Großaktionär Rolf Elgeti will den Vorstandschef von Francotyp-Postalia stürzen.

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10.02.20
CFO

Elgeti eskaliert Konflikt bei Francotyp-Postalia

Zuspitzung bei Francotyp-Postalia: Der aktivistische Investor Rolf Elgeti will CEO und CFO Rüdiger Günther stürzen. Der wehrt sich.

Die Kampagne des aktivistischen Investors Rolf Elgeti gegen Rüdiger Andreas Günther, den Vorstands- und Finanzchef von Francotyp-Postalia (FP), ist eskaliert. Am späten Samstagabend gab der Berliner Maschinenbauer bekannt, dass Elgeti, mit 20,7 Prozent größter Aktionär, die Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung verlangt habe. Einziger Tagesordnungspunkt dort soll die Ablösung Günthers sein – ein außergewöhnlicher Vorgang am deutschen Kapitalmarkt, der innerhalb des Unternehmens für große Unruhe sorgen dürfte.

Gegenüber FINANCE begründete Elgeti seinen Vorstoß so: „Unser Vertrauen in den Vorstandsvorsitzenden ist nachhaltig erloschen. Aus unserer Sicht ist auch Eile geboten.“ Doch die Gründe dafür will der frühere Analyst, der als Ex-Chef und Miteigentümer von TAG Immobilien ein größeres Vermögen aufbauen konnte, nicht nennen. Nur so viel: „Teile unserer Kritikpunkte, die uns zu diesem Schritt veranlasst haben, haben wir dem Aufsichtsrat zur Kenntnis gegeben. Alle Punkte werden wir dann detailliert auf der Hauptversammlung vortragen.“

FP-Führung warnt vor den Folgen

Die Führung von Francotyp-Postalia „prüft dieses Verlangen“ nun mit ihren juristischen Beratern, signalisiert Elgeti aber Entgegenkommen bei der Terminfrage: Es werde geprüft, ob die für den 17. Juni terminierte ordentliche Hauptversammlung zu einem früheren Zeitpunkt stattfinden könne. Eine zusätzliche außerordentliche Hauptversammlung lehnt das Unternehmen mit Verweis auf die damit verbundenen Kosten und Aufwände jedoch ab.

Doch hinsichtlich der Vorstandsfrage zeigt die FP-Führung, zu der neben Günther (CEO/CFO) noch Vertriebsvorstand Patricius de Gruyter und Operations-Chef Sven Meise gehören, klare Kante gegen den Großaktionär: „Eine Veränderung im Vorstand zum derzeitigen Zeitpunkt und unter Berücksichtigung der aktuellen strategischen Projekte ist weder im Interesse des Unternehmens, seiner Mitarbeiter und Kunden, noch im Interesse der Aktionäre“, schreibt der FP-Vorstand in einer Kapitalmarktmitteilung.

„Die Situation führt zu einer Verunsicherung der Mitarbeiter und Kunden und gefährdet auch Arbeitsplätze.“

Unternehmenssprecher von FP

Ein Unternehmenssprecher geht gegenüber FINANCE weiter ins Detail: „Die Situation führt zu einer Defokussierung und Verunsicherung der Mitarbeiter und Kunden.“ Sie gefährde damit die „eingeschlagene Wachstumsstrategie und auch Arbeitsplätze“. Der Verweis auf Arbeitsplätze könnte darauf hindeuten, dass die Arbeitnehmervertreter an Günthers Seite stehen.

Elgeti bleibt Details weiter schuldig

Dabei ist Elgetis Verlangen nicht der erste Pfeil, den er in Richtung Francotyp-Postalia schießt. Der Investor selbst, aber auch Vertreter seiner Beteiligungsgesellschaft Obotritia Capital erheben schon seit fast einem halben Jahr immer wieder persönliche Vorwürfe gegen Günther und bemängeln gleichzeitig die Performance des Unternehmens, zum Beispiel auf der letztjährigen Hauptversammlung und bei Analysten-Calls. Einen Alternativplan hat Elgeti aber noch nicht vorgelegt – und erklärte auf FINANCE-Nachfrage am heutigen Montag, dass er dies auch jetzt noch nicht tun will.

Wie unterschiedlich die beiden Parteien von ihrem strategischen Austausch erzählen, zeigt, dass der Konflikt zwischen Elgeti und Günther ernst ist: „Unsere Differenzen mit dem Vorstand zur Unternehmensstrategie sind nicht dramatisch. Die Gespräche mit der Gesellschaft dazu laufen aus meiner Sicht konstruktiv“, sagt Elgeti – ohne aber vergessen zu erwähnen, dass „diverse Unternehmensziele nicht erreicht“ worden seien. 

Ein FP-Sprecher hingegen berichtet, dass „es leider keinen tieferen Austausch mit Herrn Elgeti“ gebe – verbunden mit einer klaren Aufforderung an den Großaktionär, Farbe zu bekennen: „Herr Elgeti muss seiner Verantwortung als Hauptaktionär gegenüber dem Unternehmen nachkommen und seine strategischen Überlegungen nun endlich vorlegen. Das wäre nur fair. Dann können alle Stakeholder an dieser Diskussion teilnehmen.“ Der Vorstand sei „selbstverständlich an einem Dialog interessiert“.

FINANCE-Köpfe

Rüdiger Andreas Günther, Francotyp-Postalia Holding AG

1985 startet Günther seine berufliche Laufbahn als Investmentbanker und Country Manager bei der Continental Bank of Chicago. Ab 1988 zunächst als Bereichsleiter, später dann als Leiter des Zentralbereichs Finanzen von Metro setzt Günther Schwerpunkte in der Akquisitionsfinanzierung. Weitere Schwerpunkte sind die Etablierung des Finanz-Controllings, einer Risk-Management-Funktion und eines MIS-Systems für Finanzrisiken.

Bei dem Landmaschinenhersteller Claas durchläuft Günther ab 1993 verschiedene Managementfunktionen bis zum CFO und wird später auch noch Sprecher der Geschäftsführung. Mit der Übernahme von Renault Agriculture initiiert Günther den internationalen Geschäftsaufbau der Claas Gruppe und finanziert den Wachstumskurs mit innovativen Finanzierungsinstrumenten.

2007 geht Günther als CFO und Arbeitsdirektor zu dem Dax-Konzern Infineon. Dort baut er unter anderem eine Defense-Strategie gegen Hedgefonds und unfreundliche Investoren auf. Im Jahre 2008 wird er als CFO in den Vorstand von Arcandor berufen, um einen Sanierungsplan zu erarbeiten, der die Verselbstständigung der verschiedenen Unternehmensteile Thomas Cook, Karstadt und Quelle zum Ziel hat.

Im April 2012 wird Günther CFO des Technologiekonzerns Jenoptik, wo er die ERP-Struktur des Unternehmens mit Hilfe eines neuen SAP-Systems modernisiert. Das Projekt hat eine Laufzeit von fünf Jahren und ein Budget von über 20 Millionen Euro. Günther verlässt Jenoptik im März 2015 und übernimmt im Januar 2016 den Vorstandsvorsitz bei dem Frankiermaschinenhersteller Francotyp-Postalia. Wie bereits sein Vorgänger übernimmt er dort gleichzeitig auch die Leitung des Finanzressorts.
   

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Wachsende Gewinne bei Francotyp-Postalia

Günther, der früher unter anderem CFO von Infineon, Jenoptik und Claas war und seit Anfang 2016 Francotyp-Postalia führt, steht für den von ihm entwickelten Transformationsplan. Obwohl der Weltmarkt für Frankiermaschinen strukturell schrumpft, soll dieser den Berliner Mittelständler, der rund 200 Millionen Euro umsetzt, wieder zurück auf einen starken Wachstumskurs führen. Die Performance-Programme „Act“ und „Jump“ sollen den Frankiermaschinenbauer agiler, digitaler und margenstärker machen.

Günthers Achillesferse: Während die dafür anfallenden Einmalkosten die Ergebnisse der beiden zurückliegenden Geschäftsjahre belastet haben, sollen die Früchte erst im Lauf der nächsten Jahre geerntet werden. Hinzu kam noch ein schwaches zweites Quartal 2019, das im vergangenen Sommer zu einer Umsatzwarnung führte. 

Doch im dritten Quartal entwickelte sich das Geschäft wieder dynamischer, so dass nach drei Quartalen nur noch ein kleiner Umsatzrückgang von gut 1 Prozent auf 152 Millionen Euro zu Buche steht. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) wuchs sogar um 20 Prozent auf 22 Millionen Euro. Sowohl die Umsatzwarnung als auch das bessere dritte Quartal gingen jedoch spurlos am Aktienkurs des Maschinenbauers vorbei, der sich nun schon seit zwei Jahren meist mit Kursen um 3,50 Euro seitwärts bewegt.  

Aufsichtsratschef Röhrig äußert sich nicht

Davon, dass trotz dieser soliden Entwicklung unmittelbarer Handlungsdruck für einen Führungswechsel vorliegt, wird Elgeti noch weitere Aktionäre überzeugen müssen, will er die nötige Mehrheit zusammen bekommen, um – möglicherweise auch über eine Neubesetzung des Aufsichtsrats – Günther auszutauschen.

Eine Schlüsselrolle dürfte dabei Aufsichtsratschef Klaus Röhrig zufallen, dem Chef des aktivistischen Investors AOC, der mit 9,5 Prozent der zweitgrößte Aktionär ist. Bemerkenswert ist, dass sich Röhrig zu Elgetis Verlangen nach einer außerordentlichen HV und einer Ablösung Günthers nicht öffentlich geäußert hat. Obwohl er sich in der Vergangenheit immer hinter Günther gestellt hatte, hält er sich derzeit auffällig im Hintergrund. Erst im vergangenen Sommer stattete er Günther noch mit einem neuen Vertrag bis Ende 2022 aus.

Eine mögliche Allianz zwischen Röhrig und Elgeti mit dem Ziel, den Vorstandschef abzulösen, wäre allerdings eine heikle Angelegenheit, schließlich kämen Obotritia und AOC gemeinsam auf über 30 Prozent der Anteile. Gäbe es Hinweise auf ein abgestimmtes Verhalten („Acting in concert“), könnte dies nicht nur juristisch problematisch sein, sondern auch ein öffentliches Übernahmeangebot auslösen.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehr über den in Bedrängnis geratenen FP-Chef finden Sie im FINANCE-Köpfe-Profil von Rüdiger Andreas Günther.