Cancom hat den Prüfer gewechselt – und dieser ist mit dem bisherigen Ausweis der Umsätze nicht ganz einverstanden.

Cancom

24.03.20
Finanzabteilung

Cancom muss nach Prüferwechsel Umsatz korrigieren

Nach einem Prüferwechsel zu KPMG muss der IT-Dienstleister Cancom Umsatz und Gewinn nach unten korrigieren. Auch die Vorlage des Geschäftsberichts wird verschoben.

Anfang Februar hatte Cancom seine vorläufigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2019 bekannt gegeben – nun muss der IT-Dienstleister diese nach unten korrigieren. So soll der Umsatz nun bei 1,55 statt 1,64 Milliarden Euro liegen, der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) wird 2 bis 3 Prozent unter den ursprünglich genannten 123 Millionen Euro liegen.

Auch Umsatz und Ebitda für das Geschäftsjahr 2018 müssen in etwa dieser Größenordnung rückwirkend angepasst werden. Andere Finanzkennzahlen wie der Cashflow, das Working Capital oder die Bilanzverhältnisse seien hingegen von den Korrekturen „nicht wesentlich betroffen“, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

KPMG ändert den Umsatzausweis

Anlass für die Anpassung der Geschäftszahlen ist ein Prüferwechsel. Im Sommer 2019 wurde KPMG zum neuen Abschlussprüfer gewählt, zuvor hatte die mittelständische Gesellschaft S&P Wirtschaftsprüfung die Bilanzen der Münchener testiert. Offenbar ist der neue Prüfer mit dem bisherigen Vorgehen beim Ausweis des Umsatzes nicht einverstanden. Konkret geht es dabei um die Frage, wann ein Unternehmen einen Umsatz in voller Höhe verbuchen darf und wann nur zum Teil.

Bei der sogenannten Prinzipal-Agent-Bewertung wird nach IFRS aufgrund unterschiedlicher Kriterien bewertet, ob Cancom den Umsatz in voller Höhe der tatsächlichen Rechnungsstellung an den Kunden (Prinzipal) ausweisen darf, oder ob das Unternehmen als Vermittler gewertet wird und nur einen gekürzten Wert als Umsatz ausweisen darf (Agent, sogenannter Nettoausweis). Bisher hatte Cancom die Umsätze bei den betroffenen Transaktionen als Prinzipal in voller Höhe ausgewiesen. KPMG war aber offenbar der Meinung, dass Cancom in diesen Fällen als Agent agiert.

 

 

 

Die Prinzipal-Agent-Thematik spielt auch bei dem seit 2018 geltenden Bilanzierungsstandard IFRS 15 zur Umsatzrealisierung eine wichtige Rolle. Ob Cancoms Bilanzierungsprobleme auf die Einführung des neuen Standards zurückzuführen sind, ist unklar.

Cancom muss Geschäftsbericht verschieben

Die Bilanzierung nach den internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS gilt als sehr komplex. Selbst zwischen den Prüfern können unterschiedliche Ansichten herrschen, insbesondere bei Auslegungsfragen. Ob es sich bei Cancom aber auch nur darum handelt oder nicht doch um einen Bilanzierungsfehler – mit dieser Frage wird sich womöglich die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) beschäftigen. Es ist denkbar, dass die „Bilanzpolizei“ die nun veröffentlichte Korrektur zum Anlass nimmt, den Cancom-Geschäftsbericht für 2018 genauer unter die Lupe zu nehmen. Cancom selbst hat über die Pressemitteilung hinaus keine weitere Stellung zu dem Thema genommen.

Für Cancom hat das Ganze aber noch weitere Folgen: Der IT-Dienstleister verschiebt die Veröffentlichung seines Geschäftsberichts um knapp einen Monat auf den 28. April. Schuld daran sei zum einen der „zeitlich erhöhte Aufwand“ aufgrund der erstmaligen Prüfung durch KPMG, zum anderen aber auch die Corona-Krise, die laut Cancom „Abstimmungen für die Erstellung des Geschäftsberichts erschwert“.

Dass Unternehmen aufgrund eines Prüferwechsels und den damit einhergehenden Diskussionen über die bisherigen Bilanzierungspraktiken ihre Geschäftsberichte verschieben, kommt immer wieder vor. So musste vor einem Jahr auch der Online-Reifenhändler Delticom die Vorlage der Zahlen sowie die Hauptversammlung verschieben, unter anderem weil der neue WP – ebenfalls KPMG – mehr Zeit für die Prüfung brauchte. Vor der Frage, wie man den Prüferwechsel so gestaltet, dass die Übergabe zwischen dem neuen und dem alten WP gut gelingt, stehen wegen der gesetzlich verpflichtenden Prüferrotation aktuell viele Unternehmen.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Die Welt der internationalen Bilanzierungsregeln ist komplex – und führt derweil zu Unstimmigkeiten. Lesen Sie mehr dazu auf unserer Themenseite IFRS sowie unser Blog „Abgeschminkt“.