Das Greenfield-Investment von ThyssenKrupp in Brasilien entpuppt sich als Albtraum.

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11.09.12
CFO

Gestiegene Kosten dämpfen Investments in Brasilien

Steigende Lohnkosten und ein starker Real zwingen einige Unternehmen, ihre Investitionen in Brasilien zu überdenken. Der prominenteste Fall ist ThyssenKrupps gescheitertes Multimilliarden-Euro-Projekt in Brasilien und den USA: Die Geschäftseinheit wird dieses Jahr voraussichtlich einen Verlust von einer Milliarde Euro machen. Aber unter den gegebenen Umständen ist die Suche nach Investoren schwierig.

Eines der größten Greenfield-Investments von ThyssenKrupp in den letzten Jahren hat sich als echter Albtraum für den deutschen Stahlproduzenten entpuppt: In den ersten neun Monaten des Fiskaljahrs 2011-12 hat die Geschäftseinheit Steel America EBIT-Verlust von 887 Millionen Euro angehäuft. Analysten erwarten, dass diese Zahl bis zum Ende des Geschäftsjahres am 30. September auf eine Milliarde Euro anwächst. Der Konzern will die Sparte so schnell wie möglich loswerden – eine harte Aufgabe für den neuen CFO Andreas Goss, der ab Oktober für die Finanzabteilung von Steel Europe and Americas verantwortlich sein wird.

Geeignete Käufer sind Mangelware, weil das Geschäftsmodell von Steel America einfach nicht mehr funktioniert. Es basierte auf der Ausnutzung von Vorteilen der Billigproduktion in Brasilien. Doch explodierende Lohnzahlungen, steigende Rohstoffpreise und eine starke Aufwertung des brasilianischen Real haben Thyssens Pläne vereitelt. Heute liegen die Lohnkosten um 70 Prozent höher als es 2007 erwartet wurde. Seinerzeit präsentierte der damalige CFO Ekkehard Schulz das neue Projekt als Meilenstein für das Unternehmen. Vor einem Jahr war ein Real zudem noch 1,6 Dollar wert. Heute sind es bereits zwei Dollar.

BMW und General Motors stehen vor ähnlichen Problemen


Andere Industrieunternehmen stehen in Brasilien vor vergleichbaren Problemen: Der Autohersteller BMW hat vor kurzem seine Entscheidung zum Bau eines neuen Produktionsstandorts in Brasilien verschoben. Aktuell überlegt der Konzern, die Fabrik stattdessen in Mexico anzusiedeln, wo die Lohnstückkosten deutlich geringer liegen. Und General Motors hat hunderte Stellen in seinem Werk in Sao Paulo gestrichen. Moritz Friedrich, Senior Manager und Brasilienspezialist bei KPMG, rät Firmen aus entwickelten Ländern zu einem anderen Geschäftsmodell in Brasilien: „Es ist immer noch ein attraktives Land – aber der Fokus sollte sich von Exporten auf den lokalen Markt verlagern. Der Binnenkonsum wird in den nächsten Jahren weiter steigen.“

Für Exportfirmen sieht die aktuelle Wirtschaftssituation jedoch eher düster aus: Thyssens neues Stahlwerk nahe Rio de Janeiro – dessen Bau 5,2 Milliarden Euro verschlang – ist weder in der Lage billig zu produzieren, noch kann es zu geringen Kosten Stahl in die USA exportieren. Dort verkauft das Unternehmen den brasilianischen Stahl an amerikanische Autohersteller. Hinzu kommt, dass die Nachfrage und damit der Preis für Stahl in den USA derzeit niedrig sind, da die wirtschaftlichen Aussichten schlecht sind. Unter diesen Umständen ist es schwer für Steel America, Geld zu verdienen. Nach nur zwei Jahren Produktionszeit hat der neue CEO Heinrich Hiesinger angekündigt, das Werk gemeinsam mit der zugehörigen Aufbereitungsanlage in Alabama zu verkaufen.

Unerwartet starker Anstieg der brasilianischen Produktionskosten

Laut Ingo-Martin Schachel, Analyst bei der Commerzbank, ist der Verkauf der einzig richtige Weg. Er sagt: „Das Projekt ist gescheitert. Jede Veränderung des Geschäftsmodells würde nur noch mehr Investitionen erfordern. ThyssenKrupp hat die wirtschaftliche Entwicklung in Brasilien unterschätzt.“ Dennoch denkt er nicht, dass es erhebliche Managementfehler gab: „Rückblickend war die Entscheidung zum Bau der beiden Standorte sicherlich falsch. Aber 2007 erwarteten nicht einmal Wirtschaftswissenschaftler solch starke Anstiege bei den brasilianischen Produktionskosten.“ Allerdings sind hohe Lohnkosten kein neues Phänomen, wie Moritz Friedrich von KPMG herausstellt: „Brasilien ist nie ein Niedriglohnland gewesen. Die Ausgaben zur sozialen Sicherung sind auf einem ähnlichen Niveau wie in Deutschland. Vor allem im Vergleich zu Schwellenländern in Asien sind die Arbeitsaufwendungen recht hoch.“

In diesem Klima dürfte es ThyssenKrupp schwerfallen, Käufer für die zwei Werke zu finden. Die brasilianische Minengesellschaft Vale, Zuliefere für das Werk in Rio de Janeiro, hat bereits abgelehnt, seinen Anteil von 27 Prozent zu erhöhen. Analyst Schachel erwartet einen Preis von 3,5 Milliarden Euro für die zwei Werke. Thyssen will sieben Millionen Euro erzielen, was dem Buchwert entspräche.

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