Newsletter

Abonnements

Indien: Schwächelnde Unternehmen, schlechtere Zahlungsmoral

Etwas mehr als einen Monat ist es her, dass das letzte Flugzeug der indischen Kingfisher Airlines vom Boden abgehoben hat. Am 20. Oktober entzog die Regierung dem früheren Vorzeigeunternehmen die Lizenz, nachdem das Management es nicht geschafft hatte, einen brauchbaren Sanierungsplan auszuarbeiten. Nun haben die Verantwortlichen – angeführt von Gründer Vijay Mallya – bis Dezember Zeit, einen neuen Plan zu entwerfen, der die Zukunft der bis vor Kurzem zweitgrößten indischen Fluglinie sichern soll. Die Prognosen sind nicht gut.

Mit seinen Negativschlagzeilen ist Kingfisher Airlines in bester Gesellschaft: Auch der Windkraftgigant Suzlon, die Nummer sieben der Welt, kämpft seit geraumer Zeit mit schwachen Ergebnissen und schwindenden Finanzierungsmöglichkeiten. Ende Oktober verabschiedete der Konzern Pläne, um seine Schulden langfristig in den Griff zu bekommen. Wird bei Suzlon der Kern des Problems noch in der allgemeinen Branchenkrise verortet, kann davon bei Kingfisher allerdings keine Rede sein. Der Fall ist symptomatisch für vieles, das aktuell in Indien passiert: Bürokratie, hohe Gebühren und eine erdrückende Steuerlast treiben die Fluggesellschaften in die Krise.

Das Land, das noch vor nicht allzu langer Zeit gemeinsam mit China als Zugpferd und Symbol für den Aufschwung ehemaliger Schwellenländer stand, schreckt mit politischem Stillstand nicht nur immer mehr ausländische Investoren ab – chaotische Strukturen führen auch dazu, dass einheimische Unternehmen immer mehr Zahlungsausfälle verbuchen müssen: Nach Informationen des „Atradius Zahlungsmoralbarometers“ müssen Indiens Firmen im Moment 7 Prozent ihrer Forderungen abschreiben. Vor allem bei Zahlungen aus dem Ausland führen ineffiziente Bankensysteme zu permanenten Verzögerungen. 

Aber auch wenn die Konjunkturdaten der BRICS-Staaten deutlich eingebrochen sind, gibt es nach wie vor Signale, die hoffnungsvoll stimmen. Allen Unkenrufen zum Trotz prognostiziert die HSBC, dass Indien in den kommenden Jahrzehnten neben China und Vietnam als Hauptwachstumstreiber die europäische Wirtschaft ankurbeln wird. Und wenngleich sich die in der jüngeren Vergangenheit sprunghaft angestiegenen Wachstumsraten langsam in Richtung Normalniveau orientieren, liegen sie immer noch deutlich über den meisten Trends aus Europa und Nordamerika. Für einen Abgesang ist die Datenlage doch noch etwas dürftig.

Anders dürfte das bei Kingsfisher Airlines sein, deren Ende nach allgemeiner Überzeugung nur noch eine Frage der Zeit ist. „Wenn Sie die Grab-Inschrift schon verfassen wollen, kann ich Sie daran nicht hindern“, ließ sich Kingfisher Airlines-Gründer Vijay Mallya trotzig zitieren – in weiser Voraussicht offenbar, das Zitat datiert aus dem Frühjahr.

sarah.nitsche[at]finance-magazin.de