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Made in America: Comeback der US-Industrie

Der Energiepreisvorteil in den USA wird zu einem
Björn Gergen

Extrem billiges und reichhaltig vorhandenes Erdgas sorgt in den USA für eine Wiederauferstehung der Industrieproduktion. Möglich macht das vor allem die Förderung unkonventioneller Erdgaslagerstätten durch sogenanntes Fracking. Seitdem die Fördertechnik im Jahr 2005 aus dem Trinkwasserschutzgesetz herausgenommen wurde ist die Schiefergasproduktion in die Höhe geschnellt: von vormals 4 Prozent auf inzwischen rund ein Viertel der gesamten US-Gasförderung – mit drastischen Folgen für den Energiemarkt: Der Erdgaspreis ist selben Zeitraum um durchschnittlich 24 Prozent gesunken, und das Jahr für Jahr. Noch 2008 lagen die Notierungen für eine Million British Thermal Unit (Btu), einer gängigen Einheit für Erdgas, in der Spitze bei mehr als 13 US-Dollar. Im vergangenen Jahr sind sie zwischenzeitlich auf unter 2 US-Dollar gefallen – Preise, von denen europäische Kunden nur träumen können.

„Derzeit bezahlen wir in Europa für Erdgas etwa viermal so viel wie in den USA“, sagt Hans-Ulrich Engel, Finanzvorstand des weltgrößten Chemiekonzerns BASF. Nach Schätzungen der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) wird Erdgas in den USA über Jahre hinaus zwischen 50 und 70 Prozent günstiger bleiben als in anderen Industrieländern. Und entsprechend billig bleiben auch Strom und Wärme.

Neue Ära der Wettbewerbsfähigkeit

Die Erdgas-Bonanza hat weitreichende Folgen. „Das eröffnet der US-Wirtschaft eine neue Ära der Wettbewerbsfähigkeit. Investitionen, Industrieproduktion und Beschäftigung werden steigen“, prognostiziert Kevin Swift, Chefvolkswirt des Branchenverbands American Chemistry Council. Sichtbar sind diese Entwicklungen schon heute in der nordamerikanischen Chemieindustrie. Der Schiefergasboom verändert die Wettbewerbsfähigkeit des 760 Milliarden US-Dollar großen Industriesektors dramatisch. In den vergangenen Jahren hat sich die Branche vom Nettoimporteur zu einem Nettoexporteur gewandelt. „Manche Anlagen in den USA rechnen sich wieder, die noch vor zehn Jahren auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig waren. Wir profitieren mit unserer Produktion von den deutlich günstigeren Gaspreisen. Das reflektieren auch unsere Investitionsentscheidungen der vergangenen Jahre“, erklärt BASF-CFO Engel.

So hat die BASF 2011 eine Anlage zur Herstellung von Methylaminen in Betrieb genommen und im vergangenen Jahr ihren Cracker in Port Arthur umgestellt, so dass mehr erdgasbasierte Rohstoffe für die Produktion eingesetzt werden können. Und am Verbundstandort in Geismar wird gerade eine World-Scale-Anlage zur Herstellung von Ameisensäure gebaut. „Neben dem Zugang zu unseren Kunden brauchen wir qualifizierte Mitarbeiter, wettbewerbsfähige Rohstoff- und Energiekosten, eine gute Infrastruktur und verlässliche Rahmenbedingungen. All das ist in den USA gegeben“, preist Engel den Industriestandort Nordamerika.

„Game Changer“ Schiefergas

Solche Überlegungen werden längst nicht nur von CFOs in der Chemiebranche angestellt. Auch in anderen energieintensiven Sektoren fällt das Standortvotum immer öfter für die Vereinigten Staaten aus. Die Liste ausländischer Konzerne, die in den USA nicht nur für den lokalen Markt produzieren (Natural Hedge), sondern von dort aus auch in andere Märkte exportieren wollen, wird länger. „Die USA entwickeln sich zu einem der Industrieländer mit den günstigsten Kosten. Unternehmen aus Europa und Japan beginnen, das zu realisieren”, sagt Harold L. Sirkin, Senior Partner bei BCG.

Auch Robert McCutcheon von der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) ist vom Strukturwandel überzeugt, Erdgas für ihn der mit Abstand größte Impulsgeber. Ein „Game Changer“, der den Vereinigten Staaten als Industriestandort einen immensen Wettbewerbsvorteil gebe. Ein kürzlich veröffentlichter PwC-Report über den Einfluss von Schiefergas auf die US-Industrie kommt zu dem Ergebnis, dass dadurch bis 2025 eine Million neuer Arbeitsplätze entstehen und die Rohstoff- und Energiekosten der Unternehmen um bis zu 11,6 Milliarden US-Dollar jährlich sinken könnten.

Der österreichische Stahlkonzern Voestalpine beispielsweise will in den USA 1 Milliarde Dollar in eine neue Direktreduktionsanlage investieren. Rund die Hälfte des erzeugten Eisenkonzentrats von zwei Millionen Tonnen jährlich will man aus den Vereinigten Staaten nach Linz und Donawitz schippern, und damit die Stahlproduktion an den beiden österreichischen Standorten langfristig absichern. „Selbst unter Berücksichtigung der Transportkosten bleibt ein Kostenvorteil des US-Standortes im hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich“, sagt Finanzvorstand Robert Ottel.

Europa verliert den Anschluss

Der Schiefergasboom in den Vereinigten Staaten verunsichert europäische Produzenten, die befürchten, in energieintensiven Bereichen nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein. „Es ist ziemlich überraschend, welchen Einfluss Schiefergas hat. Die Produktionsverlagerung von Europa in die USA, die wir im petrochemischen Sektor sehen, findet nun auch in der Stahlindustrie statt“, glaubt Gordon Moffat, Direktor des europäischen Verbandes der Stahlproduzenten Eurofer. Doch wegen des Ausbaus erneuerbarer Energieträger ziehen die Energiepreise in der EU sogar an. So fürchten die beiden Lobbyorganisationen Orgalime und Ceemet, die zusammen rund 200.000 Unternehmen aus ganz Europa vertreten, um die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produzenten. Brüssel solle die Energie- und Klimapolitik der Europäischen Union mit der wirtschaftlichen Realität abgleichen, fordern sie. „Auch wenn die Energiekosten bei den meisten produzierenden Unternehmen nur 2 bis 5 Prozent des jährlichen Umsatzes ausmachen, bekommen die Unternehmen die hohen Preise indirekt über teurere Vorprodukte zu spüren“, sagt Adrian Harris, Generaldirektor von Orgalime.

Vor allem für Deutschland mit seinem hohen Anteil des produzierenden Gewerbes am BIP steigen die Belastungen. Ende 2011 lag der Industriestrompreis hierzulande 20 Prozent über dem EU-Durchschnitt; seit 2008 hat sich der Abstand mehr als verdoppelt. In den USA sind die Energiepreise nur noch etwa halb so hoch. Für ein deutsches Unternehmen mit einem Verbrauch von 50 Gigawattstunden bedeutet dies rund 1 Million Euro jährliche Zusatzkosten gegenüber dem EU-Wettbewerb und rund 3 Million Euro gegenüber US-Konkurrenten.

Für Fabian Zuleeg, Chefökonom des Brüsseler European Policy Centre ist all das ein Weckruf, in der Energiepolitik in Europa besser zusammenzuarbeiten. „Wir müssen eine bezahlbare, sichere Energieversorgung in Europa sicherstellen mit einem Binnenmarkt für Elektrizität.“ Andere Stimmen fordern, es den USA gleichzutun und die Schiefergasvorkommen auch in Europa auszubeuten. Auf EU-Ebene zeichnet sich eine Regelung ab, die Fracking befürwortet, aber an Umweltauflagen knüpft. Großbritannien hat im Dezember ein zwischenzeitliches Fracking-Verbot wieder aufgehoben und will nun europäischer Vorreiter in diesem Sektor werden. Doch den Vorsprung der Amerikaner schätzen Experten auf mindestens zehn Jahre. Die transatlantische Energiepreisschere wird in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach bestehen bleiben. CFOs sollten das in ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de

Dies ist die Kurzversion des aktuellen FINANCE-Titelthemas. Die ausführliche Version mit weiteren Hintergründen finden Sie in der aktuellen Ausgabe von FINANCE.

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