Kaufen statt Leasen: Infineon hat seinen Konzernsitz, den der Halbleiterhersteller viele Jahre geleast hat, erworben.

Infineon

20.12.16
Finanzabteilung

Neue Leasingbilanzierung: So schützen sich Konzerne vor den Folgen

Die neue Leasingbilanzierung wird die Schulden vieler Unternehmen in die Höhe treiben. Welche Großkonzerne besonders betroffen sind – und wie man die schlimmsten Folgen abfedern kann.

Wozu kaufen, wenn man es auch leasen kann? Getreu diesem Motto leasen Unternehmen seit Jahrzehnten Computer, Gebäude oder ganze Flotten. Leasing schont einerseits die Liquidität und andererseits die Bilanzkennzahlen, denn die Leasingverpflichtungen tauchen nicht in der Bilanz auf, sondern werden lediglich im Anhang erwähnt.

Ab 2019 ist es damit jedoch vorbei: Mit Inkrafttreten des neuen Bilanzierungsstandards IFRS 16 müssen Leasingschulden auf die Bilanz. Viele Unternehmen arbeiten schon jetzt mit Hochdruck daran, Ihre Rechnungslegung für den neuen Standard fit zu machen: Sie suche alle relevanten Leasingverträge zusammen, passen die IT-Systeme an und schulen Accounting-Mitarbeiter.

Worüber sich Unternehmen hingegen nicht so viele Gedanken gemacht haben, ist die Frage, wie sie die Auswirkungen der neuen Bilanzierung auf ihre zentralen Kennzahlen möglichst gering halten, hat Andreas Bonnard, Managing Director des Beratungsunternehmens Protiviti, beobachtet. Denn IFRS 16 kann bei manchen Konzernen zu Neuschulden in Milliardenhöhe auf der Bilanz führen. Zwar betonen die Unternehmen immer wieder, dass es sich nur bilanzielle Änderungen handelt, doch bei starken Änderungen ist davon auszugehen, dass Investoren und Analysten entsprechend darauf reagieren.

Telekom und Post haben Leasingverpflichtungen in Milliardenhöhe

Hierzulande ist besonders die Deutsche Telekom davon betroffen: Laut den Zahlen aus dem Geschäftsbericht 2015 liegen die im Anhang ausgewiesenen Leasingverpflichtungen bei 21,3 Milliarden Euro. Der abgezinste Betrag, der 2019 in der Bilanz ausgewiesen wird, dürfte auf jeden Fall in die Milliarden gehen.

Verpflichtungen in Milliardenhöhe finden sich auch bei der Deutschen Post (7,6 Milliarden Euro), BMW und Adidas (jeweils 2,2 Milliarden Euro), BASF (1,6 Milliarden Euro), Bosch (1,4 Milliarden Euro) und Siemens (1,1 Milliarden Euro).

Problematisch kann die neue Bilanzierung nicht nur für solche Unternehmen sein, die besonders hohe Leasingverpflichtungen haben. Auch Firmen mit verhältnismäßig niedrigen Leasingschulden können in Bedrängnis geraten, wenn sie sich in einer Krise befinden und ohnehin schon hoch verschuldet sind. 

Infineon kauft Konzernsitz, anstatt ihn zu leasen

Um Folgen auf die Kennzahlen abzufedern, sollten Unternehmen ihre Leasingverträge einer Prüfung unterziehen, empfiehlt Bonnard. „Wenn es sich um strategisch notwendige Güter handelt, kann ein Kauf sinnvoller als ein Leasing sein. In jedem Fall sollte die Lease-or-Buy Strategie auf den Prüfstand.“

Im aktuellen Zinsumfeld könnte eine Finanzierung des Kaufpreises tatsächlich günstiger kommen als die Leasingkosten. Der Halbleiterhersteller Infineon beispielsweise, der laut den 2015er Zahlen Leasingverpflichtungen in Höhe von knapp 450 Millionen Euro hat, hat seinen bisher geleasten Konzernsitz für 113 Millionen Euro erworben.

Doch nicht immer ist ein Kauf möglich. So kann die Telekom die Technikflächen auf Gebäuden, auf denen sie die Mobilfunkantennen mietet, gar nicht kaufen, wie der Konzern gegenüber FINANCE erklärte. In anderen Fällen fehlt Unternehmen schlicht das Geld, um die geleasten Gegenstände zu erwerben.

Tipp: Leasingverträge neu verhandeln

In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, den Leasingvertrag neu zu verhandeln, sagt Bonnard. So ist es in manchen Fällen möglich, die zu bilanzierenden Leasingbasisraten zu senken, wenn man vom Leasinggeber im Gegenzug eine andere Leistung bezieht. Zum Beispiel kann man die Leasingrate für eine Immobilie senken, dafür aber Reinigungsdienstleistungen einkaufen, welche allerdings nicht als Leasingverpflichtung in der Bilanz auftauchen. Ob sich der Leasinggeber auf so einen Deal einlässt, hängt allerdings vom Einzelfall ab. Hier spielt die Verhandlungsposition von Leasinggeber und Leasingnehmer eine große Rolle, so Bonnard.

Eine andere Möglichkeit könnte sein, einen revolvierenden Vertrag aufzusetzen, bei dem die Laufzeit verkürzt wird, sodass sie unter zwölf Monate fällt – dann müssen die Schulden nicht auf die Bilanz. Inwiefern das bei einem revolvierenden Vertrag erlaubt ist, muss ebenfalls im Einzelfall geprüft werden. Hier müssen sich CFOs auf eine mögliche Diskussion mit dem Wirtschaftsprüfer einstellen, denn der IFRS 16 schreibt vor, dass eine Bilanzierung unumgänglich ist, wenn der Leasinggegenstand schon geraume Zeit und auch bis auf Weiteres vom Leasingnehmer genutzt wird.

Welchen Weg die Unternehmen auch gehen – der Kapitalmarkt erwartet von den betroffenen Unternehmen ein aktives Management und eine Reduktion der Auswirkungen durch eine Restrukturierung des Leasingportfolios, ist sich Andreas Bonnard sicher. Manche Unternehmen könnten ansonsten stark unter Druck geraten.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

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