M&A: Die Zeit ist reif für Expansion: Europas Unternehmen sollten über M&A-Aktivitäten in anderen Teilen der Welt nachdenken.

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06.12.12
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M&A: Die Zeit ist reif für Expansion

Eine Reihe von Entwicklungen stellt die Wachstumserwartungen europäischer Unternehmen in Frage. M&A-Transaktionen werden als Wachstumstreiber wichtiger. Sonst droht Europa ein „verlorenes Jahrzehnt“.

Europäische Finanzchefs haben es derzeit nicht leicht: Unternehmen aus wachstumsstarken Ländern wie Brasilien und China haben sich zu Wettbewerbern für Europas Firmen entwickelt, und die anhaltende Staatsschuldenkrise bremst das Wachstum in der Region.

Europäische Unternehmen müssen nach alternativen Wachstumsmöglichkeiten suchen, um ihre Ertragschancen zu verbessern. Grenzübergreifende M&A-Transaktionen sind eine Möglichkeit dafür. Akquisitionen innerhalb und außerhalb Europas werden in Zukunft wichtiger werden, um die Wirtschaft voranzutreiben. Die Stagnationsperiode, in der sich Europa derzeit befindet,  könnte sich sonst ähnlich entwickeln wie die Situation in Japan in den 1990er Jahren, dem sogenannten „verlorenen Jahrzehnt“.

Europas „verlorenes Jahrzehnt“

Eine Reihe an wichtigen Indikatoren, etwa die alternde Bevölkerung und die strukturelle Schwäche des Arbeitsmarktes, zeigen erstaunliche Parallelen zwischen der europäischen Wirtschaft und der Japans während des „verlorenen Jahrzehnts“. Diese Ähnlichkeiten lassen Zweifel an den Wachstumsaussichten von Unternehmen aufkommen, die sich ausschließlich auf Europa konzentrieren.

Hinzu kommt, dass Europa in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt nicht über ein BIP-Wachstum von 0,56 Prozent pro Quartal hinausgekommen ist. Japan kam in der Stagnationsphase während der 1990er Jahre immerhin auf ein vierteljährliches BIP-Wachstum von 0,79 Prozent. Immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass Europa in eine Rezession schlittern könnte.

Die nachlassende Produktivität in Kombination mit mäßiger Binnennachfrage schafft ein schwieriges Umfeld für Unternehmen. Um wachsende Erträge zu generieren, müssen sie einen langfristig orientierten Wachstumsplan in Betracht ziehen, der die Stagnationsphase im Binnenmarkt  übersteht. Dazu gehört ein verstärkter Fokus auf Umsätze mit wachstumsstarken Ländern, in denen eine jüngere Bevölkerung, steigende Produktivität und wachsende Kaufkraft das Wachstum ankurbeln.

Mehr Cross-Border-Deals

Zwar haben eine Reihe europäischer Unternehmen Erfahrung mit grenzüberschreitenden M&A-Transaktionen, diese erstreckt sich allerdings größtenteils auf M&A-Deals innerhalb Europas. In den vergangenen Jahren haben die Einführung des Euro und die Standardisierung von Gesetzen und Regulierungen in der Region die Expansion europäischer Unternehmen innerhalb Europas erleichtert. Dies führte zu einem erheblichen Anstieg an grenzübergreifenden M&A-Transaktionen.

Die Anzahl der grenzüberschreitenden innereuropäischen M&A-Deals hat sich bei 68,5 Prozent aller Transaktionen stabilisiert – eindeutig ein hoher Anteil. Tatsächlich haben sich nur recht wenige europäische Unternehmen in ihren Wachstumsbemühungen auch über Europa hinaus orientiert, nachdem die innereuropäische Expansion erleichtert worden war.

Dieser Trend zeigt sich auch in Deutschland. Insgesamt 58 Prozent der Cross-Border-Deals deutscher Unternehmen zwischen 1997 und 2001 fanden innerhalb Europas statt. Seit 2002 ist diese Zahl sogar auf 74 Prozent angewachsen. Die Finanzierung von M&A-Deals dürfte für viele Unternehmen kein Problem darstellen. Die Bilanzen vieler europäischer Unternehmen strotzen vor Kapital. Historisch niedrige Zinsen gepaart mit einem weltweit niedrigen Preisniveau bilden einen starken Impuls für Zukäufe.

Expansion durch M&A bringt Resultate

Welche Resultate grenzüberschreitende Transaktionen liefern können, zeigt der Vergleich von  drei deutschen Unternehmen.Während der vergangenen fünf Jahre haben Siemens und Gfk eine Reihe von Unternehmen in Übersee gekauft (32 bzw. 23), jedoch nur jeweils zwei im Inland. Die Eigenkapitalrendite (ROE) von Siemens und GfK sieht im Vergleich zu ihren globalen Mitbewerbern sehr vorteilhaft aus.

Robert Bosch dagegen, der größte deutsche Käufer (36 Transaktionen in den vergangenen fünf Jahren, davon die Hälfte im deutschen Binnenmarkt) zeigt im Peer-Vergleich eine unterdurchschnittliche Performance bei der Eigenkapitalrendite. Die stärkere Performance von Siemens und Gfk ist wahrscheinlich auch ein Ergebnis ihrer durch Zukäufe im Ausland breiter diversifizierten Einkommensquellen.

Die Expansion nach Übersee repräsentiert für die meisten europäischen Unternehmen zwar eine deutliche Änderung ihrer Strategie. Sie bietet ihnen aber auch die Möglichkeit, ihre Erfahrung mit grenzüberschreitenden innereuropäischen M&A-Deals auf Länder mit deutlich größerem Wachstumspotential zu übertragen. Eines ist auf jeden Fall klar: Die Zeit ist reif für Expansion. Europas Wirtschaft wird aller Wahrscheinlichkeit nach weiterhin schwächeln. Für europäische Unternehmen sind dies überzeugende Argumente dafür, durch Akquisitionen in den schnell wachsenden Märkten außerhalb Europas Fuß zu fassen.

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Andrew Lecocq ist Associate Director, Silvina Aldeco-Martinez ist Managing Director bei S&P Capital IQ in London.