„Wollten das nicht erst angehen, wenn die erste spanische Bank umfällt“

Biesterfeld AG

17.10.12
CFO

„Wollten nicht erst handeln, wenn die erste spanische Bank umfällt“

Neuland für Biesterfeld: Das Hamburger Handelsunternehmen hat seinen ersten Schuldschein platziert. FINANCE sprach mit CFO Christian Wolfsohn und Thomas Rogall, dem Ressortleiter Rechnungswesen/Finanzen, über die herausfordernde Transaktion.

Die Details zum Schuldschein von Biesterfeld

Die Biesterfeld AG hat erfolgreich einen Debütschuldschein über 45 Millionen Euro platziert. Ursprünglich war lediglich ein Volumen von 35 Millionen Euro anvisiert gewesen. Das Darlehen läuft vier und sechs Jahre. 31 Prozent des Emissionsvolumens konnten nach Unternehmensangaben bei der 6-jährigen Tranche allokiert werden. Die HSH Nordbank AG hat die Transaktion arrangiert.

FINANCE: Herr Wolfsohn, Handelsunternehmen finanzieren sich traditionell kurzfristig. Was hat Biesterfeld dazu bewogen, erstmals einen Schuldschein zu platzieren?
Christian Wolfsohn: Wir haben als Handelsunternehmen ein Working Capital, das sich vier- bis fünfmal im Jahr dreht und ein Volumen von 220 Millionen bis 240 Millionen Euro hat, das wir finanzieren müssen. Angesichts eines Umsatzwachstums von rund 200 Millionen Euro in den nächsten drei Jahren brauchen wir ein zusätzliches Finanzierungsvolumen in Höhe von 35 Millionen bis 50 Millionen Euro.

FINANCE: Biesterfeld ist in ganz Europa tätig. Hat die Euro-Krise dabei auch eine Rolle gespielt?
Christian Wolfsohn: Ja, besonders wegen der Finanz- und Bankenkrise in Süd- und Südwesteuropa haben wir uns Anfang dieses Jahres gedacht, dass es sinnvoll sein könnte, uns bankenunabhängiger aufzustellen. Und das wollten wir nicht erst angehen, wenn die erste spanische Bank umfällt, sondern wir wollten frühzeitig vorsorgen. Inzwischen hat sich die Lage zum Glück wieder etwas beruhigt.

FINANCE: Wie lange hat die Vorbereitung gedauert?
Thomas Rogall: Wir haben bereits Ende Februar mit fünf unserer Banken angefangen zu sprechen. Diese Sondierungsgespräche dauerten bis Mai an. Ende Juni haben wir uns schließlich für die HSH Nordbank AG als Arrangeur entschieden. Im Juli begannen dann die Vorbereitung des Informationsmemorandums sowie die Verhandlung der Kreditdokumentation, und am 21. August sind wir schließlich in die Vermarktung gegangen.

FINANCE: Das ging nicht über Nacht. Worin liegen die Gründe?
Thomas Rogall: Ja, wenn man den Prozess von Beginn an betrachtet, ist das richtig. Wir haben jedoch seit Februar sehr viele Simulationen durchgeführt, ob wir als Handelsunternehmen überhaupt in den Schuldscheinmarkt passen – am Ende hat sich das bestätigt.

FINANCE: Welche Herausforderungen barg die Transaktion?
Christian Wolfsohn: Wir mussten zunächst ein umfangreiches Informationsmemorandum auf die Beine stellen, worin wir unser Geschäftsmodell und unsere Märkte erläutern mussten. Chemie- und Kunststoffdistribution ist nicht jedem bekannt – die Mechanismen sind erklärungsbedürftig. Des Weiteren sind wir ausschließlich im B2B-Bereich tätig, weshalb Biesterfeld keine bekannte Marke ist - wenn man nicht gerade zu unseren Kunden oder Lieferanten zählt.
Thomas Rogall: Auch die neue Kreditdokumentation war herausfordernd. Das waren zwar Diskussionen, die wir von unseren Banken und den bilateralen Kreditlinien kennen. Dennoch war es ein neuer Markt mit seinen eigenen Ansprüchen.

FINANCE: Wir haben in den vergangenen Wochen schon Laufzeiten von bis zu zehn Jahren bei Schuldscheinplatzierungen gesehen. Warum haben Sie sich für vier und sechs Jahre Laufzeit entschieden?
Christian Wolfsohn: Diese beiden Laufzeiten passen gut zu den Verbindlichkeiten auf unserer Passivseite. Laufzeiten von drei und fünf Jahren hätten angesichts unserer anderen Fristigkeiten gestört. Zudem war es unsere Debüttransaktion. Bislang waren auch noch nicht viele Handelsunternehmen am Schuldscheinmarkt aktiv. Man muss den Investoren erst das Geschäftsmodell solcher Unternehmen näherbringen.

Der CFO und der Ressortleiter Rechnungswesen/Finanzen von Biesterfeld

Christian Wolfsohn ist seit November 2004 Finanzvorstand der Biesterfeld AG. Zuvor war er von 1999 bis 2004 Director Administratif & Financier für die Santé-Aktivitäten des französischen Industriegasespezialisten Air Liquide S.A. in Paris. Weitere Erfahrungen sammelte er unter anderem in Norderstedt bei der Unternehmensgruppe Schülke & Mayr als kaufmännischer Leiter. Thomas Rogall ist seit 2007 als Leiter Treasury bei der Biesterfeld AG tätig und hat in diesem Jahr als Ressortleiter zusätzlich das Konzernrechnungswesen übernommen. In beiden Bereichen zusammen führt er insgesamt 18 Mitarbeiter.

FINANCE: Wäre auch eine Anleihe für Sie in Frage gekommen?
Christian Wolfsohn: Nein, denn eine Anleihe ist nicht so preiswert zu strukturieren. Zudem sehen wir ja gerade, dass sogar bekannte Unternehmen, die derzeit Anleiheemissionen durchführen, kräftig die "PR-Trommel rühren", um überhaupt Interesse zu wecken. Als wenig bekanntes Unternehmen hätten wir also noch geringere Chancen bzw. es wäre wiederum recht teuer geworden.

FINANCE: Wie waren Sie bisher finanziert?
Christian Wolfsohn: Wir haben uns bislang über Eigenkapital und Mezzanine-Kapital, Pensionsrückstellungen, Lieferantenverbindlichkeiten und einjährige bilaterale Kreditlinien finanziert. Nur etwa 35 Prozent unserer Passivseite waren langfristig. Das ändert sich jetzt mit dem neuen Schuldschein.

FINANCE: Wie finanzieren sich Ihre ausländischen Gesellschaften?
Thomas Rogall: Wir sind in vielen europäischen Gesellschaften mit bilateralen Kreditlinien bei lokalen Banken versorgt. Mit dem Schuldschein wollen wir nun die Anzahl der lokalen ausländischen Banken zurückfahren und eine stärker zentral orientierte Konzernfinanzierung auf die Beine stellen.

FINANCE: Immer mehr ausländische Investoren sind an dem typisch deutschen Instrument Schuldschein interessiert. Waren auch bei Ihnen ausländische Investoren mit dabei?
Thomas Rogall: Unsere Investoren kamen zwar mehrheitlich aus Deutschland und Österreich. Es gab aber auch beispielsweise Interesse aus Frankreich, Spanien und anderen Ländern.

FINANCE: Welche aktuellen Projekte haben Sie nach der erfolgreichen Platzierung des Schuldscheins noch auf der Agenda?
Thomas Rogall: Auf der Finanzierungsseite haben wir in Deutschland keine weiteren Veränderungen geplant. Unser Zahlungsverkehr muss aber noch sepafähig werden. Dieses Projekt wollen wir in diesem Jahr noch in Deutschland abschließen.
Christian Wolfsohn: Die Finanzierung des Umlaufvermögens bleibt weiterhin eine Herausforderung. Unsere Working-Capital-Anforderungen wollen wir optimieren. Wir beobachten unser Vorratsvermögen und unsere Forderungslaufzeiten sehr genau, damit nichts aus der Spur läuft. Auch mit unseren Lieferanten sprechen wir ständig, welche Forderungen sie finanzieren können.

Das Familienunternehmen Biesterfeld

Die Biesterfeld AG ist ein internationales Handels- und Dienstleistungsunternehmen mit einer über hundertjährigen Tradition und den drei Kerngeschäftsfeldern Plastic, Spezialchemie und International. Das Hamburger Familienunternehmen hat weltweit über 50 Standorte in Deutschland, Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien. Im Geschäftsjahr 2011 erzielte der paneuropäische Chemie- und Kunststoffdistributeur einen konsolidierten Umsatz in Höhe von 963 Millionen Euro (Inland: 226 Mio. Euro, Ausland: 737 Mio. Euro).