Millionen Dieselfahrzeuge stehen vor der Verschrottung und die deutsche Autoindustrie vor einem tiefen Einschnitt. Den Private-Equity-Investoren wird die Lage zu heiß.

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31.10.18
Deals

PE-Investoren wenden sich von der Autoindustrie ab

Über 15 Jahre lang war die deutsche Autoindustrie das Lieblingsziel der Private-Equity-Investoren. Doch jetzt wendet sich die Branche von ihr ab – und flüchtet in einem regelrechten Herdentrieb in die vermeintlich sicheren Häfen.

Dieselgate, Fahrverbote, Absatzeinbrüche wegen neuer Messverfahren und zu guter Letzt auch noch die drohenden drastisch verschärften Abgasgrenzwerte im nächsten Jahrzehnt: Die Autoindustrie steht vor einer Fülle von Problemen, deren Lösung Milliarden kosten wird. Selbst starke Branchenakteure wie BMW, Daimler und Continental mussten zuletzt Gewinnwarnungen herausgeben. Die Umwälzungen werden viele Hersteller und noch mehr Zulieferer Absatz, Ertrag und vielleicht sogar die Existenz kosten.

Dieser giftige Cocktail hat Folgen am M&A-Markt: Waren die Finanzinvestoren lange Zeit die dominierende Kraft im Automotive-M&A, befinden sie sich jetzt auf dem Rückzug. In der aktuellen Befragung des FINANCE Private Equity Panels erleidet der „Attraktivitätswert“ der deutschen Autobranche aus Sicht der befragten Finanzinvestoren einen schweren Schlag: Von maximal möglichen 10 Punkten erhielten Automobil-Targets von den von FINANCE und der Kanzlei CMS anonym befragten Private-Equity-Häusern nur noch 3,64 Punkte. Gegenüber dem ohnehin schon niedrigen Wert aus der Frühjahrsbefragung ist dies ein Rückgang um weitere 13 Prozent. 

Keine Branche ist so unattraktiv wie Automotive

Automotive fällt damit klar ans Ende der 15 abgefragten Zielbranchen zurück. Selbst die von Private-Equity-Investoren seit jeher gemiedene Baubranche erhält mit 3,97 Punkten einen höheren Beliebtheitswert. Die ausführlichen Ergebnisse der Marktumfrage können Sie hier kostenlos herunterladen.

„Der Automobilsektor war schon in der Vergangenheit bei vielen Fonds nicht auf der A-Liste der möglichen Ziele. Die Skandale und der dadurch im Zweifel noch beschleunigte Umbruch verunsichern“, beobachtet der Private-Equity-Spezialist Jacob Siebert, Partner der Kanzlei CMS.  

Automotive war einst Private-Equity-Hochburg

Der Rückzug aus der Autoindustrie zeigt sich auch in den Transaktionsdaten des deutschen Midcap-Private-Equity-Marktes (mit Dealvolumina zwischen 50 und 250 Millionen Euro), die FINANCE jedes Jahr erhebt und auswertet (alle Deallisten des deutschen Midmarkets seit 2004 erhalten Sie hier). Vor zwei Jahren  war Automotive dort mit sieben Buy-outs noch die prägende Branche. 2017 gab es nur noch fünf Automotive-Deals, und für das laufende Jahr deutet sich ein noch schärferer Rückgang an. 

Dies wäre eine Zeitenwende. Zwischen 2004 und 2017 war die Autoindustrie mit einem Anteil von 14 Prozent an allen Midmarket-Deals noch die mit Abstand begehrteste Zielbranche im deutschen Private-Equity-Markt. In fast 60 Transaktionen mit deutschen Autozulieferern haben Private-Equity-Investoren in dieser Zeit fast 7 Milliarden Euro bewegt. Die zweitplatzierte Dienstleistungsbranche kommt auf einen Marktanteil von weniger als 10 Prozent und ein Dealvolumen von unter 4 Milliarden Euro.

„Die Skandale und der dadurch im Zweifel noch beschleunigte Umbruch im Automobilsektor verunsichern.“

Jacob Siebert, Partner, CMS

Private Equity flüchtet in die sicheren Häfen

Die aktuellen Ergebnisse des FINANCE Private Equity Panels zeigen auch an, worauf die Finanzinvestoren stattdessen ihr Augenmerk richten. Offenbar versuchen fast alle Häuser, ihre Portfolios in die gleiche Richtung umzuschichten.

Indiz für diese These: Alle drei Top-Branchen verzeichnen einen deutlichen Anstieg in ihren Attraktivitätswerten – und zum Teil extrem hohe Einzelwerte. Die Software- und IT-Branche kommt auf 8,30 Punkte, 7 Prozent mehr als im Frühjahr. Healthcare kann ebenfalls um 7 Prozent zulegen und folgt mit 8,24 Punkten direkt dahinter. Drittattraktivste Zielbranche ist die Elektronikindustrie mit 6,97 Punkten (plus 4 Prozent).

Diese drei Branchen sind wenig bis gar nicht konjunktursensibel. Dieser Herdentrieb, in dem das Gros der Private-Equity-Häuser ihre Gelder in die gleichen Branchen umzuschichten versucht, könnte das Niveau der dort aufgerufenen Einstiegspreise für die anschließende Wertsteigerung noch herausfordernder machen, als es ohnehin schon ist.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Wie die deutschen Private-Equity-Investoren die aktuellen Kaufpreise generell einschätzen, wie sich gerade taktisch am M&A-Markt positionieren und weitere Ergebnisse der aktuellen Befragung des FINANCE Private Equity Panels können Sie sich hier kostenlos herunterladen.

Viele Infos aus der Branche zu Trends, Deals und Personalia gibt es auf unserer Themenseite Private Equity.