Gazprom will seinen Anteil am Leipziger Gasversorger VNG loswerden. Ein Interessent dürfte schon bereitstehen: Die Stadt Leipzig.

VNG

07.04.15
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Wer kauft Gazproms VNG-Anteil?

Gazprom will seinen Anteil am Leipziger Gasversorger VNG loswerden. Gerüchten zufolge hat der norddeutsche Versorger EWE das Vorkaufsrecht.

Der russische Energieriese Gazprom zieht sich weiter aus Deutschland zurück. Gazprom will seinen Anteil am ostdeutschen Versorger VNG verkaufen, teilte der Konzern am Montag mit. Marktgerüchten zufolge hat der norddeutsche Versorger EWE das Recht, die Anteile vor allen anderen zu kaufen.

Den Grund für seinen Rückzug nennt Gazprom ganz offen: Gazprom und BASF haben zusammen keine Sperrminorität mehr bei der VNG. Der Chemiekonzern BASF hatte vor einem Jahr über seine Tochter Wintershall seine VNG-Anteile in Höhe von 15,7 Prozent an den Energieversorger EWE verkauft, der seitdem mit 64 Prozent Mehrheitseigner von VNG ist. Damals sei vertraglich abgemacht worden, dass EWE auch beim Verkauf von Gazprom ein Vorkaufsrecht habe, munkeln Branchenexperten. Der Versorger wolle mit dem Kauf der 10,5 Prozent der VNG-Anteile, welche die Russen verkaufen, sein Paket attraktiver machen, um es dann zu einem höheren Preis zu verkaufen, hieß es.

Ohne Wintershall ist der VNG-Anteil für Gazprom uninteressant

VNG importiert Gas vor allem aus Russland und Norwegen und verkauft es an deutsche Versorger und Haushalte. Für Wintershall und Gazprom ist VNG ein Kanal, um das von ihnen geförderte Gas gewinnbringend zu verkaufen.

Sie haben darum andere Ziele als die Kommunen, die auch an der VNG beteiligt sind. Die ostdeutschen Städte etwa, die über die Eigentümergesellschaft VUB an der VNG beteiligt sind, betrachten den Versorger ebenso als Arbeitgeber wie als Gaslieferant. Bislang konnten Gazprom und Wintershall ihre Interessen gegenüber den Stadtwerken und Kommunen, die auch am Unternehmen beteiligt sind, zur Not über die Sperrminorität durchboxen. Das ist jetzt vorbei.

Den Kasseler Öl- und Gasförderer Wintershall und Gazprom verbindet eine strategische Partnerschaft. Sie arbeiten auch in mehreren Russland-Projekten zusammen, noch engere Bande verhindern zur Zeit aber die Russland-Sanktionen, die dazu geführt haben, dass Wintershall und Gazprom die Pläne für umfangreiche Überkreuzbeteiligungen bei Gasfeldern und Gasnetzen abblasen mussten.

Die Lage bei VNG ist verzwickt

Doch nicht nur zwischen Konzernen und Regionalversorgern gibt es Uneinigkeit: Auch zwischen der EWE, die mehrheitlich in der Hand norddeutscher Kommunen ist, und den ostdeutschen Städten, die über die VUB beteiligt sind, gibt es Zank.

Die EWE schickte sich immer wieder an, die Mehrheit an der VNG zu übernehmen, doch die ostdeutschen Kommunen blockierten diese Versuche stets. Im vergangenen Jahr schließlich kam EWE durch den Deal mit Wintershall dann doch an weitere Anteile und damit die Mehrheit.

Doch die ostdeutschen Städte haben nach wie vor eine Sperrminorität. So kann die EWE nach wie vor nicht ungehindert ihre Interessen durchsetzen – wie etwa einen Umzug der VNG nach Oldenburg, den die ostdeutschen Kommunen mit allen Mitteln verhindern wollen. Auch darum hat EWE im letzten Jahr laut über einen möglichen Verkauf seines VNG-Pakets spekuliert. Wenn die Marktgerüchte stimmen und die Oldenburger jetzt ihren Anteil an VNG um 10,5 Prozent erhöhen, könnten sie das tun, um das Paket attraktiver zu machen und so beim Verkauf einen zusätzlichen Gewinn herausschlagen.

Die Stadt Leipzig geht den Gerüchten zufolge bei diesem Anteilsverkauf leer aus, obwohl sie immer wieder Interesse an einem Zukauf bekundet hat. Für Leipzig hat VNG (Umsatz 2014: 10 Milliarden Euro) gleich doppelten strategischen Wert: als Geldquelle und als wichtigster Arbeitgeber.

Auf Anfrage von FINANCE antwortete Gazprom zunächst nicht. Ein Sprecher der Leipzig-Tochter LVV sagte, das Unternehmen habe noch keine Bestätigung von Gazprom über den geplanten Ausstieg. Leipzig würde einen Ausstieg von Gazprom "sehr bedauern", da die Stadt es stets als hilfreich angesehen habe, sowohl die Gas-Käufer als auch die -Verkäufer als Eigentümer des Unternehmens an Bord zu haben.

Gazprom zieht sich aus Deutschland zurück

Die Ausstiegspläne Gazproms bei VNG haben allerdings nicht nur mit den Verschiebungen im Aktionärskreis zu tun. Gazprom zieht sich gerade im Schnellgang aus Europa und Deutschland zurück – der wichtigste Grund ist das angespannte politische Verhältnis mit dem Westen.

Neben dem  großen Asset-Tauschgeschäft mit Wintershall ist auch die Milliarden-Pipeline South Stream geplatzt, bei der sich auch einige deutsche Versorger engagieren wollten.

Das ins Auge gefasst Vordringen hin zum deutschen Endverbraucher dürfte für Gazprom damit ebenfalls ad acta gelegt sein. Vor einigen Jahren hatte Gazprom angekündigt, über den Kauf von Envacom als Stromversorger in Deutschland aktiv werden zu wollen – seitdem war der Konzern still, was diese Pläne angeht.

florian.bamberg[at]finance-magazin.de