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Hoher Liquiditätsbedarf in der Coronakrise

Das nach wie vor günstige Marktumfeld sorgte zuletzt für eine starke Entwicklung am Anleihemarkt. Wie sieht die Prognose für das Gesamtjahr 2020 aus?

Das Volumen der von deutschen Unternehmen begebenen Anleihen könnte im Jahr 2020 über 110 Milliarden Euro und damit in etwa auf dem hohen Niveau des Vorjahres liegen, bevor es 2021 wieder leicht zurückgeht. Bis 30. Juni 2020 lag das Emissionsvolumen mit 78 Milliarden Euro so hoch wie noch nie in einer ersten Jahreshälfte. Großunternehmen aus der Automobilbranche machten einen beträchtlichen Teil des Emissionsvolumens aus. Aber auch viele Unternehmen aus anderen Branchen besorgten sich zusätzliche Liquidität, um mit den Folgen der Corona-Pandemie fertigzuwerden.

Auch im Rest des Jahres 2020 dürfte sich die Emissionstätigkeit weiter kräftig entwickeln. Für 2021 prognostiziert Moody’s einen leichten Rückgang, da die Unternehmen dazu übergehen werden, Liquiditätsüberschüsse für die Rückzahlung fälliger Verbindlichkeiten zu verwenden.

Das Marktumfeld für Anleihen ist nach wie vor günstig – trotz der Pandemie und der negativen wirtschaftlichen Begleiterscheinungen. Vor allem Unternehmen im Investmentbereich profitieren von den Anleihekäufen der EZB.

Am deutschen Kreditmarkt dominierten im ersten Halbjahr 2020 Unternehmen aus dem spekulativen Bereich: Dort stieg das Emissionsvolumen auf 23 Milliarden Euro, fast 3 Milliarden Euro mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Das Gesamtvolumen an Kreditausreichungen für das Gesamtjahr 2020 dürfte fast an die 42 Milliarden Euro des Jahres 2019 heranreichen. Auch wenn die Nachfrage am Markt in den allermeisten Branchen während des dritten Quartals bereits Anzeichen einer Erholung erkennen lässt, benötigen die Unternehmen weiterhin zusätzliche Liquidität. Schuldscheine bleiben eine Alternative zu Anleihen und Krediten und verbuchten im ersten Halbjahr 2020 ein hohes Emissionsvolumen.

„Unternehmen aus dem spekulativen Bereich dominierten im ersten Halbjahr den Kreditmarkt.“

„Grün“ bleibt beliebt

Die Begebung von Hybridanleihen dürfte sich weiter solide entwickeln, da diese dem Trend sich abschwächender Bonitätskennzahlen entgegenwirken. Im ersten Halbjahr 2020 wurden Hybridanleihen im Wert von 3,5 Milliarden Euro begeben, einschließlich einer 3-Milliarden-Euro-Platzierung von Volkswagen (A3 negativ) im Juni. Im Gesamtjahr 2019 betrug das Emissionsvolumen 8,9 Milliarden Euro und lag damit auf dem höchsten Stand seit 2014. Moody’s behandelt Hybridanleihen in der Regel zu 50 Prozent wie Eigenkapital, was sie zu nützlichen Finanzinstrumenten für Unternehmen mit wachsender Verschuldung bei schwierigen operativen Rahmenbedingungen macht.

„Grüne“ Anleiheemissionen verzeichnen trotz der pandemiebedingten Turbulenzen nach wie vor ein Wachstum. Für 2020 ist damit zu rechnen, dass sich das Emissionsvolumen bei „grünen“ Anleihen mindestens auf dem letztjährigen Niveau von 24 Milliarden Euro bewegen wird, was mehr als einer Verdoppelung gegenüber 2018 entspricht. Der Markt für „grüne“ Anleihen wird nach wie vor von Finanzinstituten sowie regionalen und lokalen Gebietskörperschaften dominiert, wohingegen Unternehmen des Nichtfinanz- und Infrastruktursektors nur rund 15 Prozent des Emissionsvolumens ausmachen. „Grüne“ Schuldscheindarlehen gewinnen zusehends an Bedeutung als Alternative zu „grünen“ Anleihen.

Über den Autor:

Timo Fittig

Timo Fittig ist Associate Analyst im Corporate-Finance-Team bei der Moody’s Deutschland GmbH in Frankfurt am Main.

Kontakt: timo.fittig[at]moodys.com

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