Lufthansa

26.07.16
Finanzabteilung

Pensionskosten: Rechnungszins wieder abgestürzt

Kaum hatte sich der Rechnungszins für Pensionsverpflichtungen kurz erholt, ist er im 2. Quartal 2016 wieder abgestürzt. Das reißt bei vielen Konzernen die Deckungslücken wieder auf – vor allem bei der Lufthansa.

Es war nur eine kurze Verschnaufpause: Nachdem sich der Rechnungszins für Pensionsverpflichtungen im Jahr 2015 zum ersten Mal seit langem positiv entwickelt und damit die Unternehmensbilanzen entlastet hatte, befindet er sich jetzt wieder im Sinkflug. Im 2. Quartal 2016 lag der Zins, mit dem die Pensionsverflichtungen abdiskontiert werden müssen bei 1,7 Prozent. Das Tempo der Talfahrt ist gewaltig: Ende 2015 lag er noch bei 2,5 Prozent. Diese Zahlen hat das Beratungshaus Willis Towers Watson berechnet.

Die Gründe für den niedrigen Zins, der sich an der Rendite hochwertiger Unternehmensanleihen orientiert, liegen auf der Hand: Im ersten Halbjahr 2016 gab es eine Reihe von politischen und wirtschaftlichen Faktoren, die die Renditen am Bondmarkt gedrückt haben. „Da ist zum einen die Ankündigung der EZB, Unternehmensanleihen zu kaufen“, erklärt Jürgen Fodor von Willis Towers Watson.

Auch die Tatsache, dass die US-Notenbank Fed nach wie vor keine zweite Leitzinserhöhung durchgeführt hat, strahlt auf die Zinsentwicklung in Europa aus. Ein weiterer Faktor, der zu Beginn des Jahres noch nicht abzusehen war, ist der Brexit: „Dadurch, dass der Pfund-Wechselkurs eingebrochen ist, flüchten viele in sichere Anleihen – das drückt die Renditen im Euroraum zusätzlich“, so Jürgen Fodor.

Die Deckungslücke ist wieder gestiegen

Für Unternehmen mit hohen Pensionsverpflichtungen sind das keine guten Nachrichten. Die Pensionsverpflichtungen der Dax30-Unternehmen sind den Berechnungen von Willis Towers Watson zufolge im 2. Quartal um 10 Prozent auf rund 430 Milliarden Euro gestiegen. Ihre Planvermögen, also die Vermögenswerte, die explizit für die Zahlung von Pensionsverpflichtungen reserviert sind, haben die Unternehmen allerdings kaum erhöht – sie liegen konstant bei rund 237 Milliarden Euro.

Damit hat sich der Ausfinanzierungsgrad, also das Verhältnis von Planvermögen zu Pensionsverpflichtungen, innerhalb von nur sechs Monaten dramatisch verschlechtert: Lag er vor einem halben Jahr bei den Dax-Unternehmen noch bei 65 Prozent, ist er jetzt auf 55 Prozent gesunken. Ähnlich sieht die Lage bei den MDax-Unternehmen aus: Die Pensionsverpflichtungen sind um rund 10 Prozent auf 67 Milliarden Euro gestiegen, deren Ausfinanzierungsgrad um knapp 5 Prozentpunkte auf 41,5 Prozent gesunken.

Lufthansa operiert auf dünnem Eis

Das hat handfeste Folgen für die Bilanzen von Unternehmen, die hohe Pensionslasten vor sich her schieben. Beispiel Lufthansa: Obwohl die Airline im ersten Halbjahr einen bereinigten operativen Gewinn (Ebit) von rund 530 Millionen Euro eingeflogen hat, brach die Eigenkapitalquote von Ende Dezember bis Ende Juni von 18 auf 10,4 Prozent ein. Dies geht allein auf den Rechnungszins zurück, der sich bei der Lufthansa von 2,8 auf 1,6 Prozent verschlechterte.

Obwohl die Kerosinkosten sich in den vergangenen zwei Jahren nahezu halbiert haben, operiert die Lufthansa, die gerade einen Wechsel auf der CFO-Position vollzieht, mit der Eigenkapitalquote auf sehr dünnem Eis. Ein weiterer Rückgang des Rechnungszinses könnte die Bilanzrelationen vollends aus dem Lot geraten lassen.

Dax-Unternehmen schießen über 10 Milliarden Euro in Pensionskassen

Viele Unternehmen wissen sich nicht mehr anders zu helfen, als immer wieder Geld in ihre Pensionspläne nachzuschießen. Zusammengerechnet haben Willis Towers Watson zufolge alle Dax30-Unternehmen ihre Pensionskassen im Jahr 2015 mit rund 10 Milliarden Euro gestützt – am stärksten Daimler mit rund 2 Milliarden Euro und RWE mit rund 1,6 Milliarden Euro. Mit einigem Abstand dahinter folgt BMW mit 900 Millionen Euro. In diesem Jahr kündigte die Deutsche Post die Emission von zwei Anleihen über 1,25 Milliarden Euro an, die in erster Linie dazu dient, einen Pensionskassenzuschuss in Höhe von 1 Milliarde Euro zu refinanzieren.

Ob und wann  sich der Rechnungszins erholt, ist momentan noch völlig unklar. „Die Nervosität in den Märkten durch den Brexit ist und bleibt ein Risikofaktor“, sagt Pensionsexperte Fodor. Schützenhilfe könnte allenfalls aus den USA kommen, falls die Fed die Leitzinsen in der zweiten Jahreshälfte doch noch erhöhen sollte. Dies hätte auch Signalwirkung für den Eurobondmarkt – vor allem in Kombination mit langsam ansteigenden Inflationsraten, wie sie für den Herbst in der Eurozone erwartet werden.

Allein: Wegen des anstehenden Präsidentschaftswahlkampfes in den USA halten die meisten Marktbeobachter es für unwahrscheinlich, dass die Fed an der Zinsschraube dreht – historisch gesehen hat sie sich in Wahlkampfzeiten meistens in Zurückhaltung geübt. Bleibt als Hoffnungsträger der CFOs noch die EZB: „Das Beste wäre, die EZB würde kein weiteres Quantitative Easing mehr beschließen“, resümiert Fodor.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de