Krisenhelfer

In der Krise wird die Bedeutung der Kautions­- und Kreditversicherer oft unterschätzt. Welche Rolle sie in der Restrukturierung spielen können, zeigt der Fall R+S Group.

Der Mittelständler R+S aus Fulda hat die Krise hinter sich gelassen: Das operative Geschäft läuft wieder, und ein neuer, finanzkräftiger Mehrheitsgesellschafter ist gefunden. Zudem kann R+S darauf hoffen, dass nicht jedes Jahr unerwartete Sondereffekte wie die Pandemie das Geschäft noch mal deutlich erschweren. Ebenso erfreulich: Der Gebäude-, Schiffs- und Technikdienstleister hat das Vertrauen der Finanzpartner wiedergewonnen, das zwischenzeitlich verlorengegangen war. Für R+S war das ein hartes Stück Arbeit.

Bis zur Unternehmenskrise im Jahr 2018 performten die Fuldaer noch ziemlich gut. Doch dann drosselten immer mehr Fehlentscheidungen die Fahrt des Mittelständlers. Und als dann ein schwerer operativer Fehler hinzukam, war das Ausmaß der Schwierigkeiten nicht mehr zu kaschieren. Die Ende 2018 vorgelegten Zahlen waren besorgniserregend. Die stolzen Zahlen, die zum 30. Firmenjubiläum im Vorjahr noch präsentiert worden waren, erwiesen sich als Makulatur.

So wanderte das Unternehmen in die Intensivbetreuung der Banken und Versicherer, die Zügel wurden bei Berichtspflichten massiv angezogen und Entscheidungsspielräume verengt. Ein IDW-S6-Gutachten sollte zeigen, ob das Unternehmen noch eine Chance hat. Tatsächlich gab es Mitte 2019 einen positiven Sanierungsbescheid, und das Konsortium der Banken beriet sich.

Versicherer fallen „hinten runter“

Doch was war mit den Warenkredit- und Kautionsversicherern? Obwohl sie in Unternehmenskrisen eine entscheidende Rolle spielen können, werden sie meist vernachlässigt. Sie stehen hinten in der Informationskaskade, ein wichtiger Abstimmungs-Call kann auch schnell einmal ohne sie stattfinden. Ein Fehler. Denn die Versicherer können Krisenunternehmen entscheidend stabilisieren: Nur wenn sie mitziehen und ihre Kautionslinien und Limite aufrechterhalten, wird es dem Unternehmen gelingen, wieder Aufträge zu gewinnen und zu wachsen.

Die Versicherer dazu zu bewegen ist allerdings eine Herausforderung, denn auch sie würden am liebsten ihre Risiken eingrenzen – so wie die Banken, die darum zum Beispiel auf Sondertilgungen durch Verkäufe etc. dringen. Dem Kautionsmakler von R+S ist es gelungen, für ein großes Sonderprojekt die Linien auszuweiten und einen neuen Versicherer hinzuzugewinnen. Die Versicherer haben einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, das für R+S wichtige Projekt zu realisieren.

Richtige Rollenverteilung

Die Nachrangbehandlung der Versicherungen hat unterschiedliche Ursachen: Zum einen haben auch erfahrene Restrukturierer sie einfach nicht „auf dem Schirm“. Wer einschlägige Fortbildungen besucht, wird sich wundern, dass dort immer nur die Rolle der Banken beleuchtet wird. Zum anderen gehen die Versicherer meist einzeln und nicht untereinander koordiniert vor.

Während sich die sieben betroffenen Banken bei R+S zum Konsortium zusammengeschlossen hatten, wären die neun Versicherungen unkoordiniert aufgetreten. Offenbar fehlen dem Konsortialführer Zeit und Kapazitäten, die Koordination und Abstimmung der Versicherer ebenfalls zu orchestrieren.

So wäre unter Umständen das Schicksal von R+S besiegelt gewesen, wenn nicht der Makler von R+S diese „Agent“-Rolle übernommen hätte. Keine Selbstverständlichkeit – denn das hatte zur Folge, dass jeder Vertragsentwurf, jedes Feedback von Versicherungen und ihren Anwälten vom Kredit- und Kautionsmakler koordiniert und umgesetzt werden musste. Vom Conference Call mit mehr als 50 Teilnehmern bis zur bilateralen Abstimmung war das eine organisatorische, inhaltliche und – angesichts der großen Emotionen bei den Beteiligten – auch psychologisch herausfordernde Aufgabe. So wurde der Makler, obwohl ja Vertrauter des Unternehmens, von allen Beteiligten als Mittler akzeptiert.

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Paul Siethoff ist Redakteur bei Finance und schreibt über verschiedene CFO- und Corporate-Finance-Themen. Er hat Kommunikationswissenschaften und Journalismus in Erfurt und in Mainz studiert. Vor seiner Zeit bei FINANCE schrieb Paul Siethoff frei für die Frankfurter Rundschau über Wirtschafts- und Politikthemen.

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