Kommt die Deutsche Börse zum Zug, wenn die LSE ihr Italien-Geschäft losschlägt?

Deutsche Börse

31.07.20
Deals

Deutsche Börse könnte von LSE-Deal profitieren

Mit der Übernahme von Refinitiv bootete die Londoner Börse die Deutsche Börse aus. Jetzt müssen sich die Briten womöglich von ihrem Italien-Geschäft trennen, um die Kartellfreigabe für den Deal zu erhalten. Für die Deutsche Börse könnte das eine Chance sein.

Glückliche Wendung für die Deutsche Börse? Vor fast genau einem Jahr scheiterte die Börse an der Übernahme der Refinitiv-Sparte FXall. Die Londoner Börse (LSE) war ihrem deutschen Pendant mit der Übernahme der gesamte Refinitiv-Gruppe zuvorgekommen. Nun zeichnet sich ab, dass sich die Briten möglicherweise von einem Teil des Portfolios wieder trennen müssen, damit die EU die Refinitiv-Übernahme genehmigt.

Wie die Londoner heute mitteilten, erwägen sie, das Italien-Geschäft um die Mailänder Börse zu veräußern, um die Freigabe für die 27 Milliarden US-Dollar schwere Übernahme des Datenanbieters Refinitiv zu erhalten. Entsprechende Sondierungsgespräche mit potentiellen Käufern würden bereits geführt, so die LSE. Ob es tatsächlich zu einem Deal komme, sei derzeit aber noch vollkommen offen.

Deutsche Börse liebäugelt mit Übernahme der Mailänder

Von einem Verkauf des Italien-Geschäfts könnte die Deutsche Börse profitieren, denn die Eschborner sind schon länger an einer Übernahme der Mailänder Börse interessiert: „Sollte die LSE nach der Übernahme durch Refinitiv die Mailänder Börse losschlagen, würden wir uns das definitiv ansehen“, sagte Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer im Februar dem „Handelsblatt“ zufolge bei der Bilanzpressekonferenz.

An dieser Aussage habe sich trotz der Coronavirus-Pandemie nichts geändert, bestätigte ein Unternehmenssprecher auf FINANCE-Nachfrage. „Wir schauen uns grundsätzlich alle passenden Assets an, die einen vernünftigen Preis haben“, so der Sprecher weiter.

Derzeit ist die Deutsche Börse die fünftgrößte Börse weltweit, mit einer Bewertung von 32 Milliarden Euro. Für M&A-Deals stünden etwa 2 Milliarden Euro „Firepower“ bereit, so CEO Weimer im Februar. Besonders im Blick haben die Eschborner dabei Targets aus den Bereichen Datengeschäft, Handel mit Währungen und Rohstoffen, Fondsservicegeschäft sowie den Anleihehandel.

LSE rechnet mit Refinitiv-Closing Ende 2020

Die Mailänder Börse passt zumindest teilweise in diese Kategorien: Die Italiener sind unter anderem auf die Produktsegmente Aktien, verbriefte Derivate, börsengehandelte Fonds, Anleihen sowie Aktienderivate spezialisiert. Bereits im Jahr 2006 führten die beiden Parteien Übernahmegespräche, unterzeichneten sogar eine Absichtserklärung. Doch die Verhandlungen scheiterten, die Italienische Börse ging nur ein Jahr später für 1,5 Milliarden Euro an die LSE.

Sollte die LSE sich nun tatsächlich von der Mailänder Börse oder gar dem kompletten Italien-Geschäft trennen, ist die Deutsche Börse allerdings nicht der einzige Interessent: Auch der paneuropäische Börsenbetreiber Euronext hatte in der Vergangenheit Interesse am Italien-Geschäft der LSE signalisiert.

Bis eine Entscheidung gefällt ist, könnte aber noch etwas Zeit vergehen, denn die Gespräche mit der EU-Kommission ziehen sich unter anderem wegen der Coronavirus-Pandemie in die Länge. Die LSE rechnet nun mit dem Closing bis zum Jahresende, spätestens aber bis Anfang 2021. Vor Ausbruch der Coronakrise wollte LSE-Chef David Schwimmer die Transaktion noch im zweiten Halbjahr 2020 besiegeln.

FINANCE-Köpfe

Gregor Pottmeyer, Deutsche Börse AG

Gregor Pottmeyer beginnt seine Laufbahn 1987 als Fachreferent für Controlling im Bereich Konzernplanung/-controlling von Daimler Benz. 1990 wechselt er als Abteilungsleiter Planungskoordination und Berichterstattung zur Daimler-Tochter Debis, in der die Dienstleistungsfunktionen des Konzerns gebündelt wurden. Drei Jahre später kehrt der Saarländer als Abteilungsleiter Projekte bei Mercedes-Benz Finanz zur Mutter zurück.

In den Folgejahren steigt er als Bereichsleiter Planung und Controlling sowie Controlling/Rechnungswesen weiter auf. 1999 wird er als stellvertretender Geschäftsführer zur Mercedes-Benz Leasing berufen. In dieser Position verantwortet er zusätzlich noch das Controlling und Rechnungswesen der europäischen Finanzierungsgesellschaften von Debis. Im Jahr 2001 rückt er schließlich in die Geschäftsführung bei Mercedes-Benz Finanz auf und verantwortet dort das Controlling und das Rechnungswesen.

Ein Jahr später wird Pottmeyer in den Vorstand der der DaimlerChrysler Bank (seit 2008 Mercedes-Benz Bank) berufen. 2003 übernimmt er schließlich den Posten des CFO der DaimlerChrysler Bank und verantwortet in dieser Position die Ressorts Finanzen und Risikomanagement und ist parallel dazu zuständig für das Controlling der großen europäischen Daimler-Financial-Services-Gesellschaften sowie die Credit Operations der Gesellschaften in Europa, Afrika und dem Asien-Pazifik-Raum.

Im Jahr 2009 verlässt Pottmeyer den Stuttgarter Autobauer und heuert im Oktober als CFO bei der Deutschen Börse an. Im Jahr 2017 wird sein Vertrag um fünf Jahre verlängert.

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Deutsche Börse schielte auf FXall

Refinitiv gehört bislang zu 55 Prozent dem Finanzinvestor Blackstone und zu 45 Prozent Thomson Reuters, dem Eigentümer der Nachrichtenagentur Reuters. Mit dem Zukauf will die LSE das lukrative Datengeschäft ausbauen und ihre Abhängigkeit vom klassischen Aktienhandel reduzieren, dessen Gewinne seit Jahren unter Druck sind.

Ähnliches hatte im vergangenen Jahr auch die Deutsche Börse im Sinn: Sie wollte ihre Devisenhandelsplattform 360T, die sie 2015 für 725 Millionen Euro übernommen hatte, mit der Refinitiv-Sparte FXall fusionieren. FXall zählt international zu den größten elektronischen Handelsplattformen für Devisen. In Deutschland hat allerdings 360T die Nase vorn und ist unter anderem bei deutschen Treasury-Abteilungen beliebt.

olivia.harder[at]finance-magazin.de