Der Mittelstand ist von der Coronakrise schwer getroffen. Doch die aktuelle Krise bietet Chancen – auch mit Private Equity.

Natali_Mis/iStock/Getty Images

15.06.20
Deals

Corona: Diese Chancen bietet Private Equity dem Mittelstand

Der deutsche Mittelstand ist von der Coronakrise schwer getroffen. Doch die aktuelle Krise bietet mutigen Unternehmen Chancen – auch im Schulterschluss mit Private Equity.

Das Coronavirus hat den deutschen Mittelstand schwer getroffen: Viele Betriebe mussten ihre Geschäftstätigkeit wegen der Lockdown-Maßnahmen stark einschränken, Millionen von Mitarbeitern befinden sich in Kurzarbeit, vielen Unternehmen geht das Geld aus. Doch jede Krise bringt auch Chancen – darüber waren sich Lutz Goebel, geschäftsführender Gesellschafter bei dem Maschinenbauer Henkelhausen, und Goetz Hertz-Eichenrode, Vorstandssprecher des Private-Equity-Investors Hannover Finanz, in einem FINANCE-Webinar einig, das vor wenigen Tagen stattfand und das Sie sich hier ansehen können.

Doch wie schlimm hat die Krise den deutschen Mittelstand getroffen? „Bei rund 70 Prozent der Unternehmen ist die Unternehmenstätigkeit wegen Corona bereits gesunken, der durchschnittliche krisenbedingte Umsatzrückgang liegt bei knapp 50 Prozent“, leitete Lutz Goebel das Webinar ein. Die Umfrage hat der Verband „Die Familienunternehmer“, in dessen Präsidium Goebel sitzt, unter rund 1.400 deutschen Mittelständlern im Mai durchgeführt.

KfW-Kredite sind sicher, Bankenkredite dafür flexibler

Ein weiteres spannendes Ergebnis der Umfrage: Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen hat seit dem 1. März Kurzarbeitergeld beantragt, 22 Prozent setzen auf eine neue Kreditlinie – selbst wenn die Liquidität noch einige Monate reicht. „Auch ich habe für mein Unternehmen vorsorglich zwei KfW-Kredite mit unterschiedlicher Laufzeit beantragt“, berichtet Lutz Goebel.

Er sieht den Vorteil darin, dass in diesem Fall bereits von den Banken genehmigte Kredite nicht mehr gekürzt werden dürfen. Allerdings sei das Instrument KfW-Kredit sehr starr. „Wem es gelingt, mit seinen Hausbanken einen Kredit zu besseren Konditionen abzuschließen, für den könnte das der bessere Weg sein“, rät Goebel.

Digitalisierung wird nach Corona wieder Thema

Cash ist King ist derzeit die Devise für die meisten Mittelständler. Trotzdem sollten sie „auch heute schon in die Zukunft schauen – trotz Corona“, findet der Unternehmer. Die wichtigsten Punkte, die Mittelständler jetzt schon angehen sollten: Digitalisierung und Nachhaltigkeit sowie die Standhaftigkeit des eigenen Geschäftsmodells. Goebel: „Durch Corona hat der Digitalisierungsprozess an Fahrt aufgenommen, Unternehmen müssen nachziehen.“

Das Thema Nachhaltigkeit sei aktuell zwar in den Hintergrund gerückt, „es wird uns aber spätestens nächstes Jahr wieder mit voller Wucht erreichen“. Die zentralen Faktoren für die Widerstandsfähigkeit eines Unternehmens sieht Goebel in der Liquidität, dem Eigenkapitalpolster, der Stabilität der Lieferketten und der Abhängigkeit von bestimmten Kunden und Zulieferern.

„Das Thema Nachhaltigkeit wird uns spätestens nächstes Jahr wieder mit voller Wucht erreichen.“

Lutz Goebel, geschäftsführender Gesellschafter, Henkelhausen

Finanzspritzen von Private Equity

Wie schwer Corona bei manchen Unternehmen die Widerstandsfähigkeit stresst, erlebt Hannover Finanz gerade bei der Hotelkette Achat, an der der Mittelstandsinvestor seit 2016 beteiligt ist: Hertz-Eichenrode sprach von wochenlangen Umsatzverlusten von über 90 Prozent. Hannover Finanz schoss zusätzliches Eigenkapital nach, woraufhin auch die Banken sich weiter engagierten. Schon im Nachlauf der Finanzkrise hatten die Hannoveraner mit Finanzierungshilfen Mittelständler gestützt und im Gegenzug neue oder zusätzliche Anteile erhalten, wie etwa bei dem Chemikalienhändler Biesterfeld.

Bei solchen Kooperationen mit Private Equity zur Krisenbewältigung sollten Mittelständler aber einige Punkte beachten, mahnte der Hannover-Finanz-Vorstand: „Jederzeit, aber besonders in Krisenzeiten, muss eine faire Unternehmensbewertung gewährleistet werden.“ Dies gelinge nur, wenn sowohl der Finanzinvestor als auch der Unternehmer flexibel seien und sich gegenseitig vertrauten.

Auf dieser Grundlage könne man leichter variable Kaufpreisbestandteile wie Earn-outs, alternative Beteiligungsmodelle (wie bei Biesterfeld) oder eine höhere Rückbeteiligung der Verkäufer vereinbaren – allesamt Lösungen, die auch in der jetzigen Viruskrise ab dem Herbst vermehrt zum Einsatz könnten, wenn sich besser abschätzen lässt, welche Unternehmen von Corona nachhaltig und welche nur temporär beeinträchtigt worden sind.

So findet man den richtigen Private-Equity-Investor

„Dass die Chemie zwischen dem Investor und dem Unternehmer passt, ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte neben den finanziellen Aspekten“, findet Hertz-Eichenrode. Erfahrungen mit den Strukturen bei mittelständischen Unternehmen und ein positiver Track Record des Investors seien Anhaltspunkte, um die Qualifikation des Private-Equity-Investors zu bewerten. Mittelständler, die sich diese Aspekte zu Herzen nehmen, könnten in Private Equity durchaus einen „Sparringspartner“ finden.

Tatsächlich sahen in einer TED-Umfrage 87 Prozent der Webinar-Teilnehmer Private-Equity-Investoren im deutschen Mittelstand als „Impulsgeber für die strategische Neuausrichtung“ oder als „operative und finanzielle Stütze“. Nur 13 Prozent sehen in Private Equity reine Kapitalgeber oder sogar „überhaupt keine Option“ für Corona-gebeutelte Mittelständler.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

„Die Chemie zwischen dem Investor und dem Unternehmer muss passen. Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte neben den finanziellen Aspekten.“

Goetz Hertz-Eichenrode, Vorstandssprecher, Hannover Finanz

Den Mitschnitt des kompletten Webinars mit vielen Grafiken und weiteren Aussagen von Lutz Goebel und Goetz Hertz-Eichenrode finden Sie hier.