Ein Lehrstück für Krisenkommunikation: Die Infinus-Insolvenz ist auch für erfahrene Insolvenzverwalter kein alltäglicher Fall.

picture alliance / dpa

15.04.15
CFO

Infinus-Skandal: Ein Lehrstück für die Krisenkommunikation

Große Insolvenzverfahren wie das von Infinus fordern von allen Beteiligten Höchstleistungen in der Krisenkommunikation. Bereits bei den ersten Anzeichen einer möglichen Krise sind CFO und CEO als Kommunikatoren gefragt – und sollten bestimmte Fehler unbedingt vermeiden.

Der Infinus-Skandal ist einer der wohl größten Finanzskandale in der jüngeren Geschichte. Mehr als 40.000 Kleinanleger hatten Papiere gezeichnet, die sich inzwischen als größtenteils wertlos erwiesen haben. Erste Schadensersatzprozesse gegen die früheren Manager sind angelaufen, der Schaden für die Anleger wird auf mehr als 1 Milliarde Euro beziffert. Den früheren Vorständen droht eine Anklage wegen Betrugs und Bilanzfälschung.

Seit gut einem Jahr läuft das Insolvenzverfahren der Infinus-Gruppe. Der Fall ist auch für die Insolvenzverwalter alles andere als alltäglich – und zeigt anschaulich, was in der Krisenkommunikation zu beachten ist.

Innerhalb weniger Stunden nach seiner Ernennung seien bei ihm bereits mehrere hundert Anrufe eingegangen, erinnert sich Frank-Rüdiger Scheffler. Der Managing Partner der Kanzlei Tiefenbacher ist Insolvenzverwalter der Prosavus-Gruppe, einem Teil des Infinus-Konstrukts. Bei derart öffentlichkeitswirksamen Verfahren wollen nicht nur die Anleger wissen, ob für ihre Investitionen noch Hoffnung besteht. Auch die Medien fordern Informationen.

Krisenkommunikation: Konzept muss im Vorfeld stehen

„Man muss sich genau überlegen, wann man mit welchen Informationen nach draußen geht“, sagt Scheffler. „Vorher muss ein klares Konzept stehen, das festlegt, welche Gruppen welche Rolle bei der Sanierung spielen – die unterschiedlichen Stakeholder müssen dann entsprechend abgestuft einbezogen werden.“ Diesen Plan sollten sich die Verantwortlichen schon im Vorfeld zurechtlegen, denn im Notfall bleibt dafür nur wenig Zeit: „Macht sich das Management darüber erst nach Bekanntwerden der Krise Gedanken, kann niemand mehr angemessen auf den Ansturm von Fragen reagieren“, sagt Scheffler.

Was zunächst simpel klingt, ist in der Praxis oftmals alles andere als einfach umzusetzen. Denn nicht immer muss es wie bei Infinus zum Äußersten kommen. In der Regel steht das Management um CEO und CFO schon lange vor einer möglichen Insolvenz vor der Frage, wie es mit einer wirtschaftlichen Schieflage umgehen soll.

Je enger dabei die Verbindung zum kriselnden Unternehmen, desto schwerer tun sich Geschäftsführer mit einer nüchternen kritischen Betrachtung, hat Scheffler in vielen Fällen beobachtet: „Die Krise kratzt immer am Ego der Geschäftsführer. Je stärker sie dem Unternehmen verbunden sind, zum Beispiel als Miteigentümer, desto schwerer fällt es ihnen, sich die Krise überhaupt einzugestehen und vor allem auch eigene Fehler einzuräumen.“

Vor der Insolvenz: CFO und CFO als Kommunikatoren gefragt

Ohne uneingeschränkte Offenheit ist eine vielleicht theoretisch noch mögliche Sanierung aber von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Auseinandersetzungen können nicht durch „Aussitzen“ vermieden werden. Je größer und gemischter der Kreis der Gläubiger, desto schwieriger wird es aber, allen gerecht werden. Scheffler: „Man kann die Kommunikation natürlich nicht mit allen Gläubigern und Stakeholdern gleichzeitig persönlich führen. Eine gute Option ist es, eine Telefonhotline einzurichten und außerdem eine gemeinsame Homepage, auf der die Verantwortlichen detailliert über aktuelle Entwicklungen informieren.“

Egal ob vor oder während eines Insolvenzverfahrens, eines gilt für jede Krisensituation: „Ein Verantwortlicher, ob Vorstand oder Insolvenzverwalter, muss die Informationen persönlich steuern. Er muss die Stimme des Unternehmens sein. Es darf keine Widersprüche zu Aussagen anderer Verantwortlicher geben“, betont Scheffler.  

Ist wie im Infinus-Verfahren die Geschäftsführung ohnehin abgesetzt, wird der Insolvenzverwalter zum Gesicht des Verfahrens. Ist das Management dagegen im Amt, weil (noch) kein reguläres Insolvenzverfahren eröffnet worden ist oder sich Unternehmen und Gläubiger für eine Sanierung unter Eigenverwaltung entschieden haben, sind CEO und CFO als Kommunikatoren gefragt. Dann müssen sie das Unternehmen wieder in die Erfolgsspur bringen – oder sie riskieren, dass doch noch ein Insolvenzverwalter diesen Part später übernimmt.

sarah.nitsche[at]finance-magazin.de

Ausführlich berichtet Frank-Rüdiger Scheffler über seine Erfahrungen als Insolvenzverwalter der Prosavus-Gruppe auf der 10. Deutschen Distressed-Assets-Konferenz, die am morgigen Donnerstag, 16. April, in Frankfurt am Main stattfindet.

Weitere Hintergründe zum Infinus-Skandal finden Sie auf der FINANCE-Themenseite Infinus.