PwC-Partner Rüdiger Loitz glaubt, dass die digitale Wirtschaftsprüfung dazu beitragen kann, Bilanzierungsfehler aufzudecken, Bilanzskandale aber nicht völlig verhindern wird.

PwC

12.09.18
Finanzabteilung

„Digitale Prüfung alleine verhindert keine Bilanzskandale“

Bilanzskandale wie bei Steinhoff & Co. erschüttern immer wieder die Wirtschaft. Wie die Digitalisierung Wirtschaftsprüfern helfen kann, Fehler in den Bilanzen aufzuspüren, und wo Schlupflöcher bleiben, erklärt PwC-Partner Rüdiger Loitz.

Es ist ein Szenario, das immer wieder vorkommt: Jahrelang testiert ein Wirtschaftsprüfer die Bilanzen eines Unternehmens, vergibt jedes Mal einen uneingeschränkten Bestätigungsvermerk. Bis ein Unternehmen aus scheinbar heiterem Himmel in Geldnot gerät oder gar Insolvenz anmeldet – weil die Bilanzen falsch waren. So beispielsweise aktuell bei dem Möbelkonzern Steinhoff geschehen, der nachträglich milliardenhohe Abschreibungen vornehmen musste.

Bei Bilanzskandalen richten sich schnell alle Blicke auf den Wirtschaftsprüfer: Wieso hat er die Fehler übersehen? Das Problem: Auch der Wirtschaftsprüfer muss sich bis zu einem gewissen Grad auf die Aussagen des Managements verlassen. Will dieses ihn bewusst täuschen, ist das für ihn kaum zu durchschauen. Und wenn es sich dann auch noch um einen internationalen Konzern mit riesigen Datenmengen handelt, kann der Prüfer schlicht nicht alles im Detail analysieren.

Doch die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten, Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen zu finden. Rüdiger Loitz, verantwortlich für Technologie und Innovation bei dem Wirtschaftsprüfer und Berater PwC, spricht mit FINANCE über Chancen und Grenzen der neuen Technologien.

Herr Loitz, man hört immer wieder, dass die Digitalisierung die Wirtschaftsprüfung auf ein ganz neues Level heben wird. Sind Big Data & Co. das Allheilmittel gegen Bilanzskandale?

Nein, die digitale Wirtschaftsprüfung alleine wird Bilanzskandale nicht verhindern können. Klar ist aber, dass die Wirtschaftsprüfer neue Instrumente an die Hand bekommen, die ihnen zumindest dabei helfen können, Bilanzierungsfehler aufzuspüren. Dabei ist der Bilanzskandal ja nur die letzte und schlimmste Konsequenz. Vielmehr geht es uns darum, schon weit früher Unregelmäßigkeiten zu identifizieren, damit es gar nicht erst so weit kommt.

FINANCE-Magazin

Semptember/Oktober 2018

Die neuen Bilanzskandale

Warum die Prüfer bei Steinhoff & Co. versagten
 

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Wie genau hilft die Digitalisierung dabei?

Schon jetzt nutzen wir beispielsweise spezielle Software, die große Datenmengen nach verdächtigen Abweichungen scannen, die dann ein Wirtschaftsprüfer genauer unter die Lupe nehmen kann. Dabei werden nicht nur einzelnen Daten durch die Programme geprüft, sondern ganze Prozesse: Die Software verfolgt beispielsweise den Weg einer Rechnung vom Eingang bis zur Verbuchung und meldet uns Auffälligkeiten, etwa unbefugte oder außergewöhnliche Zugriffe. Wir haben Software darauf trainiert, die bisher von Prüfern gemachten Analysen selbst durchzuführen – nur in Sekunden und für nahezu unendlich große Datenbestände.

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Viele Jahre nach der Enron-Pleite schocken Bilanzskandale wie bei Steinhoff die Finanzmärkte. Wieder stehen die Wirtschaftsprüfer am Pranger. Viele Maßnahmen zur Verhinderung von Manipulationen laufen ins Leere oder wurden zu spät eingeführt.

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Künstliche Intelligenz verändert Wirtschaftsprüfung

Meist erfolgt die Wirtschaftsprüfung ja stichprobenartig, weil der Prüfer schlicht nicht alles genau unter die Lupe nehmen kann. Ermöglichen die neuen Tools auch eine sogenannte Vollprüfung?

Von der Vollprüfung sind wir noch weit entfernt. Die gesamten Datenmengen der Unternehmen sind so riesig, es wäre selbst mit den aktuellen Mitteln noch ineffizient, sie komplett zu durchforsten. Nicht zuletzt bremsen heterogene  IT-Systeme vieler Unternehmen die Prüfer noch aus: Gerade Großkonzerne mit diversen Töchtern haben derart unterschiedliche  ERP-Systeme und Schnittstellen, dass wir keine konsistenten Daten erhalten.

Nutzen Sie auch künstliche Intelligenz in der Prüfung?

Ja, so haben wir eine künstliche Intelligenz, die den Buchhaltern oder Shared-Service-Centern  in den Unternehmen beispielsweise bei Fragen zur Rechnungslegung hilft. Sie dürfen nicht vergessen, dass es bei Bilanzierungsfehlern keinesfalls immer um kriminelle Energie geht. Häufig passieren Fehler schlicht aus Unkenntnis, schließlich sind die Bilanzierungsregeln sehr komplex. Statt bei Unklarheiten sofort den Wirtschaftsprüfer zu fragen, der ja auch nicht immer greifbar ist, gehen die Buchhalter zunächst einen Entscheidungsbaum in einem Programm durch. Viele praktische Anwendungsfälle können so schon gelöst werden, wenn auch natürlich nicht alle, da insbesondere Einschätzungsfragen in Entscheidungsbäumen noch durch Personen beurteilt werden.

Prüfer hat mehr Zeit für kritische Fragen

„Von der Vollprüfung sind wir noch weit entfernt.“

Rüdiger Loitz, PwC

Das entlastet ja auch den Wirtschaftsprüfer.

Genau – und wenn solche künstlichen Intelligenzen oder Automatisierungen uns entlasten, bleibt mehr Zeit, um sich mit komplexen und kritischen Fragen der Bilanzierung auseinanderzusetzen. Alleine das Wissen des Managements um die neuen Möglichkeiten der Prüfer dürfte den Anreiz für Bilanzfälschungen senken.

Wie finden Sie denn Personal mit dem nötigen technischen Know-how? Aktuell herrscht unter den Wirtschaftsprüfern und Beratern doch ein sehr intensiver Wettbewerb um Mitarbeiter mit IT- und Data-Science-Kenntnissen.

Das ist in der Tat eine sehr große Herausforderung. Technologieaffine Menschen sehen sich zunächst nicht in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die ein eher konservatives und trockenes Image hat. Aber wenn man vermitteln kann, dass es sich um herausfordernde technologische Projekte handelt, in denen sie erheblich bei der Gestaltung helfen können, kann man ihr Interesse wecken. Man muss wissen, wie man sie am besten anspricht, und da haben wir in den vergangenen Jahren im Rekrutierungsprozess viel dazugelernt.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Warum kommt es immer wieder zu Bilanzskandalen? Haben die seit Enron & Co. eingeführten gesetzlichen Regelungen nichts gebracht? Die FINANCE-Titelstory der September/Oktober 2018-Ausgabe beschäftigt sich mit diesen Fragen – hier können Sie die Ausgabe kaufen.