Newsletter

Abonnements

Hoogervorst: Vorsichtsprinzip führt zu „Keksdosenbilanzierung“

Den Griff in die
Thinkstock / Getty Images

Als der internationale Standardsetzer IASB im September 2010 im IFRS-Framework das Vorsichtsprinzip (prudence) mit den Neutralitätsprinzip (neutrality) ersetze, ging ein Aufschrei durch die Accounting-Community: Insbesondere in Ländern wie Deutschland in denen das Vorsichtsprinzip tief in der DNA verwurzelt ist, wurden die IFRSs als „imprudent“ kritisiert: Gewinne würden zu hoch, Verluste zu niedrig angegeben, lautete der Vorwurf.

Zwei Jahre später verteidigte IASB-Chef Hans Hoogervorst in einer Rede diesen Schritt: Konservative Bilanzierung würde immer auf die Kosten der Transparenz gehen. „Keksdosenbilanzierung“, so Hoogevorst, „reduziert das Vertrauen in Bilanzierung allgemein“. Dabei verweist Hoogervorst auf den Fall DaimlerChrylser: Als der Automobilbauer 1993 in den USA an die Börse ging und damit auch nach US GAAP bilanzieren musste, kamen gigantische stille Reserven zum Vorschein. „Viele fragten sich darauf hin, was andere nach HGB bilanzierende Unternehmen in ihren Bilanzen verstecken. Denn aus stillen Reserven können auch schnell stille Verluste werden“, so Hoogervorst.

CFOs betreiben Gewinnglättung

Dabei hätten CEOs und CFOs ein großes Interesse an der Gewinnglättung (Earnings Management): Bezahlung und Reputation hingen von konstant steigenden Gewinnzahlen ab. Selbst Analysten, die doch eigentlich an einer möglichst realitätsnahen Bilanzierung interessiert sein müssten, würden der Gewinnglättung wohlwollend gegenüber stehen: „Die Vorhersage von Gewinnen ist das Brot- und Buttergeschäft von Analysten. Zu viel Volalität macht dies sehr schwierig“, so Hoogervorst.

Vincent Papa, Direktor des CFA Instituts, widerspricht: „Bei einem volatilen Geschäftsmodell führen stabile Gewinne eher zu Misstrauen bei den Investoren.“ Dabei kritisiert Papa durchaus auch die eigene Zunft: „Bisher konzentrieren sich manche Investoren zu stark auf die Ergebniszahlen. Langfristig betrachtet aber bringt es nichts, wenn CFOs immer nur versuchen, den Erwartungen der Investoren gerecht zu werden anstatt über die tatsächlichen Volatilitäten zu berichten. Diese Kurzfristfixierung muss im Interesse aller ein Ende haben.“

Alles Wortklauberei?

Bei allen Diskussionen stellt sich auch die Frage, ob ein Austausch des Ausdrucks „prudence“ durch den Ausdruck „neutrality“ im Endeffekt einfach nur Wortklauberei ist. Denn sowohl Bilanzersteller wie auch Wirtschaftsprüfer orientieren sich in erster Linie an den Standards selbst. „Die grundsätzlichen Formulierungen im IFRS-Framework werden in der Praxis meist nur in Grenzfällen angewendet. Dabei steht vor einem Blick in das Framework oft sogar noch ein Blick in die US GAAP“, sagt IFRS-Experte Dr. Stefan Bischof von Ernst&Young. Und auch bei der Erstellung neuer Standards hat man den Eindruck, dass das IASB sich nicht immer an das eigene Framework hält, argumentiert Bischof: „Nicht zuletzt die gegenwärtigen Diskussionen um die Leasingbilanzierung zeigen, dass die Standards zum Teil mehr ein Kompromiss verschiedener Stakeholder darstellen, als dass sie in sich konsistent sind. Abzuwarten bleibt, welche Bedeutung das Framework in der praktischen Arbeit das Framework erlangen wird, wenn dieses insgesamt überarbeitet worden ist.“

Das CFA Institut hat sich bereits in 2007 mit der Publikation „Comprehensive Business Reporting Model“ für das Neutralitätsprinzip eingesetzt: „Bilanzierung sollte einfach die Realität abbilden. Neutralität ist besser als Vorsicht“. Für Papa ist der Wortaustausch mehr als Wortklauberei: „Die Framework-Änderung hat zu mehr Neutralität in den Standards geführt. Ein Beispiel sind hier ist die stärkere Anwendung des Fair Value Accounting.“ Dabei wünscht sich Papa, dass Unternehmen die Herleitung von Bilanz- und GuV-Zahlen im Anhang stärker als bisher erläutern: „In den Bilanzen reduziert das Management seine Schätzungen auf eine einzige Zahl. Investoren können aber viel besser mit der Veröffentlichung von Reichweiten potentieller Ergebnisse arbeiten.“ Ob dies wiederum im Interesse der CFOs ist, ist fraglich: Schon jetzt ächzen IFRS-Bilanzierer unter den unzähligen Anhangsangaben.

katharina.schlueter[at]finance-magazin.de