Für fast eine halbe Milliarde Euro kauft Fresenius Helios die internationale Klinikkette Eugin.

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21.12.20
Deals

Mit M&A: Fresenius verstärkt Kinderwunsch-Geschäft

Fresenius übernimmt die Klinikkette Eugin, einen Spezialisten für künstliche Befruchtungen. Der Deal ist fast eine halbe Milliarde Euro wert – und wirkt hochpreisig.

Der Gesundheitskonzern Fresenius übernimmt nach einem „höchst kompetitiven M&A-Prozess“, wie der Verkäufer behauptet, die Kinderwunschkliniken der Eugin-Gruppe und stärkt dadurch die Tochter Fresenius Helios mit einem globalen Netz an Reproduktionskliniken. Die Eugin-Gruppe umfasst 31 Kliniken und 34 weitere Standorte in neun Ländern. Heimatmarkt und Geschäftsschwerpunkt der Eugin-Gruppe ist Spanien, wo Fresenius bereits die milliardenschwere Klinikkette Quironsalud besitzt.

Einschließlich Minderheitsbeteiligungen und übernommener Schulden liegt die Bewertung der Eugin-Gruppe bei 430 Millionen Euro. Im Berichtsjahr 2019 erwirtschaftete die Eugin-Gruppe einen Umsatz von rund 160 Millionen Euro und einen operativen Gewinn (Ebitda) von 31 Millionen Euro. Im kommenden Jahr soll das Ebitda auf 35 bis 40 Millionen Euro steigen. Auf dieser Basis bezahlt Fresenius ein Ebitda-Multiple von 11,5x am Mittelpunkt der Ergebnisspanne.

Der Eugin-Deal wirkt hochpreisig

Der Abschluss des M&A-Deals wird im ersten Halbjahr 2021 erwartet, sofern die zuständigen Kartellbehörden die Transaktion genehmigen. Nennenswerte Integrationskosten erwartet Fresenius nicht, so dass die Übernahme bereits im nächsten Jahr positiv zum Konzernergebnis beitragen soll.

Dabei liegt das bezahlte Multiple sogar deutlich über dem, mit dem der gesamte Fresenius-Konzern derzeit am Kapitalmarkt bewertet wird (7x Ebitda). Wegen der hohen Bewertungen für innovativere Geschäftsfelder des Konzerns als das Klinikgeschäft impliziert die aktuelle Marktbewertung des Dax-Konzerns für die Kliniktochter Helios ein Ebitda-Multiple von maximal 6 bis 7x Ebitda. Allerdings bezahlt Fresenius den Kaufpreis aus bestehendem Cash und neuen Krediten, die niedrigste Zinskosten tragen, was den Ergebniseffekt erklären dürfte. Die Nettoverschuldung dürfte die Transaktion trotzdem nur unwesentlich erhöhen, sie liegt bei 24,5 Milliarden Euro. Der Leverage lag zum 3. Quartal 2020 bei 3,45x Ebitda.

Für die Akquisition erwirbt Fresenius Helios 100 Prozent des Aktienkapitals der spanischen Holdinggesellschaft Luarmia von dem Konzern NMC Health, der der Mitteilung zufolge unter Insolvenzverwaltung steht. Dies umfasst die weltweiten Aktivitäten der Eugin-Gruppe mit Ausnahme der Vereinigten Staaten.

Im vergangenen Jahr übernahm die Eugin-Gruppe die US-Reproduktionsklinikkette Boston IVF und wurde so von einem spanischen zu einem internationalen Anbieter. Für die USA erwirbt Fresenius Helios zusätzlich 100 Prozent der NMC Eugin US Corporation, die 70 Prozent der Anteile an der Boston IVF besitzt – die restlichen Anteile halten die leitenden Ärzte der Boston IVF.

Fresenius plant mehr M&A in der Reproduktionsmedizin

Das strategische Kalkül der Übernahme: Mit ihr wird Fresenius Helios zu einem führenden internationalen Anbieter im Bereich der Reproduktionsmedizin. Hierzulande ist die Fresenius-Tochter mit 89 Kliniken der größte private Krankenhausbetreiber und bietet bereits selbst reproduktionsmedizinische Behandlungen in einzelnen Krankenhäusern und ambulanten Zentren in Deutschland, Spanien und Lateinamerika an.

Im Jahr 2019 behandelte Fresenius Helios etwa 7.000 Patienten mit einem Kinderwunsch, die meisten davon in Spanien. In Deutschland werden die Behandlungen bis dato von externen Dienstleistern durchgeführt. Die Eugin-Gruppe wird neben Helios Deutschland und Helios Spanien zur dritten Geschäftseinheit unter dem Dach von Fresenius Helios.

Typisch für die M&A-Maschine Fresenius ist, dass der CEO Stephan Sturm – ein Ex-Investmentbanker – schon an die nächsten Schritte denkt. Der globale Markt für Reproduktionsmedizin ist stark fragmentiert, und Sturm zufolge ist die Eugin-Übernahme nur der Auftakt für zusätzliche Akquisitionen in dieser Nische des Healthcare-Markts.

Ähnlich ging Fresenius in seinem Krankenhausgeschäft schon mehrfach vor: Der Übernahme von Helios folgten zahlreiche weitere kleine und mittelgroße Übernahmen von Kliniken in Deutschland, dem Kauf von Quironsalud in Spanien weitere Zukäufe von Klinikketten auf der iberischen Halbinsel und in Lateinamerika.

gesine.wagner[at]finance-magazin.de