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16.11.17
Deals

3 Thesen zum M&A-Boom im Gesundheitssektor

Milliardenschwere M&A-Deals sind im deutschen Gesundheitssektor keine Seltenheit mehr. Auch die Multiples bewegen sich in konstant hohen Sphären. Was treibt den M&A-Markt im Gesundheitssektor an?

Früher galt die Gesundheitsbranche als solides, aber nicht besonders inspirierendes  Investitionsobjekt. Doch in Zeiten von politischer Unsicherheit und einem Mangel an Anlageoptionen, deren Cashflows so stabil sind, dass sie auch höchste Verschuldungsraten zu tragen vermögen, hat sich der Healthcare-Sektor Stück für Stück zu einem populären M&A-Markt gemausert, in dem die Milliardendeals längst nicht mehr nur in den USA, sondern auch in Deutschland stattfinden.

Das findet auch Henning Schneider, Partner bei der Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins. „Healthcare ist seit ein paar Jahren wirklich sexy“, stellt der M&A-Spezialist fest. Doch woran liegt das? Und wie lange hält dieser Trend noch an? Drei Thesen zum aktuellen M&A-Boom im Gesundheitssektor.

These 1: Milliardendeals nehmen weiter zu

In den vergangenen Monaten und Jahren hat der Gesundheitssektor in Deutschland mit milliardenschweren M&A-Deals auf sich aufmerksam gemacht. Großes Aufsehen erregte etwa die komplizierte Übernahme des Klinikbetreibers Rhön durch den Dax-Konzern Fresenius im Jahr 2013. 3 Milliarden Euro war der Deal schwer und umfasste 43 Kliniken und 15 medizinische Versorgungszentren. Durch diese Übernahme, die erst im zweiten Anlauf klappte, stieg der hessische Konzern zum größten privaten Klinikbetreiber Europas auf. Mit der Übernahme der spanischen Klinikkette Quirónsalud für 5,7 Milliarden Euro legte Fresenius vor einem Jahr sogar noch einen drauf – ein Rekorddeal.
 
Und die Fusionswelle innerhalb der Branche hält weiter an, auch in anderen Bereichen. Mit der Übernahme des Arzneimittelherstellers Stada haben die Private-Equity-Investoren Bain Capital und Cinven Mitte des Jahres gemeinsam für eine neue Rekordtranskation im deutschen Gesundheitssektor gesorgt. 5,3 Milliarden Euro legten die Investoren für 63 Prozent der Stada-Unternehmensanteile auf den Tisch und machten Stada damit zum größten Buy-out der deutschen Industriegeschichte.
 
Nach Einschätzung von Henning Schneider ist noch lange keine Trendwende in Sicht. Vielmehr erwartet er einen Anstieg der Anzahl von M&A-Deals in dieser Größenordnung. „Ich rechne mit mehr davon in den kommenden 12 bis 16 Monaten“, sagt Schneider. Vor allem bei Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern seien zukünftig mehr Übernahmen zu erwarten. Auch Zusammenschlüsse von unterschiedlichen Fachärzten in Medizinischen Versorgungszentren seien aufgrund des starken Kostendrucks, der zunehmenden Professionalisierung und Digitalisierung vermehrt zu erwarten. Diese Zentren könnten dann wiederum zu interessanten Übernahmezielen werden, zum Beispiel für Small- und Midcap-Private-Equity-Häuser. Die Deutsche Beteiligungs AG beispielsweise hat im Frühjahr eine enorm starke Radiologiegruppe aus Nordrhein-Westfalen übernommen.

These 2: Finanzinvestoren tendieren zu Long-Term-Money

Im aktuellen Niedrigzinsumfeld müssen Investoren kreativer werden, um robuste Anlageziele zu finden. In diesem Zusammenhang beobachtet der M&A-Anwalt die Tendenz zu langfristigeren Beteiligungen durch Finanzinvestoren an Unternehmen im Gesundheitssektor. Manche Finanzinvestoren betrachten Healthcare-Unternehmen sogar als „soziale Infrastruktur“, und entsprechend langfristig richten sie auch ihre Investments in solche Unternehmen aus.

Laut Schneider beteiligen sich Investoren wie beispielsweise das PE-Haus Antin zwischen 15 und 30 Jahre und nehmen dafür auch  eine geringe Rendite in Kauf. Zudem sieht Schneider vermehrt marktfremde Investoren, die ihre M&A-Aktivitäten auf den Gesundheitssektor konzentrieren.  
 
Als Hauptgrund für diese Entwicklung sieht Schneider die Robustheit des Sektors. Jeder sei über kurz oder lang auf medizinische Versorgung oder Pflege angewiesen. Dementsprechend sei der Gesundheitssektor gegenüber negativen wirtschaftlichen Entwicklungen weniger anfällig als andere Wirtschaftszweige.

These 3: Die Multiples bleiben auf hohem Niveau

Neben den steigenden Kaufpreisen befinden sich auch die gezahlten Multiples in einem Höhenrausch. Für Stada etwa bezahlten Cinven und Bain ein Ebitda-Multiple von über 13x.

Auch hier sieht Schneider Potenzial dafür, dass sich ein solches Multiple-Niveau sogar langfristig halten könnte. „Wir haben natürlich schon seit längerer Zeit einen Verkäufermarkt mit hohen Multiples. Aber der Trend zeigt weiter nach oben. Wir werden also immer öfter Multiples in der Größenordnung von 12 bis 14x Ebitda sehen“, ist Schneider überzeugt.

Sollte sich also bewahrheiten, dass weitere Milliarden-Deals, mehr Infrastrukturgelder und konstant hohe Multiples im Gesundheitssektor zu erwarten sind, dann stehen den auf Healthcare spezialisierten Investmentbankern ereignisreiche Monate bevor.

andreas.mehring[at]fiance-magazin.de