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Kehrt der Protektionismus zurück?

Brasilien leidet besonders unter der Liquiditätsschwemme aus den Industrieländern - und wehrt sich.
Thinkstock / Getty Images

Das Quantitative Easing geht weiter: Die Bank of Japan hat heute angekündigt, ihren aggressiven Kurs in der Geldpolitik fortzusetzen. Auch von US-Notenbankchef Ben Bernanke, der später am Nachmittag vor dem amerikanischen Kongress sprechen wird, erwarten Beobachter keine Straffung der US-Geldpolitik. Das hat Folgen für den Wechselkurs dieser Länder und den freien Kapitalverkehr.

„Wir befinden uns inmitten eines internationalen Währungskriegs.“ Das sagte der brasilianische Finanzminister Guido Mantega bereits im Oktober 2010. Seitdem die Notenbanken der Industrieländer mit einer extrem lockeren Geldpolitik versuchen, der einheimischen Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen, steht das martialische Wort im Raum. Denn die QE-Programme der Fed, Bank of England und EZB haben auch über die Landesgrenzen hinweg Folgen: Die Zinsen in diesen Ländern sinken, Kapital fließt ab und auch die Währungen verlieren an Wert.

Das ist zwar nicht das erklärte Ziel der Anleihekaufprogramme, doch die Zentralbanken nehmen zumindest billigend in Kauf, dass Dollar und Pfund an Wert verlieren. „Die Abwertung der Währungen ist sicherlich ein willkommener Nebeneffekt, um den Export dieser Länder anzukurbeln“, meint Marco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank.

In Japan geht die Geldpolitik aber noch einen Schritt weiter: Hier ist die Wechselkurssteuerung seit einigen Wochen mehr als nur ein schöner Nebeneffekt. Sie ist erklärtes Ziel des im Dezember 2012 angetretenen Ministerpräsidenten Shinzo Abe. Er kündigte an, den Wechselkurs des Yen zu drücken, um der seit Jahren stagnierenden Wirtschaft Auftrieb zu verleihen und die Deflation in den Griff zu bekommen. Abe setzte die Bank of Japan so unter Druck, dass diese ihr Inflationsziel auf zwei Prozent verdoppelte und Anfang April bekannt gab, unbegrenzt Staatsanleihen ankaufen zu wollen, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Ankündigung ist zumindest für den Moment erfolgreich. Nachdem der Yen aufgrund permanenter Leistungsbilanzüberschüsse jahrelang gegenüber fast allen international wichtigen Währungen zugelegt hatte, verliert er seit Oktober deutlich an Wert: Damals bekam man für 1 US-Dollar noch 78 Yen, heute sind es bereits 98.

Schwellenländer leiden unter erratischen Kapitalströmen

Die „Leidtragenden“ der Liquiditätsschwemme sind allen voran die Schwellenländer. Das im Westen geschöpfte Geld fließt vor allem in aufstrebende, schnellwachsende Märkte wie Brasilien oder Südkorea und löst dort zum Teil kräftigen Aufwertungsdruck aus. Das Schlimme daran: Die Kapitalströme und Währungsschwankungen werden immer erratischer. Zahlen des Institute of International Finance (IIF) zufolge wurden 2008, als die Risikoaversion im Zuge der Lehman-Pleite besonders hoch war, Portfolioinvestitionen im Volumen von netto 121 Milliarden US-Dollar aus den Schwellenländern abgezogen. Zwei Jahre später hatten diese Länder mit einem Nettozufluss von 91 Milliarden US-Dollar zu kämpfen.

Diese Volatilität hat einen zerstörerischen Charakter. Immer mehr Länder reagieren darauf mit Wechselkursstabilisierungen – sei es durch direkte Interventionen, durch Wechselkursbindungen oder durch Kapitalverkehrskontrollen: Brasilien hat eine Sondersteuer auf Devisengeschäfte eingeführt und steuert den Wechselkurs zum US-Dollar – ähnlich wie China – in einer engen Bandbreite. Venezuela hat seine Landeswährung Bolivar im Februar um satte 32 Prozent gegenüber dem US-Dollar abgewertet. Auch Südkorea, dessen Währung Won bisher relativ frei dem Wechselspiel der Marktkräfte überlassen war, denkt inzwischen offen über eine Finanztransaktionssteuer nach. Und selbst der IWF, sonst bekannt als Hohepriester des freien Kapitalverkehrs, schreibt in einem Report vom vergangenen November, dass es für Länder mit heftigen Kapitalzuflüssen und -abflüssen sinnvoll sein könne, Kapitalverkehrskontrollen einzuführen.

Auch der Euro ist seit dem vergangenen Sommer wieder unter Aufwertungsdruck geraten – nachdem er zuvor lange an Wert verloren hatte. EZB-Chef Mario Draghi hat mit seinem Versprechen, alles zu tun, um die Gemeinschaftswährung zu retten, das Vertrauen der Anleger zurückgewonnen. Rufe nach einem Eingreifen der EZB ließen nicht lange auf sich warten und sie kamen erwartungsgemäß aus Ecken der Union, in denen es wirtschaftlich nicht so gut läuft. Im Februar forderte der französische Präsident Francois Hollande die EZB auf, aktiv gegen die Aufwertung des Euros vorzugehen.

Abwertungswettlauf kennt langfristig nur Verlierer

All diese Entwicklungen setzen Fragezeichen hinter das vom Westen proklamierte System freier (Kapital)märkte. Denn ein möglicher Abwertungswettlauf kennt langfristig nur Verlierer: Wenn Zentralbanken mit immer neuen Anleihekaufprogrammen ihre Bilanzen aufblähen, steigen zumindest mittelfristig auch die Inflationserwartungen. Damit schmilzt der durch die Abwertung künstlich erzeugte Wettbewerbsvorteil für Exporteure wieder dahin. Nur wenn die nominale Abwertung schneller ist als der Preisnachteil, dann haben Unternehmen einen Vorteil, wenn sie ihre Güter ins Ausland verkaufen.

„In diesem Spiel verliert die Zentralbank, die als erste an ihre Geldschöpfungsgrenze stößt“, meint Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte bei der Commerzbank. Da die Leitzinsen vielerorts bereits nahe der Nullmarke notieren und auch die Besicherungsregeln für den Ankauf von Wertpapieren nicht mehr beliebig gelockert werden können, bleiben den Zentralbanken nur noch direkte Eingriffe auf dem Devisenmarkt, um ihre Währung abzuwerten: Entweder durch den Kauf ausländischer Staatsanleihen oder eben durch Kapitalverkehrskontrollen. Eine Spirale aus Abwertung, Inflation und Protektionismus könnte die Folge sein. „Im schlimmsten Fall steht die Weltwirtschaft am Ende mit höheren Inflationsraten und mehr Kapitalkontrollen dar“, so Leuchtmann.

Ein Regime fester Wechselkurse könnte theoretisch helfen aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Ein fixer Wechselkurs reduziert die Risiken im Außenhandel und im Kapitalverkehr und schafft für Unternehmen zumindest vordergründig Planungssicherheit. Transaktionskosten für den internationalen Handel und Kapitalverkehr sinken, da Währungsrisiken nicht abgesichert werden müssen. Allerdings erfordert ein solches System geldpolitische Disziplin. Das Land verliert seine Autonomie, da die Zentralbank ihren Leitzins steuern und am Devisenmarkt intervenieren muss, um den Wechselkurs zu halten. Das ist vor allem dann von Nachteil, wenn zeitweilig eine andere Geldpolitik erwünscht wäre, um interne Ziele wie Wachstum und Inflation zu steuern.

Doch ist ein System fester Wechselkurse in der heterogenen Welt überhaupt denkbar? Welche Konsequenzen hätte die Rückkehr des Protektionismus für Unternehmen? Den vollständigen Artikel lesen Sie in der aktuellen Printausgabe von  FINANCE.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

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