Stahlwerk von ThyssenKrupp in Duisburg: Marode und unterausgelastet?

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31.01.20
CFO

Stahlbad für ThyssenKrupp-Führung

Harter Gegenwind für die Führung von ThyssenKrupp: Ein Investor wirft ihr Versagen und Geldverschwendung vor und warnt, dass das Stahlgeschäft das nächste Milliardengrab zu werden droht.

Die heutige Hauptversammlung droht für die Führung von ThyssenKrupp zu einem Stahlbad zu werden. Gleich mehrere Aktionäre haben kritischen Redebeiträge angekündigt. An die Spitze setzt sich die Fondsgesellschaft Deka, die rund 3 Millionen Aktien vertritt, was rund 0,5 Prozent der Stimmrechte entspricht. Aus dem Redemanuskript, das die Deka vorab an Medienvertreter verschickte, geht hervor, dass Deka-Fondsmanager Ingo Speich im Verlauf der heutigen Aktionärsversammlung gravierende persönliche und inhaltliche Kritik üben wird.

Diese reicht deutlich weiter als die gegenwärtige Debatte, die sich um die Verwendung des Milliardenerlöses aus dem bevorstehenden (Teil-) Verkauf der Aufzugssparte dreht. „Die strukturelle Krise hat das operative Geschäft erreicht“, warnt Speich. Darin sieht er „eine neue Dimension der Negativentwicklung“ bei ThyssenKrupp. 

„Kann ThyssenKrupp überhaupt Stahl?“

Die Lage im Stahlgeschäft, der künftigen zentralen Säule des Ruhrkonzerns, malt der Deka-Manager in schwarzen Farben: „Im abgelaufenen Geschäftsjahr ist das operative Ergebnis um 95 Prozent gefallen. Das Stahlgeschäft ist nur noch ein Schatten seiner selbst.“ Den Grund dafür sieht die Deka nicht nur in den eingebrochenen Stahlpreisen, sondern auch in schweren Versäumnissen des Managements: „Im festen Glauben an eine Fusion mit Tata [die am Widerstand der Kartellbehörden scheiterte – Anm. der Redaktion] ist das Management in Lethargie verfallen. Es hat wichtige Investitionen vernachlässigt und operativ nicht mehr genau hingeschaut. Jetzt wollen Autokonzerne den qualitativ schlechten ThyssenKrupp-Stahl nicht mehr haben.“ 

Der Ex-Dax-Konzern sei jetzt das Schlusslicht der sechs großen Stahlproduzenten in Europa, leide an schlechter Auslastung und könne die steigenden Rohmaterialkosten nicht an seine Kunden weitergeben. „Die Lage in der Stahlsparte ist düster“, meint Speich. Zudem stünden Milliardeninvestitionen in die Ertüchtigung der Stahlwerke an, die „kaum zu stemmen“ seien. Weitere hohe Zusatzkosten für Stahlproduzenten erwartet der Fondsmanager durch den CO2-Rechtehandel und in Folge der Umstellung des Energieträgers von Kohle zu Wasserstoff.

„Das Management ist in Lethargie verfallen, hat wichtige Investitionen vernachlässigt und operativ nicht mehr genau hingeschaut. Die Lage in der Stahlsparte ist düster.“

Ingo Speich, Fondsmanager, Deka

Nun müsste der Konzern eigentlich „die Flucht nach vorne antreten und investieren“, findet Speich – und fragt provokant: „Aber kann ThyssenKrupp überhaupt Stahl?“ Von Konzernchefin Martina Merz verlangt er, „eine nachvollziehbare Strategie“ vorzulegen.

Deka will Ingrid Hengster nicht im Aufsichtsrat sehen

Doch gleichzeitig wendet sich die Deka auch gegen die Vorstände und Aufsichtsräte des Konzerns. Beiden Gremien will die Fondsgesellschaft die Entlastung verweigern.

Als einen weiteren Grund neben den vielen Fehlentwicklungen nennt Speich die Vertragsverlängerung für den kurz danach geschassten Ex-CEO und -CFO Guido Kerkhoff, dem die Deka „eine Aneinanderreihung von Fehlentscheidungen“ vorwirft. Dessen Abfindungspaket habe den Konzern 6,1 Millionen Euro gekostet, moniert er. 

Der Frust der Fondsgesellschaft trifft auch eine bekannte Bankerin: Ingrid Hengster. Die Ex-Deutschlandchefin der Royal Bank of Scotland sitzt seit 2014 im Vorstand der KfW und strebt nun in den Aufsichtsrat des Stahlkonzerns. Die geplante Wahl Hengsters in den Aufsichtsrat will die Deka jedoch nicht unterstützen. Speich begründet dies mit der starken zeitlichen Beanspruchung der Bankerin bei der KfW und bei ihren anderen Aufsichtsratsmandaten. 

Deka lobt Innogy-CFO Bernhard Günther

Positiv hingegen sieht die Fondsgesellschaft der Sparkassen den geplanten Einzug von Innogy-CFO Bernhard Günther in den Aufsichtsrat. „Die Finanzexpertise im Aufsichtsrat ist durch die Neuwahl von Herrn Günther sehr gut abgedeckt.“

Möglicherweise übernimmt Günther, der seinen Weggang von Innogy bereits angekündigt hat, bei ThyssenKrupp auf Sicht sogar noch eine viel zentralere Rolle als die des Finanzexperten im Aufsichtsrat. Im Rheinland kursieren Spekulationen, wonach ThyssenKrupp-CFO Johannes Dietsch „amtsmüde“ sein soll und durch Günther ersetzt werden könnte. Manchen gilt Günther sogar als Kandidat für den Vorstandsvorsitz, den die amtierende Chefin Martina Merz im Lauf dieses Jahres wieder abgeben will.

Doch die Aufgabe, ThyssenKrupp wieder in die Spur zu bringen, ist gewaltig: „Die Entwicklung des Unternehmens ist ein Lehrstück über Managementversagen“, poltert Kritiker Speich.    

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Mehr Infos über die Vitae und Karriere-Highlights der drei erwähnten CFOs finden Sie in den FINANCE-Köpf-Profilen von Ex-CFO Guido Kerkhoff, dem amtierenden Finanzchef Johannes Dietsch und künftigen Aufsichtsrat Bernhard Günther.

Mehr über die Entwicklungen bei dem kriselnden Stahlkonzern lesen Sie auf der Themenseite zu ThyssenKrupp.