen Finanzierungsquellen umsehen“

Pierre Kemula, CFO Curevac

Ohne Zweifel hilfreich dürfte gewesen sein, dass Kemula schon einmal einen Börsengang begleitet hatte: 2014 führte er Pixium Vision, ein medizinisches Technologieunternehmen, an die Euronext in Paris. Dort lagen nur wenige Monate zwischen seinem Start als CFO und dem Börsengang, bei Curevac waren vier Jahre. Begonnen hatte Kemula seine Karriere als Unternehmensberater unter anderem bei Cap Gemini und Roland Berger.

Was wollen die einzelnen Curevac-Aktionäre?

Nun, da die Kasse gut gefüllt ist, kann sich Kemula aber nicht zurücklehnen. Das Austarieren der verschiedenen Aktionärsinteressen ist seine nächste große Bewährungsprobe – und die muss er bestehen, schließlich wird Curevac in absehbarer Zukunft weitere umfangreiche Kapitalspritzen benötigen, wenn es darum geht, die Krebsimpfstoffkandidaten in Richtung Markteinführung zu bringen.

Aus dem Aktionariat heraus ragt SAP-Mitgründer Dietmar Hopp, der von allen mit Abstand am längsten bei Curevac investiert ist und knapp 50 Prozent der Anteile kontrolliert. Er diversifiziert sein Vermögen. Gelingt Curevac der Sprung auf die nächste Stufe, liegt der Gedanke nahe, dass Hopp sich eher verwässern lassen wird, als das ganz große Milliardenrad mitzudrehen, an das sich Curevac dann heranwagen wird. 

Dort käme dann schon eher der Pharmakonzern GlaxoSmithKline ins Spiel, der gegenwärtig nur 8 Prozent hält. GSK zählt zu den größten Impfstoffproduzenten der Welt, und wenn sich die mRNA-Technologie tatsächlich als überlegen erweist, muss GSK groß in diesen Bereich einsteigen. Selbst eine Übernahme Curevacs wäre auf lange Sicht keine Überraschung. Die Briten könnten ihre Aktionärsposition aber auch weniger konstruktiv verteidigen, indem sie den Einstieg anderer Pharmakonzerne zu vereiteln versuchen.

Eher opportunistisch dürften der Finanzinvestor Baillie Gifford und die Staatsfonds aus Singapur und Katar agieren. Immerhin haben sie alle einen sehr langen Anlagehorizont. Am heikelsten ist wohl die Einschätzung der Rolle des Bunds, der über die KfW 17 Prozent hält. Aus ordnungspolitischen Gründen müsste Berlin eigentlich spätestens dann wieder den Exit suchen, wenn Curevacs Schicksal in geordnete Bahnen gelenkt ist und die Bundesregierung sich bei Curevac die für das Land benötigten Impfstoffdosen gesichert hat. Doch an einen schnellen Exit der öffentlichen Hand haben schon andere CFOs geglaubt, in vielen Fällen vergeblich.

CFO Kemula will „ethische Marge“ erzielen

Curevac selbst argumentiert bereits in der aktuellen laufenden Ethikdebatte mit den Aktionärsinteressen: Die Tübinger wollen den Corona-Impfstoff nicht zum Selbstkostenpreis abgeben, sondern Geld damit verdienen. „Wir haben Investoren, die seit zehn Jahren Geld in das Unternehmen stecken, also sollte es eine kleine Rendite für sie geben“, sagte Kemula in einem Interview mit der „Financial Times“.

Curevac geht davon aus, dass vom eigenen Impfstoffkandidaten womöglich kleinere Dosen verabreicht werden könnten als bei Konkurrenzprodukten, was eine „gewisse ethische Marge“ ermöglichen könnte. Mit einem kommerziellen Erfolg auf dem Corona-Feld im Rücken wäre die finanzielle Basis gelegt, um das Krebsportfolio weiterzuentwickeln – die eigentliche Mission, mit der Curevac vor 20 Jahren sich gegründet hatte. Dann käme erneut der Finanzchef ins Spiel.  „Wir werden uns immer nach zusätzlichen Finanzierungsquellen umsehen“, sagt Kemula.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

FINANCE-Köpfe

Pierre Kemula, Curevac AG

Seine Karriere startet Pierre Kemula im Jahr 2000 als Prüfer bei KPMG. Danach hat er einige Beratungsfunktionen bei Kea & Partners, Gemini Consulting sowie bei Roland Berger inne. Im Jahr 2008 wechselt Kemula auf die Unternehmensseite zu dem französischen Biopharmaunternehmen Ipsen. Dort ist er als Vice President Corporate Finance, Treasury and Financial Markets tätig.

Im Mai 2014 zieht es Kemula dann zu Pixium Vision, wo er seine erste CFO-Position antritt. Das französische Unternehmen entwickelt elektronische Netzhautimplantate. Als Finanzchef bringt Kemula das Technologieunternehmen nur wenige Monate nach seinem Einstieg an die Börse. Heute ist Pixium Vision an der Euronext gelistet. Im Oktober 2016 wechselt er als CFO zu dem Biotech-Unternehmen Curevac, welches er im August 2020 in den USA an die Börse bringt.

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Eine Übersicht über alle bisherigen CFOs des Monats gibt es auf der dazu gehörigen FINANCE-Themenseite CFO des Monats. Mehr über unseren aktuellen Preisträger erfahren Sie auf dem FINANCE-Köpfe-Profil von Pierre Kemula.