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Treasury als Businesspartner im Unternehmen

Der vorgebliche Zwiespalt zwischen finanziellen und operativen Interessen kann dem Corporate Treasury Chancen bieten, sich im operativen Bereich als Businesspartner zu platzieren.

In nahezu allen Unternehmen befasst sich das Corporate Treasury im Rahmen seiner Verantwortung für das Cash und Liquidity Management zumindest mit den finanziellen Aspekten des Working-Capital-Managements. Auslöser ist dessen zentrale Bedeutung im Hinblick auf die fortlaufende Innenfinanzierungsfähigkeit eines Unternehmens. Dabei beschränkt man sich immer noch sehr häufig auf die Analyse und das Reporting des Working Capitals, denn das aktive Management tangiert immer auch Ziele und KPIs der operativ ausgerichteten Unternehmensbereiche, beispielsweise des Einkaufs oder des Vertriebs.

Dabei bietet gerade dieser vermeintliche Zielkonflikt zwischen finanziellen und operativen Interessen ein hohes Potential für das Corporate Treasury, sich als Businesspartner für die operativen Bereiche zu positionieren und proaktiv Finanzierungslösungen zu einer nachhaltigen und effizienten Erreichung operativer Ziele vorzuschlagen. Hierzu folgende Beispiele:

Verbreitete Einkaufsstrategien wie ein Konsignationslager oder Just-in-time-Belieferungsprozesse sind wirksame Instrumente zur Reduzierung des eigenen Working Capitals. Damit verbundene Finanzierungskosten belasten den Lieferanten und erhöhen sein Risiko. Die Abhängigkeit von der finanziellen Performance-Fähigkeit der Lieferkette nimmt zu. Störungen oder gar Ausfälle infolge finanzieller Probleme einzelner Lieferanten können zu erheblichen Aufwänden bis hin zum Produktionsstillstand führen.

Neben diesem Worst-Case-Szenario besteht auch das Risiko, dass Lieferanten in volatilen Märkten bei steigender Nachfrage nicht mehr ausreichend in Vorleistung gehen können. Davon abgesehen ist die Informationsasymmetrie zwischen dem investierenden Lieferanten und seinem Finanzierungspartner häufig größer als zwischen den beiden Partnern innerhalb einer Lieferkette. Dies kann zu höheren Finanzierungskosten oder gar der Ablehnung einer Finanzierung führen, insbesondere wenn eine hohe Abhängigkeit zwischen dem Lieferanten und dem Abnehmer besteht. Solche Nachteile lassen sich durch Supply-Chain-Finance-Modelle wirksam mitigieren.

Mit Factoring Absatzziele erreichen

Supply-Chain-Finance-Modelle sind ebenfalls sehr gut geeignet, um innerhalb der Lieferkette Maßnahmen zur Verbesserung von HSEQ(Health, Safety, Environment, Quality)-Standards zu incentivieren. Der hiermit auf Lieferantenebene verbundene Zusatzaufwand für Auditierung oder Zertifizierung wird durch einen schnelleren und kostengünstigen Liquiditätszufluss kompensiert. Im Idealfall können die Finanzierungskosten der Lieferanten mit dem von ihnen erreichten Scoring im Rahmen des jährlichen Supplier-Audits verknüpft werden. Vor dem Hintergrund der stärker werdenden öffentlichen Diskussion zu der Verantwortung multinationaler Unternehmen für ihre globalen Lieferketten ist dies ein zunehmend wichtiger Aspekt auf der Agenda eines Einkäufers.

„Supply-Chain-Finance-Modelle sind sehr gut geeignet, um innerhalb der Lieferkette Maßnahmen zur Verbesserung von HSEQ-Standards zu incentivieren.“

Auf der Aktivseite der Bilanz kann ein Factoringprogramm oder der gezielte Verkauf von Einzelforderungen dem Vertrieb eines Unternehmens helfen, seine Absatzziele besser zu erreichen, indem wichtigen Kunden bei den Zahlungszielen entgegengekommen werden kann, ohne gleichzeitig Working Capital oder Capital employed zu belasten. Auch im Fall ausgereizter interner Debitorenlimite kann durch einen True Sale neues Umsatzpotential generiert werden. Die in beiden Fällen erzielbare Umsatzausweitung ermöglicht Ergebnisbeiträge, die die hiermit verbundenen True-Sale-Aufwendungen um ein Vielfaches übersteigen.

Gerade im Bereich des regresslosen Forderungsverkaufs hat sich in jüngster Zeit einiges getan. Moderne Fin-Tech-Lösungen bieten nicht nur eine nahtlose Integration in bestehende ERP-Systeme und beseitigen damit die Eintrittsbarriere „Prozessaufwand“, sondern bieten auch breiten Zugang zu einer Vielzahl von Finanzierungspartnern.

Über die Autoren:

Michael Piel

Michael Piel ist Head of Corporate Markets bei der CRX Markets AG in München.
Kontakt: piel[at]crxmarkets.com

Florian Retzlaff

Florian Retzlaff ist Head of Treasury Controlling bei der MAN Truck & Bus SE in München.
Kontakt: florian.retzlaff[at]man.eu

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