FINANCE blickt auf das M&A-Jahr 2020 zurück und hat für Sie die spannendsten, interessantesten und vielleicht auch fragwürdigsten M&A-Deals zusammengetragen.

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23.12.20
Deals

Das waren die spannendsten M&A-Deals 2020

Trotz Coronakrise hatte das M&A-Jahr 2020 mit einigen Mega-Transaktionen, M&A-Streitigkeiten und aktivistischen Kampagnen durchaus etwas zu bieten: Die spannendsten M&A-Deals des Jahres im FINANCE-Rückblick.

Das Jahr 2020 sollte eigentlich das M&A-Jahr werden: Mit noch größeren Deals, deutlich komplexeren Deal-Strukturen und Investoren, die immer risikobereiter werden. Doch dann erreichte das Coronavirus Deutschland – und es kam alles anders. Wer konnte, legte geplante – und vielleicht sogar schon initiierte – Transaktionen auf Eis. Nur wer musste, ging während des ersten Lockdowns an den M&A-Markt.

Aktuelle Zahlen der Investmentbank Goldman Sachs verdeutlichen noch einmal, wie heftig die Coronakrise den M&A-Markt getroffen hat: Im ersten Quartal dieses Jahres erreichte das Transaktionsvolumen in Deutschland 57 Milliarden US-Dollar. Im zweiten Quartal schrumpfte das Volumen um mehr als die Hälfte auf gerade einmal 23 Milliarden Dollar. Auch im Vergleich mit dem zweiten Quartal 2019, in dem das M&A-Volumen 39 Milliarden Dollar erreichte, ist das ein signifikanter Rückgang von über 40 Prozent. Nichtsdestotrotz gab es in diesem Jahr einige spannende Deals – der FINANCE-Rückblick.

Siemens Healthineers macht größten M&A-Deal

Für die größte deutsche Übernahme sorgte in diesem Jahr der Medizintechniker Siemens Healthineers, der im August für stolze 16,4 Milliarden Euro den US-Wettbewerber Varian kaufte. Es ist der zweite größere M&A-Deal des Siemens-Spin-offs nach der Corindus-Übernahme. Das Unternehmen mit Sitz im kalifornischen Palo Alto erzielte im Geschäftsjahr 2019 einen Umsatz von 3,2 Milliarden US-Dollar. Siemens Healthineers bewertet Varian demnach mit rund 5x Umsatz.

Eine stattliche Bewertung, der eine industrielle Logik zugrunde liegt: Siemens Healthineers rechtfertigt den hohen Kaufpreis mit dem Verweis auf Synergien im dreistelligen Millionenbereich, die ab 2025 wirksam werden sollen. Strategisch wollen die Erlangener weltweit die erste Anlaufstelle für Krankenhausmanager bei der Planung von Geräteinvestitionen werden. Ende November hat die US-Behörde CFIUS den Deal freigegeben, weitere Länder müssen aber noch ihren Segen erteilen. Die Transaktion wollen die Erlangener bis Mitte des nächsten Jahres abschließen.

ThyssenKrupp: Größter LBO des Jahres 2020

Dass es noch eine Nummer größer geht, bewies in diesem Jahr Private Equity: Den größten Leveraged-Buy-out 2020 stemmte das Konsortium um Advent, Cinven und die RAG-Stiftung mit der Übernahme der Aufzugsparte von ThyssenKrupp. Für ThyssenKrupp Elevators bezahlten die Finanzinvestoren satte 17,2 Milliarden Euro. Das Eigenkapitalinvestment dürfte bei rund 7 Milliarden Euro gelegen haben.

Festgezurrt hat Thyssenkrupp den Deal Ende Februar, und damit gerade noch rechtzeitig vor dem Ausbruch der Coronakrise in Deutschland. Gebrauchen konnte der kriselnde Konzern das frische Geld dringend: Damals belief sich der Schuldenberg auf über 7 Milliarden Euro. Ein Großteil der Erlöse sollte für die Entschuldung genutzt werden, verbrannte später zum Teil aber auch im operativen Geschäft, das schwer von der Coronakrise gebeutelt wurde.

Lot ließ Condor-Übernahme platzen

Neben wenigen Mega-Deals war das Jahr 2020 auch von einigen M&A-Streitigkeiten gezeichnet, zum Beispiel bei Condor. Die Airline war infolge der Thomas-Cook-Pleite in finanzielle Schieflage geraten, musste unter ein Schutzschirmverfahren flüchten und erhielt Unterstützung vom Bund. Anfang des Jahres kam der vermeintliche Befreiungsschlag: Die polnische Airline Lot besiegelte die Condor-Übernahme, nachdem sie sich im Bieterrennen gegen Finanzinvestoren durchgesetzt hatte. Damit hätte Condor den Staatskredit zurückzahlen und ihre veraltete Langstreckenflotte ersetzen können.

Im April folgte allerdings die Ernüchterung: Lot machte einen Rückzieher von der Transaktion – weil die Airline Corona-bedingt selbst in finanzielle Schwierigkeiten geraten war und Staatshilfe benötigte, lautete damals die Vermutung. Offiziell gab Lot keine Gründe für die Absage an. Condor musste daraufhin erneut Hilfe des Bundes ersuchen.

Das Ende der Geschichte? Mitte November wurde bekannt, dass Condor Schadensersatz von der Lot-Mutter Pgl fordert. Bereits im September hatte die Fluglinie eine Klage über 56 Millionen Euro eingereicht. Medienberichten zufolge soll Pgl die Forderung abgelehnt haben. Immerhin: Das Schutzschirmverfahren konnte Condor mittlerweile verlassen.

M&A-Machtkampf um Rhön-Klinikum-Übernahme

Zank gab es in diesem Jahr auch bei der Rhön-Übernahme durch Asklepios. Geplant war, dass der Krankenhausbetreiber Asklepios zunächst ein Joint-Venture mit dem Gründer des Rhön-Klinikums Eugen Münch eingeht. In das Gemeinschaftsunternehmen wollte Asklepios die Anteile, die der Krankenhausbetreiber bereits an Rhön hält, einbringen – knapp 29 Prozent. Rund 20 Prozent der Anteile wollte Münch beisteuern. Den restlichen Rhön-Aktionären wollte Asklepios dann ein Übernahmeangebot unterbreiten.

Doch dieser Plan stieß nicht überall auf Zustimmung. Der Medizintechniker B. Braun Melsungen, der mit über 25 Prozent am Rhön-Klinikum beteiligt war, stellte sich quer – mit hohen Anforderungen an den Deal, inklusive einer höheren Offerte und einer Sperrminorität bei Hauptversammlungen. Asklepios wehrte sich dagegen und prangerte bitter das Verhalten der B. Braun-Vertreter im Aufsichtsrat an. Letztlich ging es für Asklepios gut aus: Die Mitaktionäre stellten sich hinter die Hamburger, wenige Wochen später gab sich B. Braun geschlagen und veräußerte seinen Anteil. Die Übernahme wurde im Juli abgeschlossen.

Traton kämpfte für Navistar

Nicht ganz so hoch, aber dennoch konfrontativ ging es zwischen Traton und Navistar her. Die VW-Tochter kündigte zu Beginn dieses Jahres an, den US-Wettbewerber komplett übernehmen zu wollen – für 2,9 Milliarden US-Dollar. Traton war bereits mit 16,8 Prozent an Navistar beteiligt. Nach der angekündigten Übernahme wurde es zunächst still um Traton und Navistar, bis die Münchener im September ihr Interesse bestärkten und das Übernahmeangebot erhöhten. Ganze 700 Millionen Dollar mehr bot Traton damals, obwohl sowohl eine Zusammenschlussvereinbarung als auch die Due Diligence noch ausstanden.

Doch die US-Amerikaner zierten sich auch nach der Verbesserung des Angebots weiter. Daher setzte Traton Navistar die Pistole an die Brust, verhängte ein Ultimatum von nur einem Tag, um das Angebot anzunehmen – und machte zugleich deutlich, dass das neue Angebot das finale bleiben würde. Ein kluger Schachzug von CFO Christian Schulz, der belohnt wurde: Mitte Oktober haben sich die beiden Lkw-Hersteller endlich auf einen Kaufpreis geeinigt. Einen Nachschlag von 1,50 Dollar je Navistar-Aktie hat Traton allerdings doch noch draufzahlen müssen.

Aktivisten mischten bei Aareal Bank mit

Zugegeben, das Jahr 2020 war nicht das ideale Jahr, um aktivistische Kampagnen zu fahren – erst recht keine M&A-getriebenen Kampagnen. Denn die meisten Unternehmen hatten in der ersten Jahreshälfte wahrlich Besseres zu tun, als die eigene Firma auf Profitabilität zu trimmen, wenn es wortwörtlich ums Überleben in der Krise ging. Einige aktivistische Investoren haben sich in diesem Jahr trotzdem öffentlich Gehör verschafft, wie etwa Teleios, der die Aareal Bank zum Verkauf der IT-Tochter Aareon drängte.

Das Management wehrte sich lange Zeit gegen die Forderungen, die dann aber auch noch Unterstützung vom Mitaktionär Petrus Advisers erhielten. Im Mai erklärte sich die Aareal Bank dann bereit, einen signifikanten Minderheitsanteil an Aareon an Finanzinvestoren zu verkaufen. Die Hedgefonds plädierten allerdings für einen Komplettverkauf. Im August wurde das Aufbegehren der Aktivisten dann – zumindest zum Teil – erhört: Der Finanzinvestor Advent beteiligte sich mit 30 Prozent an Aareon.

Zerschlagung von Wirecard nimmt ihren Lauf

In die Geschichte eingehen dürfte der letzte Deal im FINANCE-Ranking – allerdings nicht, weil er besonders groß, komplex oder spannend war, sondern schlichtweg, weil er eine Konsequenz des größtes Bilanzskandals der deutschen Nachkriegsgeschichte ist. Mitte November gelang es dem Insolvenzverwalter Michael Jaffé, das Kerngeschäft von Wirecard an die spanische Bank Santander zu veräußern. Der Kaufpreis soll bei 100 Millionen Euro gelegen haben. Der bisherige Verkaufserlös der Wirecard-Einzelteile dürfte sich auf 500 Millionen Euro oder leicht darüber belaufen. An der Börse war der Zahlungsdienstleister vor der Pleite über 12 Milliarden Euro wert.

olivia.harder[at]finance-magazin.de