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Korea-Krise: Deutsche Industrie fürchtet um Standort Korea

Eine Eskalation der Korea-Krise könnte auch für die deutsche Industrie gravierende Folgen haben.
Thinkstock / Getty Images

Solange Kaesong noch läuft, ist nichts passiert, sagten die Südkorea-Kenner. In Kaesong befindet sich der gemeinsam von Nord- und Südkorea betriebene Industriepark, in dem über 50.000 Nordkoreaner für über 120 südkoreanische Firmen arbeiten und dem Regime in Pjöngjang dringend benötigte Devisen einbringen. Seit gestern gilt dieses Mantra nicht mehr. Kaesong ist geschlossen, hunderte Südkoreaner sind jenseits des 38. Breitengrads eingeschlossen.

„Der Industriepark Kaesong galt als Lackmustest“, bestätigt Norman Langbecker vom Ostasienverein der Deutschen Wirtschaft (OAV). Bis vorgestern war die Produktion in dem Industriekomplex allem Säbelrasseln des Nordens zum Trotz ungestört weiter gelaufen, kaum jemand rechnete mit dem Eintreten des Ernstfalls. „Bislang waren alle Schritte des Regimes, selbst wenn sie in Richtung Eskalation zielten, auch immer auf den Selbsterhalt ausgerichtet“, sagt Langbecker, der mit Kennern der Lage gesprochen hat.

Deutsche Industriestandorte in Südkorea gefährdet

Doch jetzt dreht sich die Eskalationsspirale immer weiter. Anfang 2013 hatte Kim Jong Un noch leichte Signale zur Öffnung des Landes nach chinesischem Vorbild gegeben. „Das hat sich nicht bestätigt“, bilanziert Langbecker jetzt.

Damit müssen auch deutsche Konzerne um ihre Standorte und Tochtergesellschaften in Südkorea zittern. Rund 35 bis 40 deutsche Konzerne aus dem produzierenden Gewerbe sind in Südkorea mit Tochtergesellschaften bzw. eigenen Produktionsstätten präsent. Es handelt sich um Unternehmen der Dax-Liga wie BASF und Daimler, dem großen deutschen Mittelstand mit Maschinen- und Anlagenbauern oder Chemie/Pharma-Unternehmen wie Voith, B. Braun Melsungen und Helm, aber auch Autozulieferer wie Bosch und Leoni .

Rund 200 deutsche Unternehmen unterhalten in Südkorea geschäftliche Aktivitäten. „Das deutsche Engagement in Südkorea ist verhältnismäßig groß im Vergleich zum Volumen Chinas“, sagt Norman Langbecker. „Südkorea ist wichtig für die deutsche Wirtschaft.“ Sollte die militärische Situation auf der koreanischen Halbinsel tatsächlich eskalieren, dürfte das die deutsche Industrie empfindlich treffen.

Auch, weil insbesondere im Elektronikbereich wichtige Lieferketten in Südkorea in Schwung gehalten werden. So kommen mit Samsung und Hynix zwei der größten Halbleiterhersteller der Welt aus Südkorea. Schon die Überschwemmung in Thailand, wo ein Großteil der Festplattenhersteller sitzt, hatte vor einigen Jahren für erhebliche Lieferengpässe  und explodierende Komponentenpreise gesorgt.

Enge Vernetzung zwischen Berlin und Seoul

Korea ist außerdem der drittwichtigste Abnehmer der deutschen Wirtschaft in Asien nach China und Japan und liegt auf Rang 19 der größten Abnehmerländer deutscher Waren und Dienstleistungen weltweit. Die Gesamtexporte nach Südkorea stiegen 2012 um 15 Prozent auf rund 13,4 Milliarden Euro. Die deutschen Importe sanken leicht, so dass der deutsche Außenhandelsüberschuss mit Südkorea bei rund 5 Milliarden Euro liegt.

Für Südkorea, siebtgrößte Exportnation der Welt, ist Deutschland der wichtigste Handelspartner in Europa. Besonderes Gewicht haben die Autohersteller Hyundai-Kia, der Elektronikriese Samsung sowie die Schiffsindustrie. Der Warenaustausch zwischen EU und Südkorea hat von dem seit 2011 geltende Freihandelsabkommen enorm profitiert, für die kommenden Jahre sagen Ökonomen einen weiteren deutlichen Anstieg des Handels mit Korea voraus – unter der Voraussetzung, dass die politische Lage nicht außer Kontrolle gerät.

Und Südkorea nimmt auch eine weitere wichtige strategische Funktion für die deutsche Industrie ein: Da weitere Freihandelsabkommen mit China, Australien und Japan im Gespräch sind, könnte Korea, in das 2010 laut Bundesbank deutsche Direktinvestitionen in Höhe von 6 Milliarden Euro flossen, einen wichtigen Brückenkopf bilden. Beim Korea-Konflikt steht für die deutsche Exportwirtschaft eine Menge auf dem Spiel.

marc-christian.ollrog[at]finance-magazin.de