In der Stahl- und Metallbranche erwarten Experten in den kommenden Monaten eine Zunahme an Distressed-M&A-Deals.

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24.03.17
Deals

Experten erwarten 2017 mehr Distressed-M&A-Deals

Unter Restrukturierungsexperten rechnet jeder Zweite in den kommenden Monaten mit einem Anstieg bei Distressed-M&A-Deals. Das Interesse an den Zielobjekten ist auch abseits der klassischen Käuferklientel groß.

Die Zahl der Distressed-M&A-Deals könnte im laufenden Jahr zunehmen. Das zeigt die neue Studie „Accelerated M&A: Unternehmenstransaktionen in Sondersituationen“ von Deloitte, an der rund 250 Experten aus dem Bankenwesen, der Insolvenzberatung und -verwaltung sowie dem Private-Equity-Umfeld teilgenommen haben und die FINANCE exklusiv vorab einsehen konnte. Die Hälfte der befragten Experten geht davon aus, dass die kommenden zwölf Monate einen Anstieg an Transaktionen angeschlagener Assets bringen werden. 44 Prozent denken, dass die Zahl der Fälle auf dem aktuellen Niveau verharren wird.

Wie viele Distressed-M&A-Deals es genau pro Jahr in Deutschland gibt, ist schwer zu definieren: Neben Verkäufen aus der Insolvenz zählen auch Transaktionen in Sondersituationen wie einer Restrukturierung oder Verkäufe kriselnder Unternehmenssparten dazu. Aus den M&A-Statistiken, die einen Überblick über die Gesamtzahl der Transaktionen in Deutschland geben, lässt sich nicht herauslesen, ob ein Deal einen solchen Hintergrund hatte. „Man sieht allerdings im Markt, dass die Zahl an Distressed-M&A-Deals derzeit relativ gering ist“, sagt Oliver Räuscher, Partner im Bereich Financial Advisory bei Deloitte. Dies liege an den günstigen gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Die Preise für wichtige Rohstoffe wie Öl sind niedrig, Finanzierungen sind aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase günstig.

Doch die Situation kann sich schnell ändern – und könnte dann einen sprunghaften Anstieg bei den Distressed-Transaktionen mit sich bringen: „Viele Unternehmen, die sich im Niedrigzinsumfeld noch über Wasser halten können, werden bei Beginn einer Zinswende in Schwierigkeiten geraten“, sagt Hendrik Engelhardt, Director im Bereich Financial Advisory bei Deloitte. „Das erklärt auch, warum viele Marktbeobachter derzeit von einem baldigen Anstieg der Distressed-M&A-Fälle ausgehen.“

Distressed-M&A-Deals scheitern oft am Turnaround-Konzept

Drei Viertel der Befragten gehen davon aus, dass der Schwerpunkt bei Transaktionen in den kommenden zwölf Monaten auf Transaktionen vor einer Insolvenz liegen wird. „Restrukturierungsfälle werden inzwischen auch von den Banken frühzeitig identifiziert und Distressed-Transaktionen, wenn nötig, forciert“, sagt Räuscher. Ein Verkauf einzelner Bereiche könne dann eine Maßnahme sein, um die Insolvenz abzuwenden. Scheitert eine Distressed-Transaktion, fehlt es nach Meinung der befragten Experten häufig an einem schlüssigen Turnaround-Konzept (67 Prozent), welches die nachhaltigen Erfolgsaussichten dokumentiert. Ein fahrlässiger Fehler, findet Engelhardt: „Unternehmen in Sondersituationen brauchen eine Strategie, mit der sie potentiellen Kaufinteressenten gegenüber darlegen können, wie sie wieder in die Erfolgsspur kommen wollen.“

Unerwartete Risiken sind für 52 Prozent der Befragten ein weiterer Faktor, der zum Abbruch von Distressed-Transaktionen führt – eine Hürde, die durch eine umfassende Due Diligence gesenkt werden kann.

Private Equity scheut hohe Preise bei Distressed-M&A-Deals

Auf den Kaufpreis reagieren besonders die Befragten aus dem Private-Equity-Umfeld sensibel: 67 Prozent der Befragten aus dieser Gruppe sehen die Kaufpreishöhe als wesentlichen Grund für einen Transaktionsabbruch. In der Gesamtheit aller Befragten nannten diesen Aspekt nur 41 Prozent.

Die Multiples für Unternehmenskäufe liegen derzeit auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Jeder vierte Befragte sieht dennoch Luft für weitere Preissteigerungen. 60 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass das derzeitige Bewertungsniveau in den kommenden Monaten stabil bleibt.

Trotz der hohen Preise sind Private-Equity-Investoren im Turnaround-Umfeld zunehmend aktiv: 81 Prozent der Befragten glauben, dass sich die Finanzinvestoren in den kommenden zwölf Monaten stärker im Distressed-M&A-Markt engagieren werden, bei den strategischen Käufern prognostizieren dies 57 Prozent. „Der Anlagedruck im Private-Equity-Umfeld ist derzeit sehr groß. Entsprechend wecken manche Turnaround-Assets inzwischen auch das Interesse von Private-Equity-Investoren, die ihren Investitionsfokus eigentlich nicht auf Unternehmen in Sondersituationen gelegt haben“, sagt Räuscher. 

Mehr Distressed-M&A-Deals in Stahl- und Metallbranche erwartet

In den kommenden Monaten rechnen die Marktbeobachter insbesondere in der Stahl- und Metallbranche mit einer steigenden Zahl an Distressed-Transaktionen. Fast zwei Drittel der Befragten erwarten dort eine Zunahme der Fälle, getrieben von Überkapazitäten auf dem Weltmarkt. An zweiter Stelle steht die der Energie-Sektor, in dem 57 Prozent der Befragten mit mehr Distressed-M&A-Deals rechnen, gefolgt von Unternehmen der Luft- und Raumfahrtbranche (38 Prozent).

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Was das Geschäft mit Turnaround-Unternehmen derzeit noch prägt, finden Sie auf unserer Themenseite Restrukturierung.