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Deutsche Konzerne kaufen in Kolumbien

In Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens, ist zum Ziel ausländischer Investoren geworden. Auch deutsche Konzerne bedienen sich kräftig am kolumbianischen M&A-Markt.
DC Colombia/iStock/Thinkstock/Getty Images

Kolumbien, das mit fast 48 Millionen Einwohnern dritt-bevölkerungsreichste Land Lateinamerikas, mausert sich zum begehrten Zielland für M&A-Deals – auch für deutsche Konzerne. Noch ist das Land vor allem ein Rohstofflieferant, die Hauptexporte bestehen aus Erdöl, Kohle und Kaffee. Das liegt auch daran, dass Kolumbien gerade einen kleinen Ölboom erlebt: Die Erdölförderung stieg in den letzten Jahren um durchschnittlich 15 Prozent auf inzwischen knapp 1 Million Barrel pro Tag. Inzwischen ist der Erdölsektor mit fast 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zum Schlüsselsektor der kolumbianischen Wirtschaft geworden.

Der aktuelle Ölpreisverfall ist daher sicherlich eine Hypothek für den weiteren Aufschwung des Landes. Dennoch steht Kolumbien auf der Target-Liste internationaler Investoren nach wie vor weit oben, denn das Land hat seine Hausaufgaben gemacht. Kolumbien hat den drittgrößten Binnenmarkt Lateinamerikas, die Kaufkraft der Bevölkerung nimmt rapide zu, und die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind ausgesprochen gut. Kolumbien hat seine Märkte geöffnet, Rechte der Investoren gestärkt, Prozeduren vereinfacht und geht offensiv gegen Korruption und Gewalt vor.

M&A in Kolumbien: Niedrige Steuern, verkaufswillige Unternehmer

Die Steuerbelastung für Unternehmen hat die kolumbianische Regierung auf 25 Prozent reduziert, allerdings gleichzeitig eine neue Einkommensteuer („Fairness Tax“ / „CREE Tax“) in Höhe von 9 Prozent eingeführt. Diese soll 2016 aber schon wieder auf 8 Prozent sinken. In speziellen Freihandelszonen zahlen industrielle Nutzer von Waren und Dienstleistungen sogar lediglich eine Einkommensteuer von 15 Prozent,  eine „CREE Tax“ wird nicht erhoben.

Das lockt ausländische Investoren nicht nur an den Aktien-, sondern auch an den M&A-Markt. Nach Informationen von Mergermarket war Kolumbien während der vergangenen zehn Jahre hinter Mexiko und Brasilien der drittgrößte M&A-Markt in Lateinamerika. Die Mehrzahl der Transaktionen, deren Anzahl stetig wächst, erfolgte im mittleren Segment mit einem Dealvolumen zwischen 10 und 100 Millionen Euro. Neben dem Wirtschaftsboom gibt es auch noch zwei besondere Treiber, die das M&A-Geschehen befeuern: die zunehmend professioneller werdende M&A-Beratungs- und Investmentbanking-Szene sowie die wachsende Bereitschaft von Unternehmerfamilien, sich von ihren Unternehmen zu trennen. Auch die kolumbianische Regierung hat verstärkt strategische Beteiligungen an Privatunternehmen veräußert, hauptsächlich im Energiesektor.

Grünenthal und Brenntag haben schon zugeschlagen

Attraktive Sektoren im kolumbianischen M&A-Markt sind derzeit die Bereiche Energie, Bergbau, Öl und Gas, Maschinenbau, Media und Telekom, Konsumgüter, Banken/Versicherungen sowie Pharma/Medizintechnik.

Insbesondere das Thema Gesundheit nimmt auch in Kolumbien einen immer höheren Stellenwert ein. Der dortige Life-Sciences-Markt wächst deutlich und bietet für deutsche Healthcare-Anbieter sehr gute Bedingungen. Das hat auch schon zu einigen deutsch-kolumbianischen M&A-Deals geführt: So hat die Unternehmensgruppe Maquet, ein führender Anbieter medizinischer Systeme  für chirurgische Eingriffe, kardiovaskuläre Operationen und die Intensivpflege, Ende 2012 den Unternehmensbereich Medizintechnik der kolumbianischen Tecno-Hospitalia Ltda übernommen.

Auch für den Aachener Pharmahersteller Grünenthal hat der kolumbianische Markt inzwischen einen hohen Stellenwert. Im November 2013 wurde ein Portfolio von 30 „Branded Generics“ übernommen, die in Kolumbien in ihren entsprechenden Segmenten teilweise marktführend sind. Im Frühjahr 2014 hat die B. Braun Avitum, eine Tochter der Unternehmensgruppe B. Braun Melsungen, die Mehrheit des auf Nierenerkrankungen spezialisierten Unternehmens Dialy Ser in Bogotá erworben. Im Oktober 2014 hat auch der im MDax gelistete Chemiedistributeur Brenntag in Kolumbien zugeschlagen und den lokalen Anbieter SurtiQuímicos übernommen.

Faire Spielregeln am kolumbianischen M&A-Markt

Ein Low-Budget-Geschäft ist der kolumbianische M&A-Markt aber nicht mehr. Das durchschnittliche Kaufpreis-Multiple liegt derzeit zwischen 6,5x und 9x Ebitda, im mittleren Marktsegment zwischen 5x und 7x Ebitda. Jüngst wurde eine kolumbianische Fast-Food-Kette sogar für 11x Ebitda verkauft, was kolumbianische Marktbeobachter allerdings als teuer  einschätzten.

Die ausländischen Käufer wie Brenntag und Grünenthal setzen darauf, dass das regulatorische Umfeld für M&A-Deals so gut bleibt, wie es schon seit vielen Jahren ist. So gibt es in Kolumbien keine wesentlichen Kapitalverkehrskontrollen: Ausländische Investitionen und Kapital können weitgehend frei nach Kolumbien hinein und auch wieder hinaus fließen. Ausländische Investitionen müssen auch nicht erst von den kolumbianischen Behörden gesondert autorisiert werden. Der normale Zeitraum vom Beginn bis zum Abschluss einer M&A-Transaktion  beträgt drei bis sechs Monate. Es deutet trotz der aktuellen Turbulenzen am Ölmarkt einiges darauf hin, dass der kolumbianische M&A-Markt gerade erst entdeckt wird und auch für deutsche Konzerne noch viele potentielle Deal-Möglichkeiten bereit hält.

Info

Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel ist ein deutscher Theologe, Philosoph und Wissenschaftler und hat als Unternehmensberater das Institut für Sozialstrategie in Laichingen sowie die Strategie und Wert Beratungs- und Beteiligungs-GmbH gegründet.

Carolina Weyde (B.Sc.) ist Projektmanagerin bei Harald Link Mergers & Acquisitions in Hamburg.

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