06.06.11
CFO

Meister der Vernunft

Die Champions-League-Teilnahme beschert Borussia Dortmund einen Haufen Geld. Das Management muss nun Prioritäten setzen – strikt sparen oder weiter in den Fußballhimmel streben.

Kaum ein Traditionsverein ist in den vergangenen Jahren so stark gebeutelt worden wie der BVB. Nach dem letzten Titelgewinn 2002 ging es sportlich bergab – und das, obwohl der Kader für die Champions League ordentlich verstärkt worden war. Die Zukäufe rächten sich auch finanziell: Anfang 2005 war das Management infolge der unvernünftigen Transferpolitik und des misslungenen Stadiondeals ins finanzielle Abseits gelaufen.

Nun meldet der BVB sich nach einer furiosen Saison in der Königsklasse zurück. Das Blatt scheint sportlich und wirtschaftlich gewendet. Allein das Erreichen der Gruppenphase spült zusätzliche Einnahmen von bis zu 25 Millionen Euro in die Vereinskasse. Eine finanzielle Spritze, die die Borussia gut gebrauchen kann. „Der BVB schreibt im nächsten Jahr durch das operative Geschäft deutlich schwarze Zahlen. Bislang war das nur in Verbindung mit Verkäufen möglich“, sagt Sebastian Hein, Analyst beim Bankhaus Lampe.
 
Eine ungewohnt komfortable Situation, die dem Management um Vorstandschef Hans-Joachim Watzke und CFO Thomas Treß dennoch Kopfzerbrechen bereiten dürfte. Denn sie müssen nun den Kurs vorgeben – eine weiterhin zurückhaltend-konservative Strategie zu fahren oder durch mutigere Transferpolitik finanzielle Risiken einzugehen, um sportlich möglicherweise noch einen draufzusetzen. Den finanziellen Großangriff verschieben geht nicht, denn ab 2013 dürfen alle Vereine, die an europäischen Wettbewerben teilnehmen, nur noch so viel Geld ausgeben, wie sie einnehmen („Financial Fairplay“).

Der Schuldenklotz

Bei einem nüchternen Blick in die Kassen ist der Spielraum begrenzt, denn die Altlasten der Krise sind immer noch beachtlich: „Wir haben noch Verbindlichkeiten von 58 Millionen Euro im Zusammenhang mit der Stadionfinanzierung“, erklärt Treß. Die Rückzahlung laufe noch bis 2026. Experten beziffern die Gesamtsumme der Verbindlichkeiten auf etwa 70 Millionen Euro. Dem gegenüber steht der Wert der Mannschaft: Die erfolgreiche Saison hat den Kaderwert auf knapp 150 Millionen Euro anwachsen lassen – das bedeutet stille Reserven von fast 120 Millionen Euro. „Die zu heben wäre aber sportliches Harakiri“, meint Klaus Kränzle, der den Verein für Silvia Quandt Research beobachtet. Denn volle Kassen schießen keine Tore. Andererseits könnten die Preise für hoffnungsvolle Jungspunde unter der Knute des Financial Fairplay drastisch purzeln.

Das Management gibt sich betont vernünftig. Mit dem Überstehen der Gruppenphase kalkuliert niemand. 10 Millionen der zusätzlichen Einnahmen sollen in die Mannschaft investiert werden, 5 Millionen in die Renovierung des Stadions, der Rest wird für den weiteren Abbau der Schulden verwendet. Und: „Wir wollen die Mannschaft für die nächste Saison zusammenhalten“, ergänzt Treß. Auch hinsichtlich möglicher Zukäufe hält der Finanzchef sich zurück: „Die sportliche Abteilung hat konkrete Vorstellungen, wie der Kader punktuell verstärkt werden soll. Aber wir haben keinen Grund, den Kader, der die Deutsche Meisterschaft gewonnen hat, wesentlich aufzurüsten.“ Auch hier mag sich niemand zu weit aus dem Fenster lehnen. Der Verein würde anstelle eines Spielers für 10 Millionen Euro eher drei Neuzugänge für je 3 Millionen Euro verpflichten, mutmaßt Hein.
 
Und Verstärkungen werden wohl unumgänglich sein – denn auf Nuri Sahin könnten noch weitere Abgänge folgen. Die jungen Spieler haben europaweit auf sich aufmerksam gemacht und bekommen durch die Champions League einmal mehr die Gelegenheit, lukrative Werbung für sich zu machen. „Bei entsprechenden ­Geboten anderer Clubs wird sich auch die Dortmunder Führung irgendwann für die kaufmännische Lösung entscheiden“, prognostiziert Kränzle. Treß möchte die Personalkosten in der kommenden Saison auf dem diesjährigen Niveau halten. Dazu gehört auch, dass der BVB bei den festen Gehältern in der Bundesliga weiter nur im oberen Mittelfeld spielt; derzeit schlägt der Kader jährlich mit etwa 40 Millionen Euro zu Buche. Beim Zukauf eines Superstars käme da das Gehaltsgefüge gewaltig durcheinander.

Den restriktiven Kurs bekommen auch die Aktionäre zu spüren. „Eine Dividende wird es erst geben, wenn wir uns nachhaltig international etabliert haben. Das ist mit der einmaligen Champions-League-Teilnahme nicht der Fall. Wenn wir uns in der nächsten Saison wieder direkt für die Champions League qualifizieren, werden wir über eine Ausschüttung nachdenken“, so Treß. Oberste Priorität habe aber weiter der sukzessive Schuldenabbau.

Auf Sicherheit spielen?
   
Das Vorsichtsprinzip prägt jede Aussage des Finanzchefs. Kein Wunder – Treß ist ausgebildeter Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Seit 2006 verantwortet er die Finanzen des Bundesligisten und führte die Dortmunder gemeinsam mit Watzke aus der Misere. Auf keinen Fall will er die Fehler des früheren Managements wiederholen, der Glaubwürdigkeitsverlust wäre nicht zu kompensieren. Gar nicht so leicht, läutete damals doch gerade die bevorstehende Champions-League-Teilnahme den Niedergang ein. Wo Erfolg nicht in Rendite, sondern in Titeln gemessen wird, fällt das Maßhalten schwer.

Nach Jahren des eisernen Sparens traut heute niemand Watzke und Treß zu, der Großmannssucht zu erliegen. Für sie bleibt stattdessen die große Herausforderung, die Balance zu halten. Qualifiziert der BVB sich in der kommenden Saison nicht erneut für die Königsklasse, können schwarze Zahlen wohl wieder nur mit Verkäufen erzielt werden. Das Vertrauen in die junge Mannschaft und der auf ihr lastende Druck sind Fluch und Segen zugleich. Nur solange die Mannschaft weiter auf dem aktuellen Niveau kickt, kann das Unternehmen finanziell auf Sicherheit spielen.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Fans sich mit diesem Kurs auch bei Misserfolgen zufriedengeben. Mit Rückschlägen muss auch Treß kalkulieren, aber: „Wir machen keine unkalkulierbaren finanziellen Experimente, auch wenn das die Gefahr eines frühen Ausscheidens in der Champions League erhöhen sollte. Die Fans können unseren Kurs nachvollziehen.“ Mag sein, aber es wäre wohl das erste Mal, dass Fans Erträge den Erfolgen vorziehen.
 
sarah.nitsche(*)finance-magazin(.)de