Verkäufer nutzen ihre starke Position am M&A-Markt aus: In M&A-Verträgen verlagern sie immer mehr Risiken auf die Käufer.

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22.03.18
Deals

Käufer müssen bei M&A-Deals mehr Risiko nehmen

Verkäufer sind bei M&A-Transaktionen klarer im Vorteil denn je, und sie nutzen diese Situation auch aus. In M&A-Verträgen gehen immer mehr Risiken auf die Käufer über.

Attraktive Übernahmeziele sind rar, der Wettbewerb um die attraktivsten Targets hat sich in den zurückliegenden Monaten noch einmal intensiviert. Dies sieht man auch in den M&A-Verträgen: Die Verkäuferseite schafft es immer häufiger, rechtliche Risiken auf die Käufer zu verlagern. Das zeigt die zehnte Auflage der European M&A Study der Wirtschaftskanzlei CMS, in die FINANCE vorab Einblick hatte. Für die Erhebung wurden seit 2007 mehr als 3.600 von der Kanzlei betreute Transaktionen ausgewertet, davon 438 aus dem Jahr 2017.

„Die Verkäufer wissen um ihre starke Stellung“, sagt Maximilian Grub, Partner bei CMS in Stuttgart. Ein Zeichen dafür, dass sie diese Position auch für sich nutzen, ist der häufige Einsatz sogenannter Locked-Box-Regelungen: Dabei vereinbaren Käufer und Verkäufer bei Unterzeichnung des M&A-Deals einen festen Kaufpreis, der anschließend nicht mehr angepasst wird – ein Vorteil für die Verkäufer. „2017 kamen Locked-Box-Regelungen bei 54 Prozent der Transaktionen im europäischen Raum mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Euro zum Einsatz“, sagt Grub.

Verkäufer drücken ihre Haftung nach M&A-Deals

Die Grenze, bis zu der ein Verkäufer nach Abschluss des M&A-Deals noch haftbar gemacht werden kann („Haftungshöchstgrenze“), liegt oftmals sehr niedrig: „In jeder fünften europäischen Transaktion war die Haftung des Käufers im vergangenen Jahr auf maximal 10 Prozent des Kaufpreises gedeckelt. Damit nähern sich europäische Transaktionen an die Verhältnisse in den USA an“, sagt Grub. Dort sind niedrige Haftungshöchstgrenzen seit Jahren deutlich weiter verbreitet.

Auch Warranty & Indemnity Insurances (W&I-Insurances) legten zuletzt in Europa deutlich zu. Die Versicherungen lösen ein klassisches Dilemma: Während der Verkäufer im M&A-Vertrag möglichst wenige Garantien oder Haftungsbeträge einräumen möchte, hat der Käufer genau daran ein hohes Interesse. Mit den Versicherungen lassen sich die Risiken im Garantiefall absichern. W&I-Insurances kamen 2017 so oft zum Einsatz wie noch nie seit Beginn der Erhebung. „Wir sehen die Versicherungen derzeit bei 14 Prozent der europäischen Transaktionen“, sagt Grub. „Das ist ein stolzer Wert, da dieses Instrument vor fünf Jahren in Europa noch kaum bekannt war.“ 2016 lag der Anteil aller untersuchten Transaktionen mit W&I-Versicherungen noch bei 8,8 Prozent.

Er sieht es regelmäßig, dass die Versicherungen den Verkäufern zugute kommen. „Diese beschränken ihre Eigenhaftung drastisch, etwa auf 1 Prozent des Transaktionsvolumens. Für alles darüber hinaus muss der Käufer sich dann versichern – und auch die Versicherungsprämie zahlen“, beschreibt der Anwalt einen der aktuellen Trends am M&A-Markt.

Käufer setzen bei hohen Kaufpreisen auf Earn-outs

Allerdings gibt es auch Anzeichen dafür, dass die Käufer sich angesichts der hohen Bewertungen am M&A-Markt ebenfalls absichern wollen. Überhöhte Kaufpreise zählen derzeit bereits zu den bedeutendsten Dealbreakern, zeigte zuletzt das FINANCE M&A Panel. Zwar kommen die Käufer nicht umhin, die hohen Kaufpreise mitzutragen, doch versuchen sie diese zu strecken. Dazu nutzen sie Earn-out-Klauseln: Sie definieren bestimmte Meilensteine – erst wenn diese nach Abschluss der Transaktion erreicht sind, wird ein weiterer Teil des Kaufpreises fällig.

Mit 28 Prozent lag der Anteil der Earn-out-Klauseln bei M&A-Verträgen im deutschsprachigen Raum zuletzt über dem europäischen Durchschnitt (21 Prozent). „Earn-out-Klauseln stellen eher einen Vorteil für die Käufer dar“, bilanziert Grub. Er sieht in der starken Nutzung auch ein Zeichen dafür, dass viele Verkäufer selbst im aktuellen Marktumfeld immer noch pragmatisch handeln und zu Kompromissen bereit sind.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de