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Auf dem Weg nach Brasilien

Brasilien ist mit am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen. Unternehmen, die dennoch derzeit planen, dorthin zu expandieren, müssen einiges beachten.

Der Ausbruch der Coronakrise hat in Brasilien nicht nur das öffentliche Leben stark eingeschränkt, sondern auch einen einschneidenden Effekt auf die Kapitalmärkte gehabt. Der Verfall des Brasilianischen Real gegenüber dem US-Dollar wurde von der brasilianischen Notenbank eng begleitet. Wie in allen anderen Staaten auch, hat die Notenbank durch Leitzinssenkungen und Liquiditätshilfen der Wirtschaft geholfen, die außergewöhnlichen Belastungen zu stemmen.

Der Leitzins Selic wurde in dieser Zeit in mehreren Schritten auf ein Rekordtief von 2,0 Prozent gesenkt. Somit hat sich Brasilien aus einem ehemaligen Hochzinsland sukzessive zu einem Land entwickelt, dass seine Zinslast wieder leichter tragen kann – zumindest aus lateinamerikanischer Sicht. Die ausreichenden Devisenreserven des Staates haben geholfen, dass es zu keiner „harten Landung“ des Real gegenüber dem US-Dollar kam.

Coronakrise setzt der brasilianischen Währung weiter zu

Während Ende des Jahres 2019 die Währungsreserven noch nahezu 380 Milliarden US-Dollar betrugen, hat die Notenbank rund 50 Milliarden US-Dollar über Interventionen verkauft, um den Anstieg des US-Dollar zumindest zu bremsen. Diese Notenbankpolitik führte zu einem Rückgang des Dollar-Kurses von 5,97 Brasilianischen Real auf 4,90 Brasilianische Real. Innenpolitische Probleme, die durch den Rücktritt des Justizministers Sérgio Morro im April ihren Anfang nahmen, führten zu einer Abschwächung des Real. Die Coronakrise und die schwindende Unterstützung für den aktuellen Präsidenten Jair Bolsonaro auf der einen Seite und das drohende Scheitern des EU-Mercosur-Abkommens haben der brasilianischen Währung weiter zugesetzt. Nur durch Interventionen des Banco Central do Brasil konnten bisher neue Rekordstände des US-Dollar zum Real verhindert werden.

Mittlerweile hat sich der Wechselkurs wieder bei 5,60 eingependelt. Die Prognose für die Entwicklung des Real lässt eine weitere Entspannung erwarten. Die durchschnittliche, von Reuters veröffentlichte Wechselkursprognose sieht einen Trend in Richtung von 4,85 Brasilianischen Real. Hinsichtlich der Zinsentwicklung werden für die nächsten zwölf Monate keine weiteren Änderungen des Leitzinses Selic erwartet. Am langen Ende der Zinskurve erwarten Experten einen Rückgang der Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen von aktuell 6,90 Prozent auf 6,40 Prozent. Allerdings sollte man bei allem Optimismus, der Brasilien zurzeit wieder ergriffen hat, nicht vergessen, dass die aktuelle Situation um den Präsidenten und die fehlende Ratifizierung des Abkommens zwischen der EU und dem Mercosur der aktuellen Situation einen Dämpfer verpassen könnten.

„Die Prognose für die Entwicklung des Real lässt eine weitere Entspannung erwarten.“

Die Entwicklungen im Hinblick auf das Coronavirus sind in Brasilien zudem dramatisch. Das Land liegt bei den Infektionszahlen bei Redaktionsschluss auf dem dritten Platz – nur die USA und Indien sind noch stärker von der weltweiten Pandemie betroffen. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 12,9 Prozent, die Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 0,25 Prozent geschrumpft, die Industrieproduktion liegt nach einem Rückgang um 20 Prozent nunmehr bei –12 Prozent, und die Inflation bleibt historisch niedrig bei 2,70 Prozent. Insgesamt steht Brasilien im Vergleich mit den anderen Staaten aber noch sehr gut da. Experten sind bei den Marktpreisschwankungen nicht übernervös geworden, da Lateinamerika im Allgemeinen für seine Schwankungsbreiten hinsichtlich der Konjunkturzyklen bekannt ist.

Real nicht frei konvertierbar

Wer trotz der gegenwärtigen Situation derzeit plant, nach Brasilien zu expandieren, sollte sich einen Partner suchen, der sich mit den lokalen Gegebenheiten auskennt. Alleine schon deshalb, weil der Real nicht frei konvertierbar ist und Fremdwährungskonten in Brasilien, bis auf wenige Ausnahmen, nicht erlaubt sind. Wechselkurssicherungen sind vor diesem Hintergrund aber trotzdem möglich. Allerdings sind die Sicherungsmöglichkeiten in Brasilien (onshore) wesentlich breiter gefasst, was die Produktvielfalt angeht. Die Offshore-Märkte kennen hingegen nur nicht lieferbare Termingeschäfte oder Optionen.

Anvisierte Finanzierungen in Brasilien, die seit dem rasanten Rückgang der Zinsen wieder attraktiv erscheinen, sollten Unternehmen ebenfalls mit Experten vor Ort klären, da ein bunter Strauß an diversen Möglichkeiten in Brasilien angeboten werden kann. Alleine das Angebot der BNDS (brasilianische KfW) ist wesentlich breiter gefächert, als man es beispielsweise hier in Deutschland kennt.

Über den Autor:

Uwe Erbs

Uwe Erbs ist Leiter Treasury Solutions der Santander Consumer Bank AG in Frankfurt am Main.

Kontakt: uwe.erbs[at]santander.de

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