Der heiße deutsche M&A-Herbst

FINANCE

23.09.14
CFO

Der heiße deutsche M&A-Herbst

Bayer, ZF, Siemens, SAP, Merck: Kaum ein Tag vergeht ohne eine Milliardentransaktion eines deutschen Großkonzerns in den USA. Die Zeit der Vorsicht ist vorbei – und der Kapitalmarkt hat als Korrektiv ausgedient.

Alle Jahre wieder befällt die Konzernlenker, so scheint es, zum Ende eines Zyklus das Dealfieber: Drei Megadeals haben deutsche Großkonzerne allein in der vergangenen Woche angekündigt – und auch die neue begann mit einem neuen Paukenschlag: Der Darmstädter Merck-Konzern kündigt den mit einem Wert von 17 Milliarden US-Dollar bislang größten Deal im heißen deutschen M&A-Herbst an. Das Umsatz-Multiple für den Laborausrüster liegt bei 5x, dies wurde vor nicht allzu langer Zeit mal als Vielfaches des Ebitda bezahlt. Auf dieser Ebene bezahlt Merck hingegen ein Multiple von fast 20x Ebitda – für ein Unternehmen, das zuletzt gerade mal 3 Prozent währungsbereinigtes Umsatzwachstum schaffte.

Doch es kommt noch gewagter: SAP erwirbt in der größten Transaktion seiner an Großübernahmen nicht armen Unternehmensgeschichte den Reisekostensoftwarekonzern Concur, der Verluste einfährt, für 6,5 Milliarden Euro.

Finanzierungsmarkt hat als Korrektiv ausgesorgt

Dass Siemens für Dresser-Rand, einen US-Anbieter von Maschinen zur Ölförderung, ein Kaufpreis-Multiple in ähnlicher Größenordnung wie Merck für Sigma-Aldrich bezahlt, gerät darüber schon fast zur Nebensache. Dabei hatte Siemens-CEO Joe Kaeser unlängst noch angekündigt, sich auf keine „Gladiatorenkämpfe“ einzulassen – das war freilich, nachdem er erfolglos um Alstom gefeilscht hatte, nicht davor.

Deutsche CFOs im Kaufrausch - das hat man in dieser Form schon länger nicht mehr erlebt. Was die M&A-Lawine antreibt: Finanzierungen sind kein Problem, Banken und Kapitalmarkt lechzen nach Anlagemöglichkeiten, die ein bisschen Rendite abwerfen. In der Zeit der Überschussliquidität entfällt damit aber auch ein oft hilfreiches Korrektiv des Marktes.

Goodwill als Bürde für die Zukunft

Die Unternehmensbilanzen lassen nach Jahren der Kostendisziplin und erfolgreichen Marktausrichtung große Transaktionen zu, häufig sogar ohne das Rating zu gefährden. Doch bürden ihnen die Manager mit neuen Milliardenkrediten und hohen Goodwill-Positionen neue Bürden auf. Noch bejubelt der Kapitalmarkt Megadeals wie den von Merck – doch dies war vor der vergangenen Krise nicht anders. Merck will auch nach der Transaktion trotz der auf 15 Milliarden Euro explodierenden Nettoverschuldung Investment-Grade bleiben, hofft CFO Marcus Kuhnert. Doch ob dies so bleibt, wird sich erst im Abschwung erweisen, wenn der dynamische Verschuldungsgrad selbst bei der eher unzyklisch aufgestellten Merck rapide ansteigen dürfte.

Mag sein, dass am Ende doch alles gut geht und die Manager recht behalten. Und zugegeben: Für die massiven Cashreserven gibt es derzeit kaum überzeugende alternative Anlagemöglichkeiten. Wenn aber etwas alarmieren sollte, dann ist es die deutlich nachlassende Vorsicht, die in viele deutsche Vorstandsriegen Einzug hält, die noch vor Kurzem jedes Hasardieren weit von sich wiesen. Nun konnten sie dem Druck ihrer Stakeholder und dem Werben der Investmentbanken offenbar nicht mehr widerstehen. Doch kollektive Märsche ins Glück kommen so gut wie nie vor. Meist wird irgendwo eine Klippe übersehen.

marc-christian.ollrog[at]finance-magazin.de