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Revolution am Medtech-M&A-Markt

Neue EU-Regeln drohen viele Medizintechnikunternehmen schwer in Bedrängnis zu bringen. Löst sie auch eine große Konsolidierungswelle am M&A-Markt aus?
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Corona hat die allermeisten Unternehmen wirtschaftlich schwer getroffen – auch Firmen aus der Medizintechnikbranche. Rund 5 Prozent Umsatzrückgang in diesem Jahr mussten die deutschen Unternehmen verkraften, schätzen Marktexperten wie die auf die Medtech-Branche spezialisierte M&A-Beratung Taurus Advisory. Nur einige wenige Medizintechnikfirmen wie Drägerwerk hingegen profitieren kurzfristig von einer Corona-bedingten Sondernachfrage, etwa nach Beatmungsgeräten.

Der Ausbruch des Coronavirus hatte aber noch einen anderen Effekt auf die Medtech-Branche: Er verschaffte den Unternehmen eine Verschnaufpause. Am 26. Mai sollte eigentlich die Medical Device Regulation (MDR), die neue europäische Medizinprodukteverordnung, in Kraft treten. Wegen Corona wurde der Termin um genau ein Jahr verschoben.

Die MDR beinhaltet strengere Zulassungsbeschränkungen für alle Arten von Medizinprodukten – von Pflastern bis zu Implantaten. Das bedeutet, dass zahlreiche Medizinprodukte vor dem Vertrieb in Europa strenger geprüft werden müssen. Nun rückt die neue Regulierung wieder in greifbare Nähe – mit gravierenden Folgen für die Unternehmen: Für viele Produkte wird jetzt zum ersten Mal eine klinische Prüfung zur Zulassungsvoraussetzung. Für den Großteil der Branche ist die neue Regulierung der größte Hemmschuh der geschäftlichen Entwicklung.

Der Umfang dieser Änderung ist gewaltig, allein in Deutschland wird sie mehrere Hunderttausende Produkte betreffen. Die meisten davon werden von deutschen Mittelständlern hergestellt. Diese hielten im vergangenen Jahr rund 27 Prozent am Weltmarkt für Medizintechnikprodukte und rangieren damit auf dem dritten Platz gleich hinter den USA und China, hat die M&A-Beratung Taurus Advisory ausgerechnet.

Mittelständler müssen sich von Produkten trennen

Die Verschärfung der Regeln hat einen bitteren Beigeschmack: „Die Unternehmen sind gezwungen, ihre Produkte zu rezertifizieren, selbst wenn sie unter der alten Regulierung seit langem im Markt sind“, berichtet Berthold Hackl, Medtech-Experte der M&A-Beratung Taurus Advisory. „Jede Zertifizierung kostet Geld, und wir sprechen von rund 500.000 Produkten. Bei komplexen Produkten können die Kosten für die Zulassung in die Millionen gehen und erhebliche Zeiträume blockieren.“

Die Unternehmen müssen ihre Produkte rezertifizieren.

Und die Zeit drängt, denn den Unternehmen bleibt gerade einmal ein weiteres halbes Jahr Übergangsfrist, um sich auf die MDR einzustellen. „Der Zug für die Inverkehrbringung nach der alten Direktive ist de facto abgefahren, auch wenn es im Einzelfall Vermarktungsmöglichkeiten bis 2024 gibt“, mahnt Hackl. Sein Appell: Unternehmen sollten trotz Coronakrise alle laufenden MDR-Projekte weitertreiben, inklusive möglicher Portfoliobereinigungen.

Indes: Viele deutsche Mittelständler oder Start-ups werden sich nicht die Zertifizierung aller ihrer Produkte leisten können. „Diese Unternehmen müssen ihre Portfolios auswerten und überlegen, für welche Medizinprodukte sich eine Zertifizierung noch lohnt“, meint Hackl. Produkte, die diese Evaluation nicht bestehen, aber Innovationspotential haben, haben gute Chancen, über den M&A-Markt den Besitzer zu wechseln. Wenig perspektivträchtige Produkte dagegen dürften vom Markt verschwinden.

M&A: Rettung für Medizintechniker

Unternehmen, für die die Zertifizierung insgesamt zu aufwändig ist, weil sie dafür teure Stabsfunktionen ausbauen müssten, sind noch auf ganz andere Methoden angewiesen, glaubt der M&A-Berater: „Um nicht unterzugehen, müssen diese Medizintechniker eine kritische Masse erreichen. Das geht zum Beispiel durch M&A-Deals und verstärkte Partnerschaften.“ Summa summarum steht zu erwarten, dass die neue Medtech-Verordnung für eine deutliche Zunahme an M&A-Transaktion in dem Sektor sorgen wird – und das in einem Markt, der ohnehin gerade zu den heißesten in der gesamten M&A-Welt zählt.

Finanzstarke Käufer liegen deshalb bereits auf der Lauer – sowohl Strategen als auch Finanzinvestoren. Strategen könnten über Zukäufe ihre bestehenden Geschäftsbereiche stärken oder sich breiter diversifizieren. Private-Equity-Investoren hingegen bietet sich eine vielleicht einmalige Gelegenheit, im Medtech-Markt eine Reihe von neuen Buy-and-Build-Projekten aufzusetzen. Aus diesen könnten mittelständische Medtech-Produzenten mit dreistelligen Millionenumsätzen entstehen. Solche Hersteller ließen sich später ohne weiteres an die Börse bringen. 

Due Diligence wird aufwändiger und teurer

Die MDR wird die Bewertungs-Multiples zunächst sinken lassen.

Auf zwei Dinge sollten sich die Kaufhungrigen gefasst machen, rät M&A-Berater Hackl – und argumentiert mit den Bewertungen: Seinen Daten zufolge liegen die Ebitda-Multiples für deutsche Medtech-Unternehmen derzeit im Schnitt bei 12x – bei relativ wenigen verfügbaren und auch erschwinglichen Targets. „ Die MDR könnte die Bewertungs-Multiples zunächst sinken lassen, weil mehr Unternehmen als Targets in den Markt eintreten“, erwartet der M&A-Berater.  

Doch schon nach kurzer Zeit würden die Kaufinteressenten merken, dass die MDR Übernahmen auch ein Stückweit erschwert: „Die MDR erhöht die Komplexität der Due Diligence beim Kauf von Medtech-Unternehmen und macht sie teurer.“ Der Grund: Käufer müssen künftig nicht nur genauestens überprüfen, ob das M&A-Target selbst, sondern auch, ob dessen Zulieferer und Kunden MDR-konform arbeiten – ein Terrain für M&A-Spezialisten und damit ein großer Vorteil für die Private-Equity-Industrie.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

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Olivia Harder ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die aktuellen Entwicklungen im M&A-Geschäft. Sie hat Philosophie, Politikwissenschaften, Soziologie und Geographie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen studiert, wo sie auch einen Lehrauftrag innehatte. Vor FINANCE arbeitete Olivia Harder in den Redaktionen mehrerer Wochen- und Tageszeitungen, unter anderem beim Gießener Anzeiger.

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