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M&A-Prozess bei Hess: Investoren warten Sonderprüfung ab

Hess braucht Investoren, doch die warten auf die Bilanz-Sonderprüfung.
Hess

In wenigen Tagen soll es passieren. Dann wollen die Wirtschaftsprüfer von Ebner Stolz und die Kanzlei Pöllath & Partner das Ergebnis ihrer Bilanzsonderprüfung  vorlegen, die sie bei dem von einem Bilanzskandal erschütterten, zahlungsunfähigen Leuchtenhersteller Hess aus Villingen-Schwenningen gerade durchführen. Viele beim IPO beteiligte Akteure bangen, wie die Prüfung ausgehen wird. Es zittern die mittelständische Wirtschaftsprüfungsgesellschaft dhmp, die Hess für den IPO einen Letter of Comfort ausstellte, aber auch die Konsortialbank LBBW. Die Stuttgarter Landesbank  hat vor wenigen Tagen Strafantrag im Fall Hess gestellt.

Anders als kolportiert stellt die Universalbank aber ihr IPO-Geschäft aber nicht grundsätzlich in Frage, wie FINANCE aus Bankenkreisen erfuhr. Bei der internen Aufarbeitung des Bilanzskandals geht es bei der LBBW demnach  vor allem darum zu klären, ob der mögliche Betrugsfall im Vorhinein tatsächlich nicht zu erkennen gewesen ist. Dies wird sich auch der an Hess beteiligte Finanzinvestor Holland Private Equity fragen, der seinerseits eine Due Diligence durchführte. Auch die ermittelnde Staatsanwaltschaft Mannheim, die unter anderem wegen Kapitalanlagebetrug gegen die frühere Hess-Führung ermittelt, wartet mit großer Spannung auf das Ergebnis der Sonderprüfung.

M&A: Beißt ein belgisches Familienunternehmen an?

Das Ergebnis der Sonderprüfung wird den M&A-Prozess stark beeinflussen, der bereits anläuft. Offenbar ist die belgische Schréder-Gruppe an der insolventen Hess-Gruppe  interessiert. Das Unternehmen beschäftigt eigenen Angaben zufolge 2.600 Mitarbeiter, veröffentlicht aber keine Umsatzzahlen. Der Konzern ist bereits seit 10 Jahren in Deutschland präsent, hat aber zuletzt einen Standort geschlossen.

Eine Zerschlagung der Hess-Gruppe gilt als wenig wahrscheinlich – dazu ist der Leuchtenhersteller mit seinen zwei deutschen Standorten schlicht zu klein.

Knackpunkt im laufenden Bieterverfahren dürfte die gesellschaftsrechtliche Form sein, unter der ein Erwerber die Geschäfte weiterführen würde. Die potentiellen Investoren werden mögliche Haftungsklagen im Zusammenhang mit der Bilanzfälschung und den falschen Angaben im Börsenprospekt vermeiden wollen – insbesondere weil deren Gesamthöhe kaum zu kalkulieren ist. Die Klagen richten sich jedoch gegen den Unternehmensmantel von Hess, die AG. Deren Schicksal könnte damit bald besiegelt zu sein – und damit auch die Ära der Unternehmerfamilie Hess. Wie viele Unternehmen zuvor ginge der Leuchtenhersteller dann in der dritten Generation in neue Hände über.

Whistleblower berichtet von Briefkastenfirmen

Doch vorher sind als Ergebnis der Sonderprüfung noch einige Abgründe zu erwarten:  Einer der mutmaßlichen Whistleblower, der seine Befunde am Vorstand vorbei dem Aufsichtsrat direkt zugespielt haben soll und damit den Skandal mutmaßlich ins Rollen brachte, bot Informationen meistbietend der Scheckbuch-Journaille an.

Dort las man von einem System von Briefkastenfirmen, über das der frühere Hess-CFO Peter Ziegler Scheinumsätze in Millionenhöhe generiert haben soll – ein Fall, der an den nicht minder spektakulären Bilanzbetrug beim Plüschtierhersteller Nici erinnert, wo CEO Otmar Pfaff Scheinumsätze an Factoring-Gesellschaften weiterverkaufte und damit jahrelang ein Schneeballsystem in Gang hielt.

marc-christian.ollrog[at]finance-magazin.de

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