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Emerging Markets: Weltbank und IWF warnen vor Destabilisierung

Die Weltbank warnt: Braut sich gerade eine neue Asienkrise zusammen?
Thinkstock / Getty Images

Asien boomt weiter, doch die Details der aktuellen Wirtschaftsdaten der Region erinnern kritische Beobachter an die Entwicklung im Vorfeld der Asienkrise von 1997/98. Denn inzwischen fließen wieder erhebliche Mengen spekulativen Kapitals nach Südostasien, und das berühmte „Hot Money“ übt immer mehr Druck auf die Schutzdämme auf, die die Politiker und Zentralbanker der Tigerstaaten gegen den Aufwertungstrend ihrer Währungen errichtet haben, um ihre Exportindustrie zu schützen. 

So beschleunigen sich die Kapitalzuflüsse nach Südostasien dramatisch. Zwischen 2010 und 2012 stiegen sie im Schnitt um 7,4 Prozent des BIP, in den drei Jahren davor waren es nur 1,7 Prozent gewesen. Ein Grund ist die gute wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder – auch für 2013 und 2014 rechnet die Asiatische Entwicklungsbank für die 45 asiatischen Schwellenländer mit Wachstumsraten von mehr als 6 Prozent. Aber auch die lockere Geldpolitik in Europa, Japan und den USA in Verbindung mit den rekordniedrigen Zinsen lässt das weltweite Kapital in die Emerging Markets fließen. „Im Moment sucht sich viel Geld aus Japan eine neue Heimat, auch in Ostasien“, hat Markus Ackermann, Asienexperte bei HSBC Global Asset Management, beobachtet.

Weltbank: „Geld fließt mit voller Wucht nach Asien“

Der wirtschaftliche Boom der vergangenen Jahre hat die Schwellenländer inzwischen verwundbar gemacht, warnt die Weltbank. Die Lücke zwischen Kapazitäten und Produktion sei inzwischen geschlossen, damit wächst die Inflationsgefahr. „Die Inflation dürfte zulegen, denn Geldströme fließen weiter mit voller Wucht nach Ostasien“, warnt der Chefökonom der Weltbank für Ostasien und den Pazifikraum, Bert Hofman. Der IWF sieht auch das an Fahrt aufnehmende Kreditwachstum mit wachsender Sorge, wie er vor wenigen Tagen seinen Asienchef Anoop Singh ausrichten ließ.

Die Weltbank rät den betroffenen Ländern dringend, die Zinsen zu erhöhen und die nachfrageorientierte Politik zu beenden. Sonst ließen sich Anlageblasen und ein Kreditboom nicht vermeiden. Genau diese beiden Faktoren waren es auch, die nach langen Jahren mit hohen Kapitalzuflüssen 1997 die Volkswirtschaften der Tigerstaaten Thailand, Indonesien und Südkorea zum Überhitzen brachten. Als die ausländischen Investoren nach ersten Berichten über Schieflagen  im Bankensystem ihre Gelder schlagartig abzogen, gerieten diese Länder an den Rand des Zusammenbruchs und mussten mit 85 Milliarden US-Dollar vom IWF gerettet werden. In den USA gerieten Hedgefonds wie LTCM in Schieflage, das Weltfinanzsystem stand kurz vor einem Dominoeffekt.

Der große Unterschied zu damals liege jedoch in der viel geringeren Verschuldung, sagt Ackermann im Interview bei FINANCE-TV: „Heute haben die Tigerstaaten ihre Schulden im Griff, und die Kapitalmärkte sind auch viel größer als damals.“ Dies reduziere das Risiko, dass sich wieder so ein Flaschenhalseffekt wie 1997 bildet, der damals die Märkte der Region in die Tiefe riss.

Kommen jetzt die Kapitalverkehrskontrollen?

Deutschen Unternehmen, die ihr Geschäft in den Schwellenländern forcieren, droht aber nicht nur dann Ungemach, wenn die regionalen Märkte kollabieren sollten. Bevor es dazu kommt, könnten die Tigerstaaten versuchen, mit Kapitalverkehrskontrollen das Hot Money abzudrängen. Sondersteuern auf Devisengeschäfte wären eine Möglichkeit. Brasilien jedoch ist damit gerade erst gescheitert. Unter anderem weil neben den gefürchteten Portfolio- auch die ausländischen Direktinvestitionen ausblieben, brach das Wirtschaftwachstum 2012 auf 1 Prozent ein – 2010 war Brasilien noch mit 7,5 Prozent gewachsen, 2011 mit 2,7 Prozent  Auch die Extrasteuer, die die thailändische Regierung 2010 ausländischen Investoren aufbrummte, hatte nur bescheidenen Erfolg, findet Ackermann. „Den Aufwertungsdruck vom thailändischen Baht hat das nicht weggenommen.“

Daher hält der Emerging-Markets-Kenner es auch für unwahrscheinlich, dass andere Länder der Region dem chinesischen Vorbild nacheifern und Kapitalverkehrskontrollen einführen werden. „Die Region ist viel zu tief in den Welthandel integriert, mit Kapitalverkehrskontrollen würde sich Asien ins eigene Fleisch schneiden.“ Auch der frühere Chefökonom und Wechselkursstratege der Zentralbank Singapurs Chia-Liang Lian, hat vor wenigen Tagen im FINANCE-Interview die Gefahr der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen relativiert. Lian rechnet sogar eher mit einer weiteren Öffnung der Kapitalmärkte der Region. 

Für deutsche Finanzabteilungen steht bei dem aktuellen Ringen zwischen den Großinvestoren und den Asiaten einiges auf dem Spiel. Für sie hätte es gravierende Folgen, wenn sie nur noch eingeschränkt Gelder aus den Schwellenländern abziehen könnten. Bei vielen Unternehmen müssten dann ganze Cashpools neu aufgesetzt werden.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de 
    

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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