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Distressed-M&A-Markt: Wer schnappt sich wen?

Wer fährt die Ellenbogen auf dem deutschen Distressed-M&A-Markt aus?
Coloures-Pic - stock.adobe.com

Der insolvente Werkzeughersteller Joh. Friedrich Behrens hatte Glück: Er wurde über einen Distressed-M&A-Deal verkauft, der Geschäftsbetrieb geht weiter. Wie Ende März bekannt wurde, geht das Unternehmens aus Ahrensburg für rund 28 Millionen Euro an eine Tochter von Greatstar Europe, das wiederum zum chinesischen Industriekonzern Greatstar Industrial gehört. Die Transaktion soll Anfang Juni abgeschlossen werden.

Dass chinesische Käufer auf dem deutschen Distressed-M&A-Markt aktiv sind, ist typisch: Käufer von dort wollen derzeit wieder vermehrt zuschlagen, beobachtet Thomas Hausbeck, Rechtsanwalt und Partner in der Kanzlei Buse. „Vor allem chinesische Industrieunternehmen, hinter denen nicht offiziell Staatsfonds stehen, gehen gerade auf Shoppingtour.“

Der Grund für die erhöhte Aktivität ist klar: Zwar bleibt die große Insolvenzwelle bisher aus, dennoch sind durch die Coronakrise mehr Unternehmen als in den Vorjahren in Schieflage geraten: Sie sind derzeit besonders günstig, meint Hausbeck. Für Käufer aus China kann es dabei ein Vorteil sein, dass die Wirtschaft des Landes nach der Coronakrise schon wieder deutlich angesprungen ist und die Unternehmen aus einer vergleichsweise stabilen Situation heraus agieren können.

Distressed M&A sichert Marktzugang

Chinesische Käufer sind am Distressed-M&A-Markt insbesondere auf Ziele aus, die ihnen den Markteintritt in Deutschland ebnen oder deren Technologie, Know-how und Mitarbeiter interessant sind. Durch den Kauf eines deutschen Insolvenzfalls kann ein Käufer ein etabliertes Geschäft übernehmen und kommt so ohne regulatorische Hürden in den Markt. „Vor allem Unternehmen aus der Automobilbranche stehen für chinesische Interessenten derzeit ganz oben auf der Shoppingliste“, sagt Hausbeck.

Technologien und insbesondere Patente von Unternehmen aus dem Bereich Elektronik, Kommunikation, Medizin, Maschinenbau und Robotics sind ebenfalls sehr begehrt. Dabei trauen sich die chinesischen Käufer auch große Transaktionen zu, wie etwa in den vergangenen Jahren die Übernahmen von Kuka, Kraus-Maffei oder Grammer gezeigt haben.

Eine finanzielle Schieflage schreckt die Käufer nicht ab, so lange das Geschäftsmodells stimmt, beobachtet Hausbeck: „Wie hoch das Unternehmen verschuldet ist oder wie profitabel es wirtschaftet, ist für diese Käufergruppe eher zweitrangig“, erklärt der Buse-Experte. „Weil der Marktzutritt so wichtig ist, zahlen chinesische Käufer oft auch bei Distressed-Transaktionen noch vergleichsweise hohe Kaufpreise.“

US-Investoren sind auf Tech-Unternehmen aus

Einen etwas anderen Fokus legen dagegen US-Investoren, laut Hausbeck die zweite große Gruppe, die derzeit am Distressed-Markt mitmischt. Im Gegenzug zu den strategischen Kaufinteressenten aus China fahren die US-Investoren eine klassische Private-Equity-Strategie: „Für sie steht im Fokus, wie rentabel das Geschäftsmodell ist und wie viel Ertrag sie aus dem Unternehmen rausholen können. Sie verfolgen eine klare Exit-Strategie und greifen auch operativ stärker in das Unternehmen ein.“

Auch Alexander Kissel, geschäftsführender Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft RSM, sieht vermehrte Distressed-Transaktionen mit Interessenten aus den USA. „Während chinesische Käufer sich auch für Unternehmen interessieren, die schon vor Corona in Schieflage geraten waren, zielen US-Interessenten eher auf Tech-Unternehmen ab, die erst kürzlich in die Krise gerutscht sind“, beobachtet er. Vor allem Small-Caps seien ins Visier geraten. Auch in diesem kleinvolumigen Dealsegment seien neben strategischen Käufern auch immer mehr Finanzinvestoren unterwegs.

Europäische Investoren kaufen Small- und Mid-Caps

Allerdings ist das derzeitige Angebot am Distressed-M&A-Markt noch nicht für alle Investorengruppen interessant: „Generell gibt es derzeit wenige Transaktionen im Large-Cap-Bereich, dafür aber durchaus einige Aktivität im Small- und Mid-Cap-Bereich, wo es im Gegensatz zum Large-Cap-Bereich einige Insolvenzen gab“, meint Marvin Knapp, Partner im Bereich Restrukturierung und Insolvenz bei Freshfields. Für ausländische Investoren mit Fokus auf größeren Volumina seien diese Transaktionen vielfach schlichtweg zu klein. Ausnahme: Einige Gesellschaften, wie zum Beispiel Condor, befänden sich aktuell in einer sanierungsbedingten Verkaufstreuhand: In diesen Situationen könnte es in absehbarer Zeit zu Verkaufsprozessen kommen, die für Kaufinteressenten günstige Optionen darstellen könnten.

Allerdings gibt es auch bei Großunternehmen Trends, die Distressed-Transaktionen treiben, beobachtet Kai Hasselbach, Partner im Bereich M&A. So würden immer mehr Unternehmen kriselnde Bereiche über Carve-outs abstoßen. „Wir sehen das vor allem bei Spartenverkäufen: Ein Unternehmen braucht eine neue Fabrik und kauft dann eine Sparte, um die damit erworbene Fläche für eigene Zwecke zu nutzen“, erklärt M&A-Experte Hasselbach. In diesen Fällen seien primär europäische Investoren aktiv. „Das sind meist mittelständische Strategen, viele von ihnen unterstützt durch Investoren aus Osteuropa“, sagt Hasselbach.

Der Distressed-M&A-Markt wird wachsen

Ob Chinesen, Amerikaner oder Europäer: Einig sind sich die Experten darin, dass der Distressed-M&A-Markt einen deutlichen Aufschwung erleben wird. Spätestens zum Ende dieses Jahres dürfte es zu wesentlich mehr Transaktionen kommen, schätzen sie. Dabei wird die ganze Bandbreite vertreten sein – von Small- bis Large-Cap-Deals.

sarah.backhaus[at]finance-magazin.de

Info

Dieser Text ist Teil einer Serie, in der wir verschiedene Facetten von M&A-Deals in Krisensituationen beleuchten. Im ersten Teil finden Sie einen aktuellen Überblick darüber, wie Experten den Distressed M&A Markt einschätzen. Im zweiten Teil erfahren Sie, welche Hürden es bei einem Carve-out im Krisenfall zu beachten gilt. Mehr zum Thema finden Sie auch auf unserer Themenseite Distressed M&A.

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Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Sie hat Journalismus an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln studiert. Sarah Backhaus arbeitete während ihres Studiums unter anderem für Onlinemagazine von Gruner + Jahr und schrieb als freie Journalisten für die Handelszeitung, faz.net und Impulse.

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