Eigentlich wollte Muhamad Chahrour dem CEO der Fintech Group seine Idee für einen Robo-Advisor vorstellen. Heute ist er CFO des Unternehmens.

Fintech Group

15.08.17
CFO

Fintech-Group-CFO Chahrour: „Man sollte IFRS entmystifizieren“

Mit Technologien für den Finanzsektor positioniert sich die Frankfurter Fintech Group am Markt. CFO Muhamad Said Chahrour über das Verhältnis zu Banken, die Konsolidierung des Fintech-Marktes und die Umstellung der Bilanz von HGB auf IFRS.

In der Finanzindustrie wird heftig diskutiert, ob Anbieter von Finanztechnologien für Banken nun eher Wettbewerber oder Kooperationspartner sind. Was würden Sie als Anbieter im B2B- und B2C-Bereich sagen?
Wir sehen uns in unseren beiden Geschäftssegmenten klar als Kooperationspartner der Banken. Unsere Online-Broker Flatex und ViTrade, also der B2C-Bereich, sind als offene Plattformen für alle Anbieter aufgestellt. Das wird auch so bleiben, wenngleich wir mit bestimmten Anbietern – etwa Morgan Stanley bei ETPs – vertiefte Partnerschaften pflegen. Im B2B-Bereich, wo wir für andere Banken und für finanznahe Anbieter Technologie- und White-Label Banking-Services wie e-Banking, Regulatorik und Call-Center anbieten, treten wir ebenfalls als Kooperationspartner der Banken auf. Nichtsdestotrotz möchten wir Prozesse und Produkte in der Finanzwelt neu definieren. Anders ginge es ja gar nicht.

Die Tochterunternehmen Xcom und biw Bank hat die Fintech Group seit 2015 sukzessive übernommen. Welche Ratio steckte dahinter?
Beide Unternehmen waren vor der Akquisition mit unserem Kernprodukt Flatex bereits wirtschaftlich verflochten, da Flatex seit Jahren der größte Kunde war. Xcom und die Tochter Bank biw AG haben im Hintergrund die Flatex-Wertpapierabwicklung übernommen. Mit der Übernahme konnten wir diese Teile der Wertschöpfungskette ins eigene Haus holen und uns sowohl auf der Kosten- wie auch der Entwicklungsseite unabhängig machen. Heute haben wir unser Technologie- und Entwickler-Know-how zu 100 Prozent im Haus und sind von keinem Dritten mehr abhängig. Das ist in dieser Form am Markt nur schwer zu bekommen – allenfalls durch die Übernahme eines Technologiedienstleiters. Die Preise dafür sind hoch. Die vollständige Übernahme sowie die Integration von Xcom und biw waren ein Prozess, der in diesem Sommer abgeschlossen wird: Die Bank biw firmiert bereits unter Fintech Group Bank, und die Xcom wird nach dem Squeeze-out auf die FinTech Group verschmolzen.

Sie sind im August 2015 als International Head of Finance an Bord gekommen, als die Fintech Group gerade eine Mehrheit an Xcom und der biw Bank gekauft hatte. Wie kamen Sie zum Unternehmen?
Ich habe zuvor beim Rocket-Internet-Startup Lamudi als Global CFO gearbeitet und hatte parallel dazu 2014 die Idee für einen Robo-Advisor entwickelt. Die wollte ich CEO Frank Niehage vorstellen, weil die Fintech Group meiner Einschätzung nach ein guter Partner für die Entwicklung war – gerade nachdem man sich kürzlich den Zugriff auf die Technologie-Kompetenzen von Xcom und die Bankdienstleistungen der biw Bank gesichert hatte. Wir haben uns dann am Wochenende getroffen und vier Stunden lang unterhalten. Das Gespräch endete mit einem Job-Angebot: Seit August 2015 hatte ich die Position als International Head of Finance inne. Zum 1. Januar 2017 bin ich als CFO in den Vorstand der Fintech Group AG befördert worden. Übrigens: An meiner Robo-Advisor-Idee arbeiten wir weiterhin.

Fintech-Group-CFO Chahrour: M&A-Deals sind auf der Agenda

Wie stark waren Sie in den Xcom/biw-Bank-Deal noch eingebunden?
Als ich anfing, war die Transaktion über die Mehrheit gerade abgeschlossen – es ging darum, die Integration voranzutreiben sowie die Strategie auf Volleigentum auszurichten und zu exekutieren. Wir haben kontinuierlich Anteile gekauft. Im Juli 2016 haben wir die 75-Prozent-Schwelle überschritten, im Oktober 2016 kontrollierten wir bereits 98 Prozent der Anteile an Xcom. Anfang Juli hat die Hauptversammlung der Xcom dem Squeeze-Out zugestimmt. Neben diesen gesellschaftsrechtlichen Themen hat die Integration natürlich auch operativ viel Kapazität gebunden, wobei ich in verschiedenen Funktionen viel gestalten konnte.

Was waren dabei für Sie die größten Aufgaben?
Nach einer Übernahme ist es wichtig, Kernkompetenzen und -bereiche zu identifizieren und zu fördern. Ein großer Teil unseres Finanzteams ist aus der ehemaligen Xcom hervorgegangen und sitzt deshalb auch nach wie vor bei Düsseldorf. Nach der Mehrheitsübernahme gab es naturgemäß Verunsicherung: Würden Stellen nach Frankfurt verlegt? Würden sich die Abläufe ändern? Zu Beginn war ich regelmäßig für drei, vier Tage in der Woche dort, um das Team und die Abläufe kennenzulernen. Inzwischen ist alles gut eingespielt. Im operativen Geschäft unterstützen mich jetzt mehrere operative Leiter, die in Frankfurt und Willich sitzen und insgesamt über 30 Mitarbeiter koordinieren. Ich kann mich so stärker mit Frank Niehage auf die strategische Ausrichtung der Gruppe konzentrieren.

Stehen weitere Zukäufe auf Ihrer Agenda?
Potentielle Zukäufe sind für uns immer ein Thema. Wir gehen bei M&A-Deals opportunistisch vor: Wichtig ist, dass das Target attraktiv ist. Insbesondere im B2C-Bereich hinken noch viele Wettbewerber hinterher, kämpfen unter anderem mit zu hohen Abwicklungskosten, zu hohen Kundenakquisitionskosten und ineffizienten Produktpartnern. Der Fokus liegt also darauf, mit unserer bestehenden Infrastruktur Ineffizienzen zu beheben und Synergien zu heben. Finden wir ein solches Target, wäre ein Zukauf bis zu einem mittleren dreistelligen Millionenbetrag für uns umsetzbar. Den finanziellen Spielraum schaffen wir uns dann, die Finanzierung könnte dabei wie bei der Akquisition der Xcom Gruppe aussehen: eine gesunde Mischung aus Eigen- und Fremdkapital.

Der größte Aktionär der Fintech Group ist die „Gesellschaft für Börsenkommunikation“ aus dem Umfeld des nicht unumstrittenen Kulmbacher Verlegers Bernd Förtsch mit knapp 35 Prozent. Der PE-Investor Heliad, der auch bereits andere Investments mit Förtsch getätigt hat, hält knapp 17 Prozent. Sind Ankeraktionäre in dem umkämpften Fintech-Markt ein Vorteil?
Eine der strategischen Aufgaben von Frank Niehage und mir war es in den vergangenen zwei Jahren, unsere Investorenbasis zu diversifizieren – was uns sehr gut gelungen ist und worauf wir sehr stolz sind. Heute zählen namhafte deutsche und internationale Institute zu unseren Investoren. Ich denke aber schon, dass uns unsere Aktionärsstruktur – Ankerinvestor und Management halten rund 60 Prozent –  vor einem feindlichen Übernahmeangriff besser schützt. Die Branche konsolidiert sehr stark, jüngstes Beispiel ist die Übernahme von Onvista durch Comdirect sowie der Kauf der DAB durch Cortalconsors. Wir sind mit Flatex der letzte große bankenunabhängige Broker und wollen dies zu unserem Vorteil nutzen und das Unternehmen weiterentwickeln – ohne ständig von feindlichen Übernahmegedanken gestört zu werden.

IFRS-Umstellung bei der Fintech Group: Augenmaß gefragt

Sie waren in den vergangenen Monaten auch damit beschäftigt, die Bilanz der Fintech Group auf IFRS umzustellen. Wie sind Sie vorgegangen?
Manchen wird es vielleicht überraschen, dass ich die Umstellung mit einem kleinen Team von insgesamt vier Leuten bewältigt habe. IFRS ist für uns sinnvoll, da wir eben viele internationale Investoren haben, denen IFRS-Reports mehr Orientierung bieten als eine HGB-Bilanzierung. Vielleicht sollte man IFRS ein Stück weit entmystifizieren: Es ist in weiten Teilen nah an HGB, nicht alle Standards sind für alle Branchen gleichermaßen relevant. Wir haben die Umstellung in sieben Monaten bewältigt. Das war sehr zügig, darauf bin ich stolz.

Was waren die größten Herausforderungen?
IFRS bietet an vielen Stellen gewisse Bilanzierungsfreiheiten. Die Bilanzierung lässt sich damit ein Stückweit besser an das Geschäftsmodell anpassen als HGB. Das ist ein Vorteil, kann aber auch ins Gegenteil drehen: Man darf die langfristige Perspektive nicht aus dem Blick verlieren, sonst kosten vermeintlich vorteilhafte Entscheidungen, die die Bilanz kurzfristig besser aussehen lassen, womöglich drei Jahre später in einem veränderten Szenario Lehrgeld. Da ist Augenmaß gefragt. Und man darf die Informationspflichten nicht unterschätzen, die IFRS mit sich bringt. Dennoch rate ich Kollegen, die vor der Umstellung stehen, die Scheu abzulegen. Die Umstellung ist mühsam, aber sie ist machbar.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de


Muhamad Chahrour ist seit Januar 2017 als CFO im Vorstand der Fintech Group. Das Unternehmen hat 2016 einen Umsatz von 95 Millionen Euro und einen Jahresüberschuss von 12,3 Millionen Euro erzielt. Mehr über die vorherigen Karrierestationen des CFOs finden Sie in unserem CFO-Almanach FINANCE-Köpfe im Steckbrief zu Muhamad Said Chahrour.