2019 hat die Private-Equity-Branche wieder einmal alle Rekorde gebrochen – dabei sind viele Deals eigentlich nicht so gelaufen, wie sich die Finanzinvestoren das gewünscht haben.

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24.01.20
Deals

So war Private Equity 2019

Gescheiterte öffentliche Übernahmen, rekordgroße Buy-out-Fonds und spektakuläre Restrukturierungsfälle: FINANCE blickt auf ein ereignisreiches Private-Equity-Jahr zurück.

Müsste man das Private-Equity-Jahr 2019 in einem Wort beschreiben, dann wäre das wohl „zweischneidig“. Zwar hat die Buy-out-Branche auch 2019 wieder Rekorde gebrochen (mehr dazu am Donnerstag bei FINANCE-Online), und auch in Deutschland gab es wieder viele spektakuläre Projekte und öffentliche Übernahmeversuche, große Konzern-Carve-outs und neue Milliarden-Fonds.

Aber: Viele öffentliche Übernahmeversuche durch Private Equity sind letztendlich gescheitert, und die Restrukturierungs- und Problemfälle in den Portfolios der Finanzinvestoren häuften sich. FINANCE blickt auf die Licht- und Schattenseiten des Private-Equity-Jahres 2019 zurück. 

Public to Private: Finanzinvestoren haben das Nachsehen

Osram, Scout24, Axel Springer: Im vergangenen Jahr gab es gleich mehrere Versuche von Private-Equity-Investoren, deutsche Börsenunternehmen zu schlucken und vom Parkett zu nehmen. Das größte Spektakel bot zweifelsohne Osram. Angelockt von operativen Schwierigkeiten und einem niedrigen Aktienkurs, buhlten gleich mehrere Buy-out-Schwergewichte um den Münchener Lichtkonzern.

Vor allem Bain Capital zeigte enormes Interesse. Der US-Finanzinvestor bot zusammen mit dem britischen Branchennachbarn Cinven 4 Milliarden Euro. Als Cinven bei der Erhöhung der Offerte nicht mitziehen wollte, sorgte Bain sogar für ein Novum am deutschen Kapitalmarkt und wechselte den Konsortialpartner. Doch auch der zweite Versuch zusammen mit Advent reichte nicht aus, um den österreichischen Strategen AMS auszustechen, der sich ebenfalls im zweiten Versuch mit einem Gebot über 4,6 Milliarden Euro durchsetzen konnte. 

Auch bei Scout24 kamen die Private-Equity-Häuser nicht so zum Zug wie gewünscht. Zwar sicherte sich der US-Finanzinvestor Hellmann & Friedman letztendlich den Online-Marktplatz Autoscout24. Doch nach dem gescheiterten Übernahmeanlauf auf den Mutterkonzern Scout24 wirkt der Deal mehr wie ein Trostpflaster, für das die US-Amerikaner zudem viel Geld bezahlen müssen: 2,9 Milliarden Euro oder 26x Ebitda, legte Hellmann & Friedman auf den Tisch. Mit solch einer Summe hatte nicht einmal der M&A-Arbitrageur Elliott gerechnet, der sich zuvor bei Scout24 eingekauft hatte. 

Für den Gesamtkonzern hatte Hellmann & Friedman noch 5,7 Milliarden Euro geboten – es wäre die größte Übernahme eines deutschen Unternehmens durch einen Private-Equity-Investor aller Zeiten gewesen. Die Buy-outs von Osram und Scout24 hätten zusammen rund 10 Milliarden Euro zu den deutschen Private-Equity-Statistiken beigetragen. Tatsächlich heraus kamen aber nur knapp 3 Milliarden.

Doch nicht alle öffentlichen Übernahmeversuche durch Private-Equity-Investoren des vergangenen Jahres scheiterten. Deutlich besser lief es für das US-Schwergewicht KKR beim Berliner Medienkonzern Axel Springer. Während die Osram- und Scout24-Aktonäre den Private-Equity-Investoren kaum Aktien andienten, sicherte sich KKR gleich im ersten Schritt 42,5 Prozent der Aktien, was den Finanzinvestor rund 2,9 Milliarden Euro kostete. Dass mit Friede Springer, die 42,6 Prozent hält, ein Großaktionär an Bord war, der die Pläne von KKR von Beginn an unterstützte, reduzierte den Hebel für M&A-Arbitrageure wie Elliott erheblich. 

KKR wettet auf die Filmbranche

KKR fiel in Deutschland 2019 aber nicht nur durch den Einstieg bei dem „Bild“-Herausgeber, sondern auch durch ein ambitioniertes Projekt in der deutschen Filmbranche auf. Dort schmiedet KKR zusammen mit dem Medienmanager Fred Kogel einen neuen Medienkonzern, der von der Produktion über den Lizenzhandel bis zur Distribution die komplette Wertschöpfungskette abbilden soll.

Dafür hat KKR Anfang 2019 vier Unternehmen übernommen: Zunächst die Tele-München-Gruppe, an die kurz darauf der Kinoverleiher Universum Film sowie die Produktionsfirmen i&u TV und Wiedemann & Berg angedockt wurden. Finanziert wird das KKR-Projekt aus dem vierten Buy-out-Fonds, der 3,4 Milliarden Euro schwer ist, was darauf hindeutet, dass die finanzielle Dimension dieses Projekts aber doch deutlich hinter der Komplexität zurückstehen dürfte. 

Dax-Konzerne verkaufen Geschäftsbereiche

Unter dem Strich zählten die Datensammler von EY im vergangenen Jahr 219 Private-Equity-Käufe mit einem Gesamtvolumen von rund 30 Milliarden Euro – der höchste Wert seit der Finanzkrise. Obwohl es im Vergleich zum Vorjahr zehn Deals weniger gab, fiel das Transaktionsvolumen um fast 70 Prozent höher aus. 

Die größten Markttreiber waren Carve-outs von Großkonzernen. Der größte Deal war EY zufolge der Verkauf des Bayer und Lanxess gehörenden Chemieparkbetreibers Currenta an den Infrastrukturfonds von Macquarie für 3,5 Milliarden Euro. BASF verkaufte für 3,2 Milliarden Euro seine Bauchemiesparte an Lone Star. Das Methacrylat-Geschäft von Evonik ließ sich Advent 3 Milliarden Euro kosten. 

Permira, Cinven & Co schließen neue Milliardenfonds

Die Zunahme dieser Mega-Deals ist eine Folge der immer größer werden Private-Equity-Fonds. Dem Datenanbieter PitchBook zufolge wurde für europäische Private-Equity-Fonds 2019 so viel frisches Geld eingesammelt wie niemals zuvor: 86,4 Milliarden Euro.

Das meiste Geld sammelte mit 11 Milliarden Euro Permira ein, gefolgt von Cinven mit 10 Milliarden Euro. Mit deutlichem Abstand zu diesen Mega-Fonds folgen Carlyle mit 6,4 Milliarden sowie Ardian mit 6 Milliarden und KKR mit 5,8 Milliarden Euro. 

Hinzu kamen Fundraising-Runden deutscher Private-Equity-Häuser, in deren Zug mancherorts auch die Investmentstrategien angepasst wurden. Das Münchener Private-Equity-Haus Paragon sammelte für seinen vierten Buy-out-Fonds 780 Millionen Euro ein und steigt damit fast zwangsläufig von einem Smallcap- zum Midcap-Investor auf. Der Fonds war fast doppelt so groß wie sein Vorgänger und ermöglicht es Paragon nun, pro Deal in der Spitze bis zu 150 Millionen Euro Eigenkapital zu investieren. 

DBAG und Paragon passen Strategie an

Auch die Deutsche Beteiligungs AG (DBAG) sammelte für einen neuen Fonds rund 1 Milliarde Euro ein. Das Zielvolumen liegt mit 1,1 Milliarden Euro in etwa auf dem Niveau des 2016 aufgelegten Vorgängerfonds. Obwohl die Fondsgröße anders als bei Paragon konstant blieb, kündigte aber auch die DBAG mit dem neuen Fonds einen kleinen Strategieschwenk an: Minderheitsinvestments will die börsennotierte DBAG künftig nur noch aus der eigenen Bilanz heraus finanzieren. Bis dahin konnte das auch der Fonds. Zudem erhöhte die DBAG den eigenen Co-Investmentanteil an dem neuen Fonds um 25 Prozent. Rund ein Viertel des neuen Fondsvolumens stammen aus der DBAG-Bilanz.

Die DBAG litt im vergangenen Jahr aber auch unter der Krise in der deutschen Autoindustrie. Die Rezession in der deutschen Industrie – wo die DBAG viele Investments getätigt hat – würden das Ergebnis belasten. Doch das liegt vor allem an dem Rückgang der Multiples. Operativ konnte sich die Industrie-Unternehmen der DBAG behaupten: Ihr Gewinn sei im abgelaufenen Geschäftsjahr sogar minimal um 0,2 Prozent gestiegen, berichtete der Frankfurter Finanzinvestor. 

Ardian und Gilde verlieren Unternehmen

Bei anderen PE-Häusern hinterließ der Gegenwind aus dem Industriesektor größere Schäden. Insgesamt musste die Private-Equity-Branche im vergangenen Jahr deutlich mehr Restrukturierungsarbeit leisten als in den Jahren zuvor, und nicht immer ging die Sache für den Investor gut aus. Beispielsweise verlor der französische Finanzinvestor Ardian Weber Automotive. Der Autozulieferer musste im Sommer Insolvenz anmelden. Und mit Schlemmer erwischte es auch ein Portfoliounternehmen von 3i schwer

Besonders bitter traf es im vergangenen Jahr Gilde Buy-out Partners. Der belgische Finanzinvestor verlor gleich zwei seiner deutschen Portfoliounternehmen. Zunächst statuierten die Banken an dem Zeltbauer Losberger de Boer ein Exempel und gaben bei der komplexen Umschuldung die Zügel nicht aus der Hand. Wenig später soll der Tiefkühlproduktehändler Eismann an einen Treuhänder übergeben worden sein

Krisen bei Galapagos und Bartec eskalieren

Spektakulär waren auch die Restrukturierungsversuche von Galapagos – der Holding des Triton-Unternehmens Kelvion – sowie des Brandschutzspezialisten Bartec. Beide Unternehmen hatten über Jahre hinweg operative Probleme, die letztendlich zu einer Finanzierungskrise führten. Bartec konnte durch eine Umschuldung und eine Kapitalspritze den Gang zum Amtsgericht gerade noch vermeiden, doch der PE-Investor Charterhouse musste dafür die Schlüssel zum Unternehmen an EQT Credit abgeben, den Private-Debt-Arm des schwedischen Finanzinvestors. Zuvor hatte Charterhouse mehrfach Geld nachgeschossen und dürfte mit dem Investment nach FINANCE-Schätzung zwischen einer viertel und einer halben Milliarde Euro verloren haben.

Triton hingegen kämpft immer noch um sein Investment. Zwar ist auch bei dem Wärmetauschspezialisten Kelvion/Enexio eine umfassende Bilanzsanierung nötig, und die übergeordnete Holding des früheren Gea-Buy-outs musste im September Insolvenz anmelden, nachdem die Galapagos Holding den Kupon einer Anleihe nicht bezahlen konnte. Zuvor hatte Triton jedoch die Investmentbank Macquarie mit dem Verkauf beauftragt, und der einzige Bieter war Triton selbst. Vor einer Lösung müsste sich Triton aber noch mit den nachrangigen Anleihegläubigern einigen. 

Wird 2020 das Jahr der Restrukturierungen?

Dies sind nur die spektakulärsten Restrukturierungsfälle des vergangenen Jahres. Weitere werden folgen, denn die Rezession in der Industrie frisst sich weiter in die Private-Equity-Portfolios. Diese These unterstreicht eine aktuelle FINANCE-Umfrage unter Beteiligungsmanagern von rund in Deutschland tätigen 50 Private-Equity-Häusern: Über drei Viertel gingen Ende 2019 davon aus, dass sie in diesem Jahr mehr oder deutlich mehr Restrukturierungsarbeit werden leisten müssen.

Dieser Cocktail aus immer mehr Kapital – Ende 2019 lag das weltweite nicht investierte Private-Equity-Kapital Preqin zufolge bei unvorstellbaren 1,4 Billionen Dollar –, schlechter laufenden Geschäften und prekärer Konjunktur macht es für Private-Equity-Investoren in diesem Jahr wichtiger denn je, vernünftig mit dem ihnen anvertrauten Kapital umzugehen.

Gleichzeitig bietet sich der Branche aber auch die Chance, insbesondere dem deutschen Mittelstand, zu zeigen, dass sie den eigenen Portfoliounternehmen auch in ernsten Zeiten die Stange hält. Seit Jahren tragen die Fonds dieses Versprechen durch den Markt. 2020 könnte das Jahr werden, indem sie es einlösen müssen.

philipp.habdank[at]finance-magazin.de

Die vollständigen Ergebnisse des FINANCE Private-Equity-Midmarket-Monitors können Sie hier kostenlos herunterladen. Die Kernfrage lautet: Ist die Private-Equity-Branche auf einen neuen Abschwung besser vorbereitet als vor der Finanzkrise?