Stets auf der Buy- und der Sellside aktiv: Mutares‘ Chief Investment Officer Johannes Laumann

Mutares

20.05.21
Deals

Mutares: „Wir wollen einen Deal pro Monat machen“

Nach elf Zukäufen im vergangenen Jahr stehen bei Mutares 2021 wieder mehr Exits an. Welche, und wo der Turnaround-Investor trotz Exit-Fokus gute Distressed-M&A-Deals wittert, berichtet CIO Johannes Laumann.

Mutares war in den vergangenen Monaten massiv auf Einkaufstour. Allein im vergangenen Jahr haben die Münchener elf Firmen gekauft, davon zwei in Deutschland. Ob der Turnaround-Investor seine M&A-Offensive in diesem Jahr weiter fortsetzt, wo er gute Distressed-Deals sieht und was er von der vielbeschworenen Distressed-M&A-Welle hält, berichtet Chief Investment Officer Johannes Laumann im Interview.

Herr Laumann, Mutares hat jüngst die Zahlen für das Geschäftsjahr 2020 vorgelegt: Der Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent auf 1,58 Milliarden Euro gestiegen, der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) hat sich auf 142,7 Millionen Euro nahezu verdoppelt. Das ist ein starkes Wachstum, vor allem angesichts der Coronakrise. Haben Sie damit zu Beginn der Pandemie noch gerechnet?
Wir haben schon früh daran geglaubt, dass wir zu den Gewinnern der Coronakrise gehören werden. Mit unserer Aufteilung in die drei Bereiche „Automotive & Mobility“, „Engineering & Technology“ sowie „Goods & Services“ sehen wir uns auch in Krisenzeiten gut aufgestellt, denn unsere Portfoliounternehmen „folgen“ unterschiedlichen Wirtschaftszyklen, darauf achten wir bei der Portfolioallokation. Das heißt: Wenn wir aufgrund der wirtschaftlichen Lage auf einen Bereich größeres Augenmerk legen müssen, wie etwa dem frühzyklischen Automotive-Geschäft, sehen wir im spätzyklischen Bereich des Anlagenbaus oder dem nahezu nichtzyklischen Bereich von „Goods & Services“ Chancen auf der Kauf-, aber insbesondere auf der Verkaufsseite.

Das starke Wachstum bei Umsatz und Ebitda ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Ihr Geschäftsbericht verrät auch, dass Ihr adjusted Ebitda (bereinigt um transaktionsbedingte Erträge, Restrukturierungs- und sonstige Einmalaufwendungen sowie Entkonsolidierungseffekte) im vergangenen Jahr negativ ausgefallen ist. Liegt das an Ihrer aggressiven Zukaufstrategie?
Genau. Wenn wir Restrukturierungsfälle kaufen, haben die oft ein negatives Ebitda, das bei uns auf die Bilanz wandert. Wir haben 2020 elf Firmen gekauft, davon zwei in Deutschland. Das spiegelt sich in dieser Position wider. Grundsätzlich versuchen wir, nie ein extrem hohes positives Ergebnis zu erzielen, denn das bedeutet für mich: Entweder wir haben nicht genug gekauft, oder gut laufende Firmen nicht verkauft und in Returns verwandelt.

Johannes Laumann arbeitet seit 2016 bei dem Turnaround-Investor Mutares. Im Mai 2019 wurde er in den Vorstand berufen. Als Chief Investment Officer (CIO) ist er für M&A und Investor Relations verantwortlich. Zuvor war Laumann unter anderem bei EY, Porsche Consulting und Atlas Copco tätig.

Mutares verkaufte Nexive nach nur sieben Monaten

Viele Ihrer Wettbewerber wie beispielsweise Aurelius haben das Geschäftsjahr 2020 mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen. Haben diese dann im Umkehrschluss Investmentchancen verpasst?
Das würde ich nicht sagen. Nicht alle Turnaround-Investoren verfolgen dasselbe Geschäftsmodell wie wir. Einige zahlen teilweise signifikante Kaufpreise für Firmen, die positive Ergebnisse erwirtschaften. Darüber hinaus haben auch nicht alle Finanzinvestoren 2020 so aggressiv zugekauft wie wir. Im Markt war von Kollegen zu hören, dass bei Aurelius bis in den Herbst 2020 zurückhaltender agiert wurde. Mit diesen Rahmenbedingungen ist es natürlich schwierig, bei jedem spannenden Deal dabei zu sein.

Waren Sie denn bei jedem aus Ihrer Sicht spannenden M&A-Deal dabei?
Wir haben im vergangenen Jahr einige spannende Übernahmen getätigt, dazu zählen in Deutschland zum Beispiel die Übernahme des Rasenmäherherstellers Sabo im September, sowie die Übernahme des deutschen Metallurgie-Geschäfts vom französischen Autozulieferer Nexans im November. Einen weiteren tollen Deal haben wir in Italien mit Nexive gemacht: Den Post- und Paketdienstleister hatten wir im Juli von der niederländischen Post übernommen und nach nur sieben Monaten an die italienische Post weiterverkauft, mit einem Return on Invested Capital (ROIC) in zweistelliger Höhe. Natürlich verpasst man aber auch hin und wieder mal Opportunitäten, zum Beispiel weil man bei einer M&A-Auktion ausscheidet.

Mutares-CIO Laumann sieht Exit-Welle bei Corporates

Apropos Deal-Opportunitäten: Welche sehen Sie denn in diesem Jahr?
Als Distressed-Investoren sehen wir derzeit viele Investitionschancen bei Unternehmen, die zwar von der Coronakrise getroffen worden sind, aber die es nicht komplett umgehauen hat. Zum Beispiel in den Branchen Automotive oder Consumer, dort aber abgesehen vom klassischen Retail-Bereich. Interessant wären auch angeschlagene Firmen aus dem B2B-Geschäft, wie etwa Brauereien oder Messeunternehmen. Grundsätzlich interessant sind derzeit Unternehmen, die – wie ich sie nenne – „unvergängliche“ Produkte oder Dienstleistungen anbieten, wie etwa Rasenmäher. Die werden genutzt, ob nun Krise ist oder nicht.

Fast überall wird im Moment eine Distressed-M&A-Welle vorausgesagt – bis jetzt scheint diese aber hierzulande noch nicht angekommen zu sein. Täuscht der Eindruck?
Die vielbeschworene Distressed-Welle sehe ich in Deutschland auch noch nicht. Gleiches gilt für Länder wie Frankreich: In Ländern, in denen es eine solide staatliche Unterstützung für von Corona betroffene Firmen gibt, wird die Welle aufgeschoben, bis die Unterstützungen auslaufen. Anders ist es hingegen zum Beispiel in Italien, Großbritannien oder den nordischen Ländern: Hier kommt die Welle definitiv bereits angerollt.

FINANCE-Köpfe

Mark Friedrich, Mutares SE & Co. KGaA

Mark Friedrich studiert Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Europa Universität in Frankfurt (Oder) und an der Freien Universität in Berlin. Das Studium setzt er anschließend an der Universität Tübingen fort und schließt das Studium im Jahr 2005 mit dem Diplom ab.

Anschließend arbeitet Mark Friedrich sieben Jahre bei Ernst & Young, zuletzt als Manager und Prokurist. Nach seinem Wirtschaftsprüfer- und Steuerberaterexamen spezialisiert er sich auf die Prüfung von Private-Equity-Gesellschaften und Investmentfonds. Seit 2012 arbeitet er für Mutares, zunächst als Leiter Finanzen. Im April 2015 wird er zum CFO von Mutares ernannt und tritt in den Vorstand ein.

zum Profil

Heißt das, dass Sie in diesem Jahr verstärkt nach Targets im europäischen Ausland suchen werden?
2021 wird ein extrem gutes Jahr für Corporate-Exits, und das länderübergreifend. Das hat auch mit Corona zu tun: Einerseits trauen sich Konzerne derzeit eher, Randbereiche abzustoßen. Der Verkaufsdruck ist gestiegen, zum Beispiel weil Verlustbringer aussortiert werden müssen oder frisches Kapital gebraucht wird. Andererseits ist es im Moment viel leichter, einen Carve-out vor dem Hintergrund der Krise vor den Stakeholdern zu rechtfertigen. Noch vor der Krise äußerten Investoren oder Arbeitnehmervertreter ihre Bedenken bezüglich einer Abspaltung recht schnell. Heute kann man sie mit einem validen Carve-out-Plan schneller auf die eigene Seite ziehen.

Mutares will Umsatz auf 3 Milliarden Euro steigern

Wie sieht es bei Ihnen Exit-seitig aus?
Neben dem Nexive-Verkauf, den wir im Januar dieses Jahres abgeschlossen haben, haben wir in diesem Jahr bereits das Kohlegeschäft unserer Beteiligung Balcke-Dürr sowie die STS Group veräußert. Für beide Firmen haben wir ein „good new home“ gefunden. Verkäufe weiterer Beteiligungen, speziell aus unseren Segmenten „Engineering & Technology“ und „Goods & Services“ prüfen wir gerade intensiv. Allerdings laufen bei uns auf der Buy-side auch eine Handvoll Projekte. Unser Ziel ist es, einen Deal pro Monat abzuschließen. Dabei halten sich Kaufs- und Verkaufsseite in etwa die Waage.


Welche langfristigen Ziele haben Sie sich gesetzt?
Bis 2023 wollen wir unseren Umsatz auf 3 Milliarden Euro heben, wir erwarten also ein jährliches Umsatzwachstum von rund 500 Millionen Euro. Darüber hinaus setzen wir unsere europaweite Expansion fort, dafür soll unter anderem ein Büro in Amsterdam eröffnet werden. Im niederländischen Markt sehen wir überall Potential. Zuletzt haben wir uns vorgenommen, unsere Reputation im Markt auszubauen: Wir wollen überall als verlässlicher Partner wahrgenommen werden, der dem Verkäufer stets eine gute Fortführungslösung anbietet, und den man im Idealfall gleich direkt kontaktiert.

olivia.harder[at]finance-magazin.de

Noch mehr Hintergrundinformationen zu Finanzinvestoren finden Sie auf der FINANCE-Themenseite Private Equity. Mehr über den Finanzchef von Mutares lesen Sie auf dem FINANCE-Köpfe-Profil von Mark Friedrich.