Sascha Duis

12.06.12
Finanzabteilung

Von wegen unabhängig

„Prüfungsausschuss und Abschlussprüfer sind ein Tandem“ titelten SAP-CFO Werner Brandt und KPMG Chairman Rolf Nonnenmacher am 11. Juni in der F.A.Z. Dazu gaben sie dem Leser gleich noch zehn „praxiserprobte Handlungsprinzipien“ an die Hand, die die Unabhängigkeit der Prüfer sicherstellen sollen. Doch diese sind viel zu unverbindlich.

Lieber Herr Brandt, lieber Herr Nonnenbacher, mit Verlaub, Ihr Artikel ist aus Ihrer Interessenslage heraus zwar verständlich, ansonsten aber sehr ärgerlich. Das fängt schon mit dem Titel an. Prüfungsausschuss und Abschlussprüfer als Tandem. Wenn hier irgendwer ein Tandem bildet, dann Sie beide: der CFO und sein Wirtschaftsprüfer. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Sie gemeinsam einen Artikel verfassen.

Es wäre in der Tat schön, wenn statt dem CFO der Prüfungsausschuss mit dem Wirtschaftsprüfer ein Tandem bilden würde. Das würde dem Prüfer mehr Unabhängigkeit vom Vorstand bescheren, dem Vorstand mehr Anreiz zu sauberer und nachhaltiger Arbeit und dem Unternehmen auf lange Sicht mehr Rechtssicherheit bei besserer Performance. Tatsache ist aber: Der Wirtschaftsprüfer ist nicht unabhängig, gerade weil er kein Tandem mit dem Prüfungsausschuss, sondern mit dem CFO bildet. Letzterer entscheidet in der Praxis über die Bestellung des Prüfers, denn bei der WP-Auswahl greift der Aufsichtsrat in aller Regel auf die Empfehlungen des CFOs zurück. Der Ausschuss hat schlicht und ergreifend nicht die Kapazitäten und Kompetenzen, eine umfassende Ausschreibung durchzuführen, geschweige denn die Leistung der Prüfer vor Ort zu beurteilen. Und egal wie häufig sich Prüfungsausschuss und Abschlussprüfer auch treffen mögen: Erster Ansprechpartner ist und bleibt der CFO mit seinem Team.

Damit ist auch klar: Nur wer gemeinsame Interessen hat, bildet ein „Tandem“. Dass dies ausgerechnet Prüfer und CFO sein sollen, ist nur mit Monopolgewinnen auf der einen und Kurzsichtigkeit auf der anderen Seite zu erklären. Die Big-Four-Lobby wehrt sich gegen Vorschläge der EU-Kommission, mit denen die Unabhängigkeit der Prüfer wirklich verbessert würde. Denn mit einem verpflichtenden Joint Audit, einer Zwangsrotation, einer Aufspaltung der Gesellschaften in Prüfungs- und Beratungsunternehmen oder gar einer staatlichen Vergabe von Prüfungsaufträgen wäre das Geschäftsmodell der Big Four gefährdet. Die CFOs wehren sich, weil sie fürchten, dass auf sie mehr Arbeit zukommen würde. Außerdem würde die komfortable Symbiose (vgl. Finance-Titelgeschichte Juni 2011) zwischen CFO und Wirtschaftsprüfer gelockert.

In dieser Gemengelage sind Ihre zehn Vorschläge ganz nett und falls SAP sie tatsächlich befolgen sollte, wäre das auch eine gute Sache. Für die meisten Unternehmen aber sind sie viel zu unverbindlich. CFOs übersehen dabei aber, dass ein wirklich unabhängiger Wirtschaftsprüfer zwar unbequemer wäre, ihnen aber vor dem Hintergrund wachsender Haftungsrisiken und einer immer strategischeren Funktion im Unternehmen auch stärker als bisher den Rücken freihalten würde. Es ist daher ärgerlich, dass die aus der Finanzkrise resultierenden Versuche, die Unabhängigkeit der Prüfer zu stärken, immer tiefer in der Schublade verschwinden. Ihr Artikel bringt uns leider ein Stück weiter in diese Richtung. Aus KPMG-Perspektive ist das eine gute Sache. Aus CFO-Perspektive nicht.   

katharina.schlueter[at]finance-magazin.de