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Warum Gratisaktien in Deutschland keine Übernahme verhindern

Laurenz Wieneke (Noerr): „In Deutschland können Sie so viele Gratisaktien ausgeben wie Sie wollen. Am Transaktionsvolumen ändert das nichts.
Noerr

Der hessische Dachziegelproduzent Braas Monier rüttelt derzeit gehörig am europäischen Übernahmerecht. Durch die Ausgabe von Gratisaktien an die eigenen Aktionäre will das SDax-Unternehmen dem US-amerikanischen Konkurrenten Standard Industries eine Giftpille verabreichen und die feindliche Übernahme verhindern.

Durch die Gratisaktien wären mehr Aktien im Umlauf, die Standard Industries erwerben müsste, was die Transaktion insgesamt verteuert. Die Amerikaner haben dagegen bereits eine einstweilige Verfügung erwirkt. Ein luxemburgisches Gericht muss nun entscheiden, ob dieses Verteidigungsmanöver rechtens ist, da Braas Monier eine Gesellschaft nach luxemburgischem Recht ist. Wie sähe die rechtliche Lage in Deutschland aus, wo Braas Monier seinen wirtschaftlichen Schwerpunkt hat und im SDax gelistet ist?

Braas Monier könnte mit Gratisaktien den Preis nicht treiben

Dort würde Braas Moniers Schachzug wohl ins Leere laufen. „In Deutschland können Sie so viele Gratisaktien ausgeben, wie Sie wollen. Am Transaktionsvolumen ändert das nichts“, ist sich der Aktien- und Kapitalmarktrechtler Laurenz Wieneke von der Wirtschaftskanzlei Noerr sicher. Das ergebe sich aus Paragraph 216 im deutschen Aktiengesetz, der eine automatische Preisanpassung vorsieht.

Erhöht ein Unternehmen das Grundkapital statt durch eine Bar- oder Sacheinlage durch eine Umbuchung aus Gesellschaftsmitteln (das führt zur Ausgabe von kostenlosen Aktien, im Finanzjargon „Gratisaktien“ genannt) so sinkt automatisch proportional der rechnerische Wert je Aktie. Der Unternehmenswert ändert sich nicht, da das Vermögen des Unternehmens lediglich auf mehr Aktien umverteilt wird. Freie Gewinnrücklagen werden auf neue Aktien verteilt und an die Aktionäre ausgegeben. Wieneke vergleicht das mit einem klassischen Passivtausch in der Bilanz.

Ein Beispiel: „Für jede bestehende Aktie erhält jeder Aktionär eine Gratisaktie, wodurch sich die Aktienanzahl insgesamt verdoppelt. Das deutsche Aktiengesetz schreibt vor, dass sich bei Transaktionen, die sich auf Aktien beziehen, der Gegenwert je Aktie proportional sinken muss. In diesem Fall halbiert er sich“, erklärt Wieneke. Unter dem Strich stünde somit ein Nullsummenspiel, das für die Abwehr einer feindlichen Übernahme nutzlos wäre. Dem langjährigen Aktien- und Kapitalmarktanwalt ist hierzulande bisher zudem kein Unternehmen bekannt, das die Möglichkeit zur Ausgabe von Gratisaktien im Zusammenhang mit einem Übernahmeangebot genutzt hat.

Zwar könne der Aktienkurs dennoch ansteigen und über dem rechnerischen Wert liegen. „Im Rahmen einer Übernahme wird der Aktienkurs aber in erster Linie durch die vom Bieter gebotene Prämie bestimmt und von einer Spekulation darauf, ob er das Angebot noch erhöht, ob die Angebotsbedingungen erreicht werden oder ob es ein konkurrierenden höheres Angebot geben wird“, schränkt Wieneke ein.

M&A: Management darf Übernahmeangebot nicht verhindern

Bei der Frage, ob Braas Moniers Schachzug grundsätzlich mit dem deutschen Übernahmerecht im Einklang stünde, hilft ein Blick ins Wertpapier- und Übernahmegesetz (WpÜG). „Grundsätzlich darf der Vorstand den Erfolg des Übernahmeangebots nicht verhindern. Die Entscheidung, ob sie das Angebot annehmen wollen, obliegt den Aktionären“, sagt Wieneke.

Das ist wohl der Grund, weshalb Braas Monier in seiner Pressemitteilung erklärte, stets im Rahmen der Angebotsbedingungen gehandelt zu haben. „Bei einem Verstoß gegen die Angebotsbedingungen wäre das Übernahmeangebot hinfällig, und der Vorstand hätte seine Aktionäre um ihre Entscheidung gebracht“, führt Wieneke aus.

Aktiengesetz lässt bei M&A weißen Ritter als Abwehrmaßnahme zu

Wie jedes Gesetz hat aber auch das WpÜG Ausnahmen. Es würde Braas Monier zum Beispiel nicht verbieten, einen sogenannten „weißen Ritter“ ins Unternehmen zu holen. „Dabei sucht sich das Unternehmen einen anderen Bieter, der besser zu dem Unternehmen passt und bereit ist, ein konkurrierendes Angebot abzugeben“, erklärt Wieneke.

Als weitere Möglichkeit verweist Wieneke auf die 2011 erfolgte Übernahme von Hochtief durch den spanischen Konkurrenten ACS. Während des M&A-Prozesses stieg das Emirat Katar mit 9,1 Prozent bei Hochtief ein und erschwerte damit die Übernahme. „Diese Maßnahme wurde nicht als verbotene Abwehrmaßnahme gewertet, da Hochtief damit argumentieren konnte, dass der Einstieg bereits vor dem Übernahmeversuch geplant gewesen sei“, so Wieneke.   

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

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