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Die Risiken der US-Geldpolitik

US-Notenbankchef Ben Bernanke: In Fort Knox lagert nichts als Vertrauen. Bernanke setzt es aufs Spiel, meint Investorenlegende Bill Gross.
Getty Images

In seiner berühmten „Helikopter-Rede“ aus dem Jahr 2002 hat Ben Bernanke das skizziert, was er heute als Chef der US-Notenbank verfolgt: „Ebenso wie Gold sind US-Dollar nur wertvoll, weil ihr Angebot streng limitiert ist. Doch die US-Regierung verfügt über ein technologisches Mittel, das auch als Druckmaschine bekannt ist. Diese ermöglicht ihr eine Herstellung von US-Dollars in jeder gewünschten Menge, im Grunde kostenfrei.“

Bernanke ging nie weiter darauf ein, was er unter „kostenfrei“ verstand. Vielleicht wusste er etwas, das den meisten Menschen immer noch nicht bewusst ist: dass die quantitative Lockerung – der Kauf von US-Staatsanleihen und Hypothekenpapieren – tatsächlich kostenfrei ist. Aber wie ist es möglich, dass die Fed oder die EZB oder jede andere Notenbank mit dem Drucken von „elektronischem Geld“ im Umfang von mehreren Billionen Dollar und dessen Verteilung mithilfe elektronischer Helikopterflüge davonkommt?

Die Fed versichert: „Vertraut mir!“

Nun, die Antwort liegt auf der Hand: Die Notenbanken finden einen Weg. Wenn die Fed nun jeden Monat Schecks in Höhe von 85 Milliarden US-Dollar ausstellt, um US-Staatsanleihen und Hypotheken zu erwerben, sind diese tatsächlich nicht durch entsprechende Rücklagen in der „Bank“ gedeckt. Angeblich sind sie durch mehrere Billionen Dollar an „Goldzertifikaten“ gesichert, die einen Anspruch auf die geheimen Reserven in Fort Knox darstellen.

In Wirklichkeit befindet sich dort jedoch nichts als Vertrauen. Banken bekommen für Staatsanleihen, die sie  an die Fed veräußern, eine „Gutschrift“ auf ihren Fed-Konten, die als „Reserven“ bezeichnet wird. Die Fed versichert: „Vertraut mir, wir werden Eure Reserven stets achten“, und dies tun die Banken auch, ebenso wie die Unternehmen und einfachen Bürger den Banken vertrauen. Und so umfasst das US-Finanzsystem 54 Billionen Dollar an Krediten, basierend auf dem Vertrauen in eine Notenbank, die nichts in ihrem Tresor hat, um sie zu decken. Erstaunlich!

Die Fed finanziert 80 Prozent des US-Staatsdefizits

Dies ist jedoch noch nicht das Ende der Geschichte. Worauf sich Bernanke mit seinem „im Grunde kostenfrei“-Kommentar bezogen haben könnte, ist die Tatsache, dass die Fed und andere Notenbanken (wie die Bank of England), die Zinszahlungen, die sie auf die gekauften US-Treasuries und britischen Gilts erhalten, in Wirklichkeit den Regierungen zurückzahlen.

Im Moment beläuft sich diese jährlich von der Fed an Washington überwiesene Summe auf über 100 Milliarden Dollar – ein Betrag, um den das Finanzministerium das Defizit verringern kann. Wenn die Fed also jährlich Treasuries und Hypotheken im Wert von einer Billion US-Dollar erwirbt, was derzeit der Fall ist, finanziert sie letztlich 80 Prozent des Defizits kostenfrei. Besser kann es nun wirklich nicht laufen –Money for nothing, debt for free.

Wie die Südseeblase im 18. Jahrhundert

Viele Anleger, Bürger und Finanzprofis werden sich nun fragen, warum so viel Aufhebens um die Fiskalklippe und die steigende US-Verschuldung gemacht wird. Wenn ein Land in der Lage ist, Schuldverschreibungen zu begeben, diese anschließend an die Zentralbank zu verkaufen und sich die geleisteten Zinszahlungen zurückerstatten zu lassen, worüber sollte man sich dann noch Sorgen machen?

Nun, schlussendlich nehmen staatliche Finanzierungsmechanismen wie die heutigen QEs oder die Südseeblase im England des frühen 18. Jahrhunderts stets ein schlechtes Ende. Damals glaubten die britische Regierung und die Anleger, dass sie den Schlüssel zum ewigen Wohlstand entdeckt hätten: die „im Grunde kostenfreie“ Schuldenfinanzierung. Zwar konnte der Urheber des Plans, der Schotte John Law, damals noch keinen Helikopter ersinnen, wie Bernanke es 300 Jahre später tat, das Konzept war jedoch dasselbe: das Ausstellen kostenfreier Schecks.

Sogar Unternehmen investieren lieber in Papier

Und doch muss John Law – ebenso wie Ben Bernanke – aufgrund seines gesunden Menschenverstands gewusst haben, dass nur die Luft umsonst ist und somit „im Grunde kostenfrei“. Der künftige Preis für das Drucken von Schecks sind Inflation und Abwertungen der Währungen, entweder gegenüber anderen Währungen oder weniger unbegrenzten Rohstoffen wie Öl oder Gold.

Und die Notenbanken könnten auf noch mehr negative Überraschungen stoßen, wenn sie sich in die Höhle der quantitativen Lockerungen und des „im Grunde kostenfreien“ elektronischen Druckens von Geld begeben. Während die Inflationsdrachen 2013 voraussichtlich noch nicht Feuer speien werden, lauern sie in den darauffolgenden Jahren, auf deren Basis die Renditen langlaufender Anleihen berechnet werden. Investoren sind gut beraten, langlaufende Anleihen zu meiden.

Hinzu kommt: Nullzinsen, quantitative Maßnahmen und das „im Grunde kostenfreie“ Ausstellen von Schecks zerstören finanzielle Geschäftsmodelle und erschweren Anlageentscheidungen, die zunehmend mit geringeren Anlagen- und Eigenkapitalrenditen einhergehen. Der Kauf von „Papier“-Assets anstelle von Investitionen in materielles, produktives Anlagevermögen dürfte zur bevorzugten Variante der Unternehmen werden.

Bernankes Traum von einem wirtschaftlichen Aufschwung mit wieder höheren Zinserträgen für die Anleger, ist vielleicht nicht mehr als eine unerreichbare theoretische Hoffnung. Ein zweites Japan sind die USA nicht, ebenso wenig wie Euroland oder Großbritannien – noch nicht. Doch das „kostenfreie“ Ausstellen von Schecks beinhaltet Kosten und wird sich nicht auf ewig fortsetzen lassen.

Info

Bill Gross ist Gründer und Co-CIO des zur Allianz-Gruppe gehörenden Assetmanagers Pimco und zählt zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Bondinvestoren der Welt. Gross wurde von der Ratingagentur Morningstar als „Fixed Income Manager of the Decade 2000-2009“ ausgezeichnet und ist Autor des Buches „Everything You’ve Heard About Investing is Wrong“. Pimco verwaltet Anlagegelder in Höhe von 1,5 Billionen Euro.

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