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Ist CSR eine Tarnung für schlechte Berichterstattung?

Der Wolf im Schafspelz: Nutzen Unternehmen ihre Aktivitäten im Bereich der Corporate Social Responsibility, um kreative Buchfühung zu verschleiern?
Thinkstock / Getty Images

Das Konzept der Corporate Social Responsibility (CSR), ein Modewort der letzten Jahren, steht häufig unter Beschuss von Links und Rechts. Während Liberale es als Weißfärbung von schändlichem Verhalten der Unternehmen ansehen, argumentieren Konservative, es handele sich dabei um eine Ablenkung vom ursprünglichen Zweck eines Unternehmens, der Schaffung von Mehrwert für die Anteilseigner.

Neue Forschungsergebnisse der Handelshochschule Leipzig könnten sich nun als das fehlende Verbindungsglied zwischen den Kritikern von Links und Rechts herausstellen: Bei der Untersuchung einer Stichprobe von 90 europäischen Blue-Chip-Unternehmen stellen die Autoren fest, dass eine negative Beziehung zwischen den CSR-Aktivitäten eines Unternehmens und der Qualität seiner Finanzberichterstattung besteht. „Firmen, die aktiver Ergebnis-Management betreiben und schlechte Nachrichten später berichten [als andere], erzielen einen höheren CSR-Wert“, so der Bericht.

Finanzvorstände sollten aufhorchen. Während die Autoren betonen, dass sich aus ihren empirischen Befunden keine festen Schlussfolgerungen ziehen lassen, bieten sie doch einige vorläufige – und potenziell weitreichende – Interpretationen: „Firmen investieren in und berichten über CSR aus opportunistischen Gründen, zum Beispiel um sozial unverantwortliche Aktivitäten oder das Eigeninteresse des Managements zu vertuschen. Daher ergibt sich ein negativer Zusammenhang zwischen CSR und der Qualität der Finanzberichterstattung.“

CSR als Reputations-Versicherung

Bezugnehmend auf einen anderen Bericht, den eine britischen NGO im Jahr 2004 veröffentlichte, nennt die HHL-Studie Shell, British American Tobacco und Coca-Cola. Diese seien Unternehmen, denen vorgeworfen werde, sich mit CSR-Aktivitäten zu brüsten, während sie gleichzeitig sozial unverantwortliches Verhalten zeigten. Die Autoren vermuten, einige dieser Unternehmen betrieben CSR lediglich als „eine Art Reputations-Versicherung“, um sich Freiräume für ihre kreative Buchführung geben zu schaffen.

Allerdings weist Marcus Salewski, Koautor und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HHL, auch auf eine weitere mögliche Interpretation der positiven Beziehung zwischen CSR-Aktivitäten und Ergebnis-Management hin: anstatt ein zu wenig an CSR zu vertuschen, könnte das Management versuchen, ein zu viel zu maskieren. Diese Beziehung könnte entstehen, wenn die Unternehmensleitung ein CSR-Engagement lohnenswert finde, obwohl dies sich negativ auf die Unternehmensleistung auswirke, so Salewski. Um eine Ärger mit den Aktionären zu vermeiden, könnte das Management dann versucht sein, die Auswirkungen durch die Aufhübschung der Unternehmensergebnisse zu verschleiern.

Die gute Nachricht für Finanzvorstände, die CSR positiv gegenüberstehen: sie brauchen sich auch dann keine Sorge um die Qualität ihrer Berichterstattung machen, wenn die vorläufigen Interpretationen der Autoren sich als wahr erweisen sollten. Es ist schlicht unmöglich, dass die kontinentalen europäischen Kapitalmärkte schlicht noch nicht reif für das Konzept sind. „Unsere Ergebnisse gelten für ‚Insider-Volkswirtschaften‘, also Volkswirtschaften mit kleineren Aktienmärkten, höhere Eigentümer-Konzentration und schwächerem Anlegerschutz“, heißt es im Bericht. In Großbritannien und den USA, wo die Transparenz tendenziell höher ist, verschwand das negative Verhältnis zwischen CSR und Qualität der Finanzberichterstattung.

steven.arons[at]finance-magazin.de