Rüdiger Andreas Günther

Francotyp-Postalia Holding AG

Name:
Rüdiger Andreas Günther
Unternehmen:
Francotyp-Postalia Holding AG
Ressort:
Finanzen, F&E, IT, Personal, Qualitätsmanagement, Einkauf, Logistik, Compliance, strategische Geschäftsentwicklung
Position:
CEO und CFO seit Januar 2016
Ausbildung:
Banklehre (1978 – 1980), Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Göttingen und der University of North Carolina (1980 – 1984). Mit einer Arbeit zum Thema „Analyse des Missbrauchs von Nachfragemacht in der US-amerikanischen Rechtsprechung“ erwarb er sein Examen. Im Anschluss Trainee-Programm als Investmentbanker bei der Continental Bank (1985 – 1987) mit Aufenthalten in Frankfurt, London, Chicago und New York. 
Geburtstag:
03.06.1958
Familie:
Günther ist Vater von zwei Kindern.
Ehrenamt:
Schirmherr der Elterninitiative für krebskranke Kinder Jena e.V.
Hobbies:
Karate (zweimaliger Träger des schwarzen Gürtels und deutscher Meister), Ausdauersport, Tennis

Karriere

1985 startet Günther seine berufliche Laufbahn als Investmentbanker und Country Manager bei der Continental Bank of Chicago. Ab 1988 zunächst als Bereichsleiter, später dann als Leiter des Zentralbereichs Finanzen von Metro setzte Günther Schwerpunkte in der Akquisitionsfinanzierung. Weitere Schwerpunkte waren die Etablierung des Finanzcontrollings, einer Risk-Management-Funktion und eines MIS-Systems für Finanzrisiken.


Bei dem Landmaschinenhersteller Claas durchläuft Günther ab 1993 verschiedene Managementfunktionen bis zum CFO und betreibt später in seiner Funktion als Sprecher der Geschäftsführung unter Beibehaltung der CFO-Funktion die finanzwirtschaftliche Absicherung der Globalisierung. Mit der Übernahme von Renault Agriculture initiiert Günther den Geschäftsaufbau der Claas Gruppe. Mit zahlreichen Finanzinnovationen macht er Claas zur Nummer 1 in Europa und zu einem der drei größten Marktteilnehmer weltweit. 2006 wird Günther dafür mit dem FINANCE Award als „CFO des Jahres“ ausgezeichnet.


Mit seiner Bestellung zum CFO und Arbeitsdirektor beim Dax-Konzern Infineon 2007 initiiert Günther Maßnahmen zur Steigerung der Profitabilität durch strategische Allianzen und Akquisitionen. Er erweitert die Aktionärsbasis und baut eine Defense- Strategie gegen Hedgefonds und unfreundliche Investoren auf. Im Jahre 2008 wird er als CFO in den Vorstand von Arcandor berufen, um einen Sanierungsplan zu erarbeiten. Ziel ist es, das Unternehmen durch die Gewährung einer Staatsbürgschaft zu sanieren oder die verschiedenen Unternehmensteile (Thomas Cook, Karstadt, Quelle) zu verselbständigen.

Seit seiner Berufung zum CFO des Technologiekonzerns Jenoptik im April 2012 verantwortet Günther neben anderen das derzeit wohl wichtigste Managementprojekt des ostdeutschen Leuchturmunternehmens. Mit Jenoptik One.ERP („JOE“) wird die ERP-Struktur des Unternehmens mit Hilfe eines neuen SAP-Systems zur Grundlage von Jenoptiks Wachstumsstrategie. Systeme und Mitarbeiter sollen mit einer einheitlichen Sprache sprechen. Das Projekthat eine Laufzeit von 5 Jahren und ein Budget von über 20 Millionen Euro.

Günther verlässt Jenoptik im März 2015 und übernimmt im Januar 2016 den Vorstandsvorsitz bei dem Frankiermaschinenhersteller Francotyp-Postalia. Wie bereits sein Vorgänger übernimmt er gleichzeitig auch die Leitung als Finanzchef.
   

Karriere-Highlights:

1)    Als CFO bei Claas initiiert Günther wichtige Kapitalmarkttransaktionen. Dazu zählen innovativ strukturierte Hybrid-/Eigenkapitalemissionen sowie die erste Privatplatzierung eines deutschen Unternehmens in den USA. Claas übernimmt die Landtechniksparte von Renault, zwischen 1993 und 2005 steigt der Umsatz von 450 Millionen auf knapp 2,2 Milliarden Euro.

2)    2006 wird Günther von FINANCE als „CFO des Jahres“ ausgezeichnet.

3)    Berufungen als Finanzvorstand in die Großkonzerne Infineon und Arcandor.

4)    Als CFO bei Jenoptik treibt er als Grundlage einer globalen Wachstumsstrategie das ERP-Projekt „JOE“ voran. Ziel ist es, eine Hochleistungsorganisation zu schaffen und das globale Wachstum zu forcieren.

5)    Im Jahr 2013 sichert Günther Jenoptik durch den Abschluss eines Konsortialkredites über 120 Millionen Euro eine fünf Jahre laufende Kreditlinie 

Deals

Optimierungungsprojekt
Beratungsanfang:
2012
Beratungsende:
2016
Art des Projekts:
IT/Controlling
Unternehmen:
Jenoptik AG

MEHR zur Person

Rüdiger A. Günther, Jenoptik: Der Unbequeme

Finanzinnovator, Erneuerer, Anecker und Antreiber: Rüdiger Andreas Günther lässt sich in keine Schublade stecken. Wer in ihm nur den Performer, den Ex-Investmentbanker sieht, übersieht einen wichtigen Teil von Günthers Persönlichkeit. Und dieser ist noch interessanter als die schillernden Karrierestationen des CFO-Veteranen.    
  
Harsewinkel, Neubiberg, Essen, Jena: Rüdiger Andreas Günthers Karrierestationen als CFO klingen nicht gerade nach großem Kino. Und doch hat sich Günther in den vergangenen zwanzig Jahren einen Namen gemacht als einer der bekanntesten CFOs Deutschlands– und als einer der umstrittensten. In der Tat hat der mit einer guten Portion Selbstvertrauen ausgestattete Manager in seiner CFO-Karriere schon einiges erlebt. Vom Provinzfürsten zum Kurzzeit-Dax-CFO und vielleicht wieder zurück – so lässt sich Günthers Laufbahn in aller Kürze zusammenfassen.

So zielstrebig, wie er im persönlichen Auftreten ist, verläuft auch Günthers Karriere. Er startet sie in den wilden Achtzigerjahren als Investmentbanker in den USA – beileibe kein Spielplatz für grüne Jungs. Als er 1988 nach Deutschland zurückkehrt und sich dem Handelskonzern Metro anschließt, bringt er sein Rüstzeug im M&A- und Finance-Bereich gleich in eine Vielzahl von Akquisitionsfinanzierungen ein.

Dann kommt die erste Überraschung in seiner Laufbahn: Günther zieht nach Harsewinkel, in den verschlafensten Winkel des ohnehin nicht gerade pulsierenden Ostwestfalen und wird Finanzchef des Familienunternehmens Claas, das Mähdrescher und Traktoren herstellt. Die 13 Jahre mit Günther an der Firmenspitze sind bis heute die erfolgreichsten in der Geschichte des Landmaschinenherstellers, der Umsatz vervielfacht  sich von 450 Millionen auf 2,2 Milliarden Euro.

Und Günther liefert ein Gesellenstück ab, das ihm in der Branche eine Menge Respekt verschafft: Fast im Alleingang bringt er Claas an den Kapitalmarkt. Nebenbei prägt er Finanzierungsinstrumente wie Hybridanleihen und Schuldscheine, die heute in kaum einem Finanzierungsbaukasten eines deutschen Großkonzerns fehlen. Günther platziert sie direkt bei großen US-Institutionen platziert. Vom Firmensitz Harsewinkel aus geht er in diesen Jahren mehrfach auf Nordamerika-Roadshow. „German Engineering“ und einen „Hidden Champion“ preist der frühere Investmentbanker den verdutzten US-Investoren an. Am Ende kann fast jeder wichtige Großinvestor in den Staaten auf der Europakarte grob zeigen, wo „Rabbit’s corner“ liegt. Im Jahr 2006 erhält Günther als Anerkennung für seine Erfolge bei Claas den FINANCE-Award „CFO des Jahres“.

Doch dann gerät der Karrieremotor ins Stocken. Als im Gesellschafterkreis des Familienunternehmens Claas die nächste Generation das Zepter übernimmt, überwirft sich Günther mit den Gesellschaftern. Der anschließende Aufstieg in die erste Liga – als CFO beim Dax-Konzern Infineon – gerät zur Karrierebremse. Schon nach einem Jahr muss der kantige neue CFO wieder gehen. Die Deutungen über seinen Abschied gehen bis heute auseinander. Dem Niedersachsen Wohlgesonnene berichten, wie Günther mit seinem Veränderungswillen die alten Siemens-Seilschaften bei dem Chiphersteller gegen sich aufbrachte – diese Lesart lässt ihn als Reformer dastehen, der furchtlos ins Wespennest greift und gehen muss. Kritiker meinen hingegen, Günther habe es an Feingefühl gegenüber seinen Mitarbeiter missen lassen. Vermutlich liegen beide Seiten mit ihrer Sicht der Dinge nicht ganz falsch.

Kurz danach kommt der nächste Rückschlag: Dem Neu-CFO Günther gelingt es nicht, die Insolvenz des Mischkonzerns Arcandor abzuwenden. Günther setzt auf Staatshilfe und eine Aufspaltung des hoch verschuldeten Konglomerats. Doch Berlin zieht nicht mit, und noch bevor er die Konzerntöchter Karstadt, Quelle und Thomas Cook verselbstständigen kann, geht dem Konzern das Geld aus. Diesmal kreidet kaum jemand Günther das Scheitern an, der schwarze Peter geht an den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff.

Nach rund drei Jahren ohne CFO-Mandat wagt Günther einen Neuanfang – wieder in der Provinz, bei einem Leuchtturmunternehmen des Ostens, dem Technologiekonzern Jenoptik. Dort zeigt Günther, dass er es immer noch kann. Im Finanzierungsgeschäft macht ihm nach wie vor kaum ein CFO etwas vor. Dank eines großen Konsortialkredits, den Günther Anfang 2013 einfädelt, ist Jenoptik jetzt auf Jahre hinaus durch finanziert.

Doch sein wichtigstes Projekt ist „JOE“, ein ehrgeiziges ERP-Programm, das die gesamte IT-Struktur des TecDax-Konzerns erneuern soll. Damit wollen Günther und Jenoptik-CEO Michael Mertin die Basis schaffen, damit Jenoptik in den kommenden Jahren aus eigener Kraft mit zweistelligen Wachstumsraten pro Jahr expandieren kann. Über 20 Millionen Euro lässt sich Jenoptik JOE kosten. Und Günther hat die Möglichkeit zu beweisen, dass er doch über das nötige Fingerspitzengefühl verfügt, um Mitarbeiter für einen wichtigen Change-Prozess zu gewinnen. Und genau das scheint er sich – so hört man aus dem Unternehmen – bei Jenoptik zu Herzen zu nehmen. Immer wieder treibt er seine Mitarbeiter an, sich auszutausche und, gemeinsame Lösungen zu finden.

Zuzutrauen ist ihm die erfolgreiche Begleitung von JOE allemal, denn so simpel, wie sich seine Erfolge und Niederlagen auf den ersten Blick mit seiner extremen Leistungsorientierung erklären lassen, ist Günther beileibe nicht gestrickt. Einen großen Teil seiner Widersprüchlichkeit hat sich der CFO bis heute bewahrt. Der deutsche Meistertitel im Karate passt zum Bild des durchsetzungsstarken Ex-Investmentbankers, der Konflikten nicht aus dem Weg geht.

Sein Engagement bei der Elterninitiative für krebskranke Kinder Jena hingegen passt zu dem charmanten und reflektierten Gesprächspartner, der länger Eindruck hinterlässt als viele seiner Kollegen. Der Mensch und CFO Günther lässt sich nur schwer in eine Schublade stecken. Das war schon immer so – vermutlich wird es auch so bleiben.  

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de