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„Jetzt ist Durchhaltevermögen gefragt“

„Gerade Soft Skills haben in der Krise eine wichtige Bedeutung“, meint Hays-Experte Johannes Becker.
Hays

Herr Becker, die Coronavirus-Pandemie hat die meisten Unternehmen in Deutschland völlig unvorbereitet getroffen. Viele Mitarbeiter aus Finanz- und Personalabteilungen mussten plötzlich ins Home Office, der persönliche Kontakt war fast komplett weg. Wie hat sich das auf das Recruiting ausgewirkt?

Gerade zu Beginn der Coronakrise im zweiten Quartal 2020 ist die Nachfrage nach Finanzexperten tatsächlich zurückgegangen. Die Unternehmen haben sich darauf konzentriert, bestehende Stellen zu sichern. Teilweise lag der Rückgang aber auch daran, dass eine große Unsicherheit darüber herrschte, wie der Recruiting-Prozess ablaufen soll: Das Reisen war sehr erschwert, persönliche Interviews waren kaum mehr möglich. Auch der Onboarding-Prozess konnte nicht wie bisher durchgeführt werden: Mit Home Office und strengen Abstandsregeln ist eine Einarbeitung schwierig. Doch inzwischen hat sich die Nachfrage nach Finanzern wieder teilweise normalisiert.

Corona hat bei vielen Unternehmen zu deutlichen Umsatzeinbrüchen geführt. Haben die Gehälter von Controllern, CFOs, Accountants & Co. schon einen Dämpfer erlitten?

Es kommt auf die Branchen an. In einigen Branchen wie etwa Automotive oder Tourismus haben sich die Jobperspektiven und entsprechend auch die Gehälter zwangsläufig verschlechtert. Punktuell zeichnet sich in manchen Branchen auch ab, dass Unternehmen Neueinsteigern aktuell ein Gehalt nur am unteren Ende der Gehaltsspanne anbieten, um ihnen dann in Zukunft Entwicklungsperspektiven zu bieten und so attraktiv zu bleiben.

Und wie sieht es außerhalb dieser Verliererbranchen aus?

Flächendeckend sehen wir tatsächlich nur kurzfristig einen Dämpfer. Mittel- und langfristig werden sich Job- und Gehaltsaussichten wieder normalisieren. Fakt ist: Auch wenn manche Projekte wegen Corona zunächst gestoppt wurden, so gibt es nach wie vor einen Fachkräftemangel. Unternehmen müssen gute Leute also mit attraktiven Gehältern überzeugen. Hinzu kommt: Während bestimmte Abteilungen in Unternehmen wie etwa Fertigung oder Produktion einem starken Corona-Effekt ausgesetzt sind und in Kurzarbeit mussten, sieht es im Finanzbereich anders aus, denn Jahresabschlüsse oder Budgetplanungen müssen unabhängig von Corona erstellt werden. So manche Finanzer sind jetzt sogar besonders gefragt.

Welche sind das?

Durch die Umsatzrückgänge kommt dem Risikomanagement und dem Cash Management aktuell eine höhere Bedeutung zu. Auch Controller sind jetzt besonders gefragt, denn sie müssen Kosteneinsparpotentiale identifizieren und bewerten. Szenarienanalysen vervielfachen zum Beispiel den Workload, genauso eine rollierende Planung.

Das klingt so, als könnten sich Finanzer – im Vergleich zu anderen Berufsgruppen – trotz Corona erst einmal zurücklehnen, weil ihre Stellen nicht gefährdet sind.

Nicht zwangsläufig. Manche, schon vor Corona bestehende Trends wurden durch die Krise noch weiter verschärft. Nach wie vor gilt: Je standardisierbarer eine Tätigkeit ist, umso höher ist der Automatisierungs- beziehungsweise Digitalisierungsgrad. Solche Tätigkeiten werden nachhaltig wegfallen – und das könnte gerade in Krisenzeiten, wo nach Einsparmöglichkeiten gesucht wird, noch schneller passieren als bisher erwartet. Und noch einen Punkt dürfen Bewerber nicht vergessen: Da durch Corona in dem ein oder anderen Unternehmen weniger eingestellt wurde, sind gerade recht viele gute Kandidaten am Markt verfügbar. Das heißt, der Wettbewerb zwischen den Kandidaten steigt.

Was können Controller, Buchhalter, Treasurer & Co. also tun, wenn ihr Job durch die Digitalisierung bedroht ist?

Weiterbildung ist auch für Finanzexperten ein zentraler Hebel, wenn es darum geht, das eigene Profil attraktiv zu gestalten. Erfahrung mit Digitalisierungsthemen ist im Finance-Bereich nach wie vor ein großer Pluspunkt. Wichtig ist, fachliche Themen in der Prozesslandschaft abbildbar machen zu können: Wer zum Beispiel Know-how an der Schnittstelle zu den ERP-Systemen vorweisen kann, wird hiervon monetär profitieren.

Tipps für die Gehaltsverhandlung von Finanzern

Mit welchen Skills können Finanzexperten jetzt außerdem noch punkten?

Gerade Soft Skills haben in der Krise eine wichtige Bedeutung. Führungspersonen wie CFOs oder leitende Finanzer sollten Empathie und Einfühlungsvermögen an den Tag legen, immerhin kann eine Krise für Angst oder Unsicherheit in der Belegschaft sorgen. Auch Kommunikationsstärke ist jetzt wichtig: Mitarbeiter und Belegschaft müssen sehr gut abgeholt werden, Transparenz ist unabdingbar. Nicht zuletzt sind jetzt auch Resilienz und Durchhaltevermögen gefragt, auch wenn vielleicht gerade eine Durststrecke beim Gehalt ansteht. Wenn sich jemand in der Krise als herausragend erwiesen hat, schlägt sich das auch künftig im Gehalt nieder.

Haben Sie einen konkreten Tipp, wie Finanzexperten ihre Gehaltsverhandlungen in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten am besten angehen sollen?

Grundsätzlich sollten sich Finanzexperten intensiv auf Verhandlungen vorbereiten und aufzeigen, in welchen Situationen und Projekten sie nachweislich einen Wertbeitrag für das Unternehmen geleistet haben. Da Gehaltsverhandlungen jedoch immer von mehreren Faktoren, wie beispielsweise der Branche, dem Unternehmenserfolg, der Rolle und nicht zuletzt der persönlichen Arbeitsleistung, abhängig sind, spielt letztlich auch die Überzeugungskraft des Mitarbeiters eine ausschlaggebende Rolle. Denn trotz Corona sind die Unternehmen auf sehr gute Mitarbeiter angewiesen und können sich nicht erlauben, diese „nur“ aufgrund ausbleibender beziehungsweise gering ausfallender Gehaltserhöhungen an Wettbewerber zu verlieren.

julia.schmitt[at]finance-magazin.de

Info

Und welcher Finanzexperte verdient wie viel? Im FINANCE-Gehaltsreport 2020 hat FINANCE mit Unterstützung von Hays die Gehaltsdaten für die Top-Berufe in deutschen Finanzabteilungen recherchiert und analysiert. Sie beruhen auf den Einschätzungen von Headhuntern, Personaldienstleistern und anderen Vergütungsspezialisten.

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Julia Schmitt ist Chef vom Dienst bei FINANCE-Online und Moderatorin bei FINANCE-TV. Sie betreut die Themenschwerpunkte Wirtschaftsprüfung, Controlling und Bilanzierung. Julia Schmitt hat einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre und Publizistik und arbeitete während ihres Studiums unter anderem in der Online-Redaktion der ZDF heute.de-Nachrichten.

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