Trendwende bei W&I-Versicherungen: Klassischerweise als Instrument zur Absicherung gegen unbekannte Risiken eingesetzt, versichert die W&I heute immer öfter bekannte Risiken.

William Potter/iStock/Getty Images Plus

12.09.19
Deals

CFOs greifen häufiger zu M&A-Versicherungen

Ob bei Rechtsstreitigkeiten oder Steuernachzahlungen: Kein CFO will sich um Post-Merger-Risiken Sorgen machen müssen. Deshalb lassen CFOs ihre Deals immer häufiger absichern – und die Versicherer erweitern ihr Angebot.

Die Deal-Volumina steigen, und die Transaktionsstrukturen bei M&A-Deals werden immer komplexer. Das führt dazu, dass CFOs dadurch entstehende Risiken immer stärker absichern wollen. Diese Entwicklungen am M&A-Markt sorgen für einen Umbruch am Versicherungsmarkt: Ein Report des Industrieversicherungsmaklers Marsh zeigt, dass weltweit im vergangenen Jahr 1.089 M&A-Deals versichert worden sind – das sind ein ganzes Drittel mehr versicherte Transaktionen als noch im Vorjahr.

Deutsche M&A-Deals häufiger versichert

Dieser Trend macht auch vor Deutschland nicht Halt, berichtet Philipp Giessen, Leiter Private Equity und M&A bei Marsh: „In Deutschland konnten wir im vergangenen Jahr 90 Policen abschließen – 43 Prozent mehr als noch 2017. Damit liegt Deutschland sogar noch über den Durchschnittswerten der EMEA-Region, in der 479 Versicherungen abgeschlossen wurden. Das sind nur 31 Prozent mehr Policen als im Vorjahr.“

Sein Kollege Matthias Lüttges, Head of Transactional Risk bei Marsh, beobachtet zudem eine Ausweitung in der Nachfrage nach bestimmten Absicherungslösungen: „In der Praxis bemerken wir, dass deutsche Unternehmen vermehrt die Absicherung von Steuer- und Rechtsrisiken wünschen. Das sind diejenigen Risikobereiche, in denen es für CFOs sehr schnell sehr teuer werden kann“, ergänzt er. Solche Versicherungslösungen können so konzipiert sein, dass der Versicherer für zusätzliche Steuernachzahlungen aufkommt oder für Schäden einspringt, die aus einem zum Vertragszeitpunkt laufenden Prozess entstehen (Litigation Buy-out).

W&I sichert immer öfter gegen Steuerrisiken ab

Die steigende Nachfrage nach mehr Absicherung bedienen immer mehr deutsche Versicherer einerseits mit speziellen Lösungen und Nischenprodukten, andererseits mit offensiveren Angeboten. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung der W&I (Warranty and Indemnity)-Versicherung: Das Instrument, das traditionell gegen unbekannte Risiken eines M&A-Deals absichert, versichert heute immer öfter auch bekannte Risiken.

„Früher umfasste die W&I-Versicherung in der Regel Risiken, die den beteiligten Parteien nach einer ausführlichen Due Diligence nicht bekannt waren. Darunter fallen unter anderem Bilanzrisiken, die sich aus Fehlbuchungen oder inkorrekten Abschreibungen ergeben können“, erläutert Giessen. „Heute umfasst die W&I-Versicherung jedoch immer häufiger die Absicherung bekannter Risiken, wie Steuerrisiken.“

Nichtsdestotrotz müssen CFOs umso tiefer in die Tasche greifen, je maßgeschneiderter die Versicherungslösung sein soll. Als Faustregel lässt sich sagen, dass die Prämien der W&I-Versicherung durchschnittlich bei rund 1 Prozent der Deckungssumme liegen. Insgesamt sollten Finanzchefs einen Prämienkorridor – inklusive aller Nebenkosten – von 1 bis 2 Prozent der Deckungssumme veranschlagen. CFOs von Banken sollten dagegen für die Versicherungsprämie etwa 3 Prozent reservieren.

Versicherer erweitern regionalen Fokus

Doch nicht nur beim Thema W&I haben die Versicherer ihr Angebot erweitert. Sie decken nun auch vermehrt kleinere Deals ab als früher. „Auf den ersten Blick lohnen sich Transaktionsversicherungen erst ab einer Deal-Größe von 75 Millionen bis 100 Millionen Euro“, erläutert Matthias Lüttges. „Da die Versicherer im Verlauf der vergangenen Jahre Erfahrungen mit vielen Due Diligences gesammelt haben und eine bessere Risikoeinschätzung treffen können, sind nun auch Transaktionen ab 25 Millionen Euro gut versicherbar, ohne dass die Unternehmen unverhältnismäßig hohe Prämien bezahlen müssen.“

Auch regional haben deutsche Versicherer ausgefächert: „Noch vor wenigen Jahren deckten deutsche Versicherer eher risikoärmere Deals in den Kernmärkten ab, also innerhalb Deutschlands, Frankreichs oder Großbritanniens“, berichtet der M&A-Experte Giessen. „Heute trauen sich mehr Versicherer, auch Transaktionen in risikoreicheren Jurisdiktionen zu versichern.“ Hierzu zählen dem M&A-Experten zufolge zum Beispiel auch Deals mit Unternehmen aus Osteuropa. Das erweitert wiederum das Spektrum der Absicherungen, die CFOs für ihre M&A-Deals zur Verfügung stehen.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Die wichtigsten Infos über die verschiedenen Stränge einer Unternehmensprüfung finden Sie auf unserer Themenseite Due Diligence.