Cancom

17.09.19
Deals

Bietergefecht um Cancom?

Die Gründer überlegen zu verkaufen: Um den Cloud- und IT-Dienstleister Cancom bahnt sich ein milliardenschweres Übernahmeduell zwischen strategischen und Finanzinvestoren an.

Um den erst vor wenigen Wochen in den MDax aufgestiegenen IT-Dienstleister Cancom bahnt sich ein Bietergefecht an. Ex-CEO Klaus Weinmann, der gemeinsam mit den anderen Mitgründern noch 10 Prozent an Cancom hält, bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg „den Eingang mehrerer Interessensbekundungen“. Bloomberg zufolge habe es auch schon konkrete Gespräche mit mehreren dieser Interessenten gegeben, allerdings sei das Interesse nach einem Anstieg des Cancom-Aktienkurses zunächst wieder abgeflaut. Cancom selbst lehnte gegenüber Bloomberg einen Kommentar zu diesen Informationen ab.

Pikant ist, dass Cancom ein ideales Übernahmeziel für Tech-affine Private-Equity-Investoren wäre, aber auch strategische Käufer im Fall einer Zuspitzung an der Prüfung eines Deals kaum vorbei kämen. Das 1992 gegründete Unternehmen zählt zu den ganz wenigen europäischen IT-Dienstleistern, die zu einer kritischen Größe herangewachsen sind und gleichzeitig nicht in den Händen eines starken Großaktionärs liegen.

Das Unternehmen mit Sitz in München kommt auf einen Börsen- und Unternehmenswert von rund 1,9 Milliarden Euro und erwirtschaftete im vergangenen Jahr mit über 3.500 Mitarbeitern einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2019 legte der Umsatz wegen eines hohen Handelsumschlags mit Hardware um weitere 30 Prozent zu, allerdings dürfte dieser Sondereffekt bald auslaufen und sich das Wachstum wieder auf einen niedrigen zweistelligen Prozentwert abkühlen. Seit 2013 hat sich der Umsatz mehr als verdoppelt. 

Was Cancom für Private Equity interessant macht

An erster Stelle der Kaufinteressenten nennt Bloomberg die Finanzinvestoren EQT und Permira – letzteres Haus ist gerade dabei, sein wichtigstes europäisches Tech-Portfoliounternehmen an die Börse zu bringen, den Entwickler von Fernwartungssoftware Teamviewer.

Gleich mehrere Aspekte von Cancoms Geschäftsprofil machen das Unternehmen für Private-Equity-Investoren interessant. Zum einen wächst das Unternehmen seit Jahren schneller als die breite Wirtschaft und die Branche – und dürfte dies auch in Zukunft tun. Das Bankhaus Lampe rechnet für die Jahre 2018 bis 2021 mit einem Wachstum des Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 13 Prozent pro Jahr, ein Drittel schneller als die Konkurrenz. 2018 betrug das Ebitda knapp 115 Millionen Euro.

Desweiteren nimmt der Anteil des hochmargigen und stabilen Geschäfts mit Cloud-Dienstleistungen bei Cancom stetig zu. Dieses wirft Ebitda-Margen von 25 Prozent ab, Cancoms klassisches Systemhausgeschäft hingegen nur 5 Prozent. Der Umsatzanteil des Cloud-Geschäfts ist zwischen 2013 und 2018 von 7 auf 18 Prozent gewachsen und dürfte spätestens 2020 die 20-Prozent-Marke überwinden. Hinzu kommt, dass viele Cloud-Umsätze auch noch wiederkehrend sind. Im laufenden Geschäftsjahr dürften die wiederkehrenden Erlöse 11 Prozent vom Umsatz ausmachen, 2 Prozentpunkte mehr als 2018. 

FINANCE-Leser-Voting: Wird Cancom am Ende im Portfolio eines Private-Equity-Investors landen?

Cancom konsolidiert und konvertiert

Außerdem agiert Cancom selbst als Konsolidierer in dem stark fragmentierten deutschen und europäischen IT-Dienstleistermarkt. Die Bayern kaufen regelmäßig zu und betreiben dabei Multiple-Arbitrage. Während die Firma viele Zukäufe zu Bewertungen von 6x bis 7x Ebitda abschließt, wird Cancom selbst an der Börse mit dem Doppelten bewertet. 

Last but not least glänzt das Unternehmen mit Cashflow-Stärke. Ein Großteil des operativen Gewinns wird zu Cashflow, die Cash Conversion Ratio liegt bei hohen 75 Prozent. Im Gegenzug fallen kaum Investitionen an, die Investitionsquote liegt gerade einmal bei 2 bis 3 Prozent vom Umsatz. Auf dieses Geschäftsprofil dürften Finanzinvestoren von Debt-Fonds attraktive Finanzierungspakete mit einem hohen Leverage angeboten bekommen.    

Übernahmefantasie hat Cancom zum Überflieger gemacht

Bechtle will wachsen, aber Cancom performt besser

Als einer der wenigen großen verfügbaren IT-Dienstleister in Europa ist Cancom aber auch ein heller Punkt auf dem M&A-Radar zahlreicher Strategen. Bloomberg nennt explizit den japanischen Telekomkonzern NTT sowie Cancoms deutschen Erzrivalen Bechtle. Die Schwaben haben ein ähnliches Geschäfts- und Wachstumsprofil, sind mit einem Umsatz von 4,3 Milliarden Euro und einem Börsenwert von 3,8 Milliarden Euro aber mehr als doppelt so groß wie Cancom.

Durch eine Übernahme könnte sich Bechtle zu einem der größten Systemhäuser Europas aufschwingen und sein Cloud-Geschäft enorm vergrößern. Der Wille dazu ist kein Geheimnis: Bechtle-CEO Thomas Olemotz, der gleichzeitig auch Finanzchef ist, verfolgt einen strammen Wachstumskurs und will den Umsatz perspektivisch auf 10 Milliarden Euro nach oben treiben. 

Doch wegen des stärkeren Cloud-Geschäfts und des Charakters als Übernahmekandidat hat sich Cancom an der Börse in den vergangenen Jahren besser geschlagen als Bechtle. Auf Sicht von zwölf Monaten hat die Cancom-Aktie um 35 Prozent zugelegt, während der Bechtle-Kurs stagnierte. In den vergangenen drei Jahren stieg das Cancom-Papier um 140 Prozent, Bechtle um 80 Prozent. Bechtle-Chef Olemotz sagte gegenüber Bloomberg, man führe derzeit keine Übernahmegespräche mit Cancom.

FINANCE-Köpfe

Dr. Thomas Olemotz, Bechtle AG

Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann und seinem Studium wird Thomas Olemotz zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Gießener Universität. Am Lehrstuhl für Strategisches Management und Führung promoviert er, bevor er 1995 als Vorstandsassistent zur WestLB geht. Im Anschluss daran wechselt er zur Deutschen Bank und leitet den Geschäftsbereich Mergers & Acquisitions bei der Deutschen Gesellschaft für Mittelstandsberatung.

Seine nächste Station führt ihn 1999 zu Delton, einer strategischen Beteiligungsgesellschaft des Unternehmers Stefan Quandt, wo Olemotz Leiter der Unternehmensentwicklung wird. Von 2002 bis 2007 ist er Finanzvorstand des Logistik-Dienstleisters Microlog Logistics, der Teil des Delton-Konzerns ist. Im März 2007 wird Thomas Olemotz CFO des heute im M- und TecDax-notierten IT-Unternehmens Bechtle. Nach nur zwei Jahren steigt er zum Vorstandssprecher auf, im Juni 2010 wird er zusätzlich zu seiner CFO-Verantwortung zum CEO berufen.

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Die sich verdichtenden Übernahmegerüchte können jedoch zumindest heute der Cancom-Aktie keinen weiteren Schub mehr verleihen: In einem insgesamt stabilen Markt verharrt auch das Cancom-Papier bei Kursen um 54 Euro.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de